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Sie lieben euch trotzdem! Warum Kinder ein deutliches „Nein" brauchen

Mutter und Sohn haben sich gestritten
© DimaBerlin / Shutterstock
Eltern dürfen nicht nur, sie sollen auch Nein sagen. Damit ihr Kind sie kennenlernt, sich in der Familie und in der Welt gut zurechtfindet.

Hier kommt ein Satz, den Zweijährige sofort unterschreiben würden, wenn sie schreiben könnten: Die Möglichkeit, Nein zu sagen, ist die Voraussetzung, bejahen zu können.* 

Aha. In die Sprache der Zweijährigen übersetzt, heißt das: NEIN! Ist das Lieblingswort dann ausreichend oft gebrüllt, kommt der zweite Teil des weisen Satzes, auf kleinkindisch: Naaa guuut. 

Kinder machen mit, wenn sie eine vertrauensvolle Beziehung zu ihren Eltern haben. Den eigenen Willen ohne Angst vor Liebesentzug und/oder Strafe demonstrieren zu können, gehört zum Vertrauensaufbau dazu. 

Eltern und Kinder sind ja ziemlich oft verschiedener Meinung, beide wollen durchsetzen, was ihnen wichtig ist. Pauline soll Mangold essen, Mangold ist gesund, meint Mama. Pauline will Gummibärchen essen, Gummibärchen sind lecker, meint Pauline. 

Warum Kinder Grenzen überschreiten

Zweijährige haben noch einen weiteren guten Grund, elterliche Grenzen zu überschreiten: Sie müssen Mama und Papa kennenlernen. Mit der Zeit merken sie, was die Großen gern erlauben, oder aber, was zuverlässig auf deren Widerstand stößt. Werden sie für diese wichtige Grenzerforschung geschimpft, kritisiert, angemotzt, dauert sie länger. Freundlich klare Ansagen werden von Kleinkindern verstanden, lautes Schimpfen führt zum Missverständnis. Ein genervtes „Was hast du jetzt schon wieder gemacht?“ klingt für Kinder nach: „Du bist falsch.“ 

Nötige Neins sollen sich nicht nach Ableh­nung der kleinen Person anhören, sondern nach einem Stopp für das, was die Großen nicht mögen. Haut die Zweijährige Papa zum dritten Mal ihren Kuschelpinguin auf den Kopf, kann der Getroffene liebevoll, aber entschieden sagen: „Nein, das ist ­unangenehm, das will ich nicht!“ Unterbricht das Kind das Gespräch mit der Freundin, kann Mama erklären: „Ich will zuerst weiter mit Carla sprechen, danach können wir miteinander reden.“ Kinder verstehen solche persönlichen Aussagen eher als pädagogisches Gedöns, nach dem Motto: Mit Kuschelpinguinen haut man nicht! 

Warum Nein so wichtig und so schwer ist

Mädchen sitz auf dem Boden und weint
© Iryna Inshyna / Shutterstock

Die kindliche Herausforderung des Neins ist für Eltern ein Dilemma. Einerseits müssen sie es sagen, damit ihr Kind lernt, sich in der Welt der Familienregeln, der Moral und der wichtigen Sicherheitsfragen („Nie bei Rot über die Straße!“) zurechtzufinden. Andererseits sagen sie das No-Wort überhaupt nicht gern, weil kein Mensch gern Nein sagt zu jemandem, den er liebt. Vor allem dann nicht, wenn dieser geliebte Mensch deshalb heulend unter dem Küchentisch liegt, gegen die Kinderzimmertüre tritt oder – noch schlimmer – sich schnullernd in seinem Bett verkriecht. 

Trauer, enttäuschte Erwartungen, Zorn. Ein kindlicher Gefühlscocktail, der in Konflikten normal ist. Er ist eine natürliche Reaktion auf die Mauer, die da plötzlich zwischen dem Kind und seinen Bedürfnissen steht. Bedürfnisse werden befriedigt. Punkt. Das weiß es noch aus Babyzeiten. Aber es entwickelt sich, unternimmt mehr, hat ­andere Einfälle, möchte sie umsetzen. Und stößt dabei immer öfter an Grenzen. Das ist nur natürlich und für seine Entwicklung so gewollt: Aus Versuch und Irrtum entstehen Wissen und Erkenntnis. Aha, ich kann Papa meinen Pinguin mit Karacho auf den Kopf hauen, aber toll findet der das nicht. 

Eltern dürfen den kindlichen Frust sportlich nehmen. Er kann laut sein, tränenreich, zornig. Aber er ist kein Bruch des Vertrauens zu Mama und Papa. Oder gar der Liebe zu ihnen. Im Gegenteil. Kinder, die sich geborgen fühlen, trauen sich aufzubegehren. Wer sich seiner Beziehungen in der Familie nicht sicher ist, verhält sich daheim dagegen eher unauffällig. Trumpft lieber dort auf, wo er die zerbrechliche Zuneigung nicht noch weiter aufs Spiel setzt, in der Kita zum Beispiel. 

Was können Eltern bei kindlichem Frust tun?

Aber wie umgehen mit so einem empörten Menschlein? Mit jemandem, der gerade die furchtbare Niederlage ertragen muss, Mamas Lieblingsvase nicht als Baggerschaufel benutzen zu dürfen. 

So wenig wie möglich einmischen! Sofortiger Trost oder Kleinreden („Alles nicht so schlimm!“) verunsichert nur. Denn klar ist es schlimm, wenn der tolle Bagger-Plan nicht aufgeht, war schließlich eine Superidee. Helfen kann eine Bemerkung, die den Kummer anerkennt: „Ich verstehe, dass du dich ärgerst. Ich hoffe, es geht dir bald besser.“ 

Es gibt Dinge, die sind nicht verhandelbar. Über andere können Eltern reden mit ihrem Kind. Je älter es wird, desto besser geht das. Sie können sich bei ihm erkundigen, warum etwas so wichtig ist, dass es dafür Streit riskiert. Dabei lernen sie viel über seine Absichten, Vorlieben, Motive. Und auch über sich selber. Warum sage ich eigentlich Nein zu Feenflügeln, die über die Winterjacke gezogen werden sollen? Sieht blöd aus. Stimmt. Aber das ist doch die Sache der kleinen Fee. 

Ein Nein ist ein Nein ist ein Nein? Nein. Kinder verändern und entwickeln sich. Eltern müssen offen sein für Neues, für die Weiterentwicklung, die oft im Wochentakt stattfindet. Feenflügel passen nicht nur übers Sommerkleid, Papa, die müssen auch über die Winterjacke, weil Feen auch im Winter fliegen wollen. Ach so, gut, dann eben Feenflügel im Schneeregen. 

Kinder, die Respekt spüren für ihre persönlichen Entscheidungen, hören selber viel besser auf das, was ihre Eltern sagen. Und halten sich dann auch daran. Meistens jedenfalls.

*Der Satz zum wichtigen Nein stammt vom klugen Kinderarzt und Entwicklungsforscher Remo Largo, der im November 2020 gestorben ist. Für Sabine Maus war er immer eine pädagogische Inspiration, ohne seine Bücher hätte sie ihre und andere Kinder weniger gut verstehen gelernt.

ELTERN

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