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Wenn Kinder lügen Gelernt ist gelernt

Wenn Kinder lügen: ein Kind kreuzt die Finger hinter dem Rücken
© Pascal Huot / Adobe Stock
Lügen will gelernt sein und ist entwicklungspsychologisch gesehen durchaus ein wichtiger Schritt.

Ab 3 Jahren

"Spicken? Ich doch nicht!"

Lügen will gelernt sein und ist entwicklungspsychologisch gesehen durchaus ein wichtiger Schritt

Mit etwa zwei Jahren lernen Kinder zu lügen. Mit fünf können sie es schon richtig gut. Wer glaubt, das sei eine Lüge, dem sei das Experiment von Prof. Kang Lee von der Uni Toronto in Kanada empfohlen: Er legte Kita-Kindern drei verdeckte Spielkarten vor und sagte: "Wenn ihr eine davon erratet, bekommt ihr eine tolle Überraschung." Dann verließ er kurz den Raum mit den Worten: "Oh nee, ich hab was vergessen. Ich bin gleich wieder da. Aber nicht spicken!"

Was passierte? Genau: 90 Prozent aller Kinder drehten die Karten um, kaum war der Professor aus dem Raum. Der hatte nichts anderes erwartet. Was ihn aber noch viel mehr interessierte, war, ob die Kinder das wohl auch zugeben würden. Das Ergebnis:

• 30 % aller Kinder im Alter von zwei Jahren, die die Karten umgedreht hatten, logen und behaupteten, nicht gespickt zu haben

• 50 % aller Kinder im Alter von drei Jahren logen

• 80 % aller Kinder im Alter von vier Jahren logen

• fast alle Kinder über fünf logen.

Dann prüfte Lee, ob Erwachsene erkennen können, wenn Kinder lügen. Er testete verschiedene Gruppen: Studenten (ohne Kinder), Sozial- und Jugendarbeiter, Polizisten, Zollfahnder, Jugendrichter, Eltern von anderen Kindern, Eltern der Kinder, die logen (oder auch nicht). Das Ergebnis war fast langweilig: Niemand erkannte, ob die Kleinen schwindelten oder die Wahrheit sagten – außer ein paar Wissenschaftlern, die sich mit transdermal optical imaging auskennen, einer Videosoftware, die Blutströme unter der Gesichtshaut erkennen kann.

Denn auch Kinder haben versteckte Emotionen beim Lügen: Angst, Schuldgefühle, Scham und Stolz ("liars delight") darauf, wie gut sie schon lügen können. Und das verursacht unbewusst den "Pinocchio-Effekt". Blut strömt aus den Wangen und in die Nase. Diese wird dabei warm – und für das Auge unmerkbar größer. Die Videosoftware von Prof. Lee allerdings konnte sie enttarnen.

Was lernen wir daraus?

Erstens: Schon die Kleinen sind Weltmeister im Pokerface-Aufsetzen.

Und zweitens: Auch wenn wir Eltern es mitunter moralisch zweifelhaft finden, wenn unser Kind nicht die Wahrheit sagt – entwicklungspsychologisch betrachtet ist Lügen ein wichtiger Schritt, meint Wissenschaftler Lee. Denn es erfordert zwei elementare soziale Fähigkeiten:

• Gedankenlesen – ich weiß etwas, von dem ich weiß, dass du es nicht weißt;

• Selbstkontrolle – ich kann meine Stimme, meine Mimik und meine Körpersprache kontrollieren.

Und er fand noch etwas heraus: Wenn Kinder gar nicht lügen können, steckt manchmal eine Verhaltensstörung dahinter: ADS zum Beispiel oder Autismus. Also her mit den kleinen Pinocchios! Ob wir uns das alles ausgedacht haben? Nein, wie kommt ihr denn da drauf!

Lügengeschichten

Pinocchio ist der berühmteste kleine Lügner der Welt und Held des gleichnamigen Kinderbuches. Immer wenn er lügt, wächst seine Nase ein paar Zentimeter. Super zum Vorlesen: "Pinocchio", das Vorlesebuch von Manuela Adreani, nach Carlo Collodi, 14,95 Euro, Edizioni White Star.

Ab 8 Jahren

Wann hast du das letzte Mal gelogen?

Kindergartenkinder verwechseln manchmal Fantasie und Wirklichkeit. Grundschulkinder können das schon gut voneinander unterscheiden. Drei typische Lügen aus dieser Altersgruppe und was sie bedeuten – erklärt von der Münchener Familientherapeutin Miriam Flick

"Neulich habe ich heimlich fünf Euro aus dem Geldbeutel von Papa genommen, weil ich meine beste Freundin zum Eis einladen wollte. Als er es gemerkt hat, hab ich einfach gesagt: Ich war’s nicht."

Jamila, 10

Miriam Flick: Wenn Eltern bemerken, dass Kinder lügen, macht das betroffen. Das Vertrauen wird auf die Probe und infrage gestellt. Oft folgen Konflikte, Anschuldigungen, Urteile und Strafen mit dem Ziel, dass "so etwas" nicht noch einmal passiert. Das hilft aber nicht weiter. Systemisch gesehen steckt nämlich hinter jeder Lüge ein guter Grund. In diesem Fall wollte Jamila mit dem Geld aus Papas Börse ihre Freundschaft zu einem anderen Mädchen stärken. Warum war das nötig? Gibt es nicht bessere Wege, das Ziel zu erreichen? Diese Dinge erforsche ich mit den Eltern und mit den Kindern, die zu mir kommen. Am liebsten, ohne das Wort "Lüge" auszusprechen. Das ist in den meisten Fällen mit Scham und Schuld verbunden. Mir geht es aber darum, herauszufinden, warum das Kind sich für seine Geschichte entschieden hat. Wenn alle Beteiligten das verstehen, wird aus dem beginnenden Vertrauensbruch oft ein neues Vertrauensverhältnis.

"Vor drei Wochen habe ich eine 5 in Rechnen geschrieben – und das, obwohl Mama mit mir geübt hat. Ich habe gesagt, ich habe eine 3 – und die Lehrerin hat den Test gleich wieder eingesammelt. Ich wollte Mama einfach nicht enttäuschen."

Leon, 8

Miriam Flick: Das ist natürlich keine besonders gute Lüge, weil sie spätestens beim nächsten Elterngespräch auffliegt. Aber diese Art der Lüge ist ziemlich typisch für diese Altersgruppe. Grundschulkinder wollen ihren Eltern gefallen. Deshalb erzählen sie Geschichten, die die Eltern hören möchten, oder verschweigen Dinge, die zu Enttäuschung oder Konflikten führen. In der Beratung versuche ich, das allen Beteiligten klarzumachen und Wege zu finden, wie man offen auch über schlechte Noten oder andere Niederlagen sprechen kann, ohne Strafen oder Ärger befürchten zu müssen. Manchmal hilft es schon sehr, wenn Eltern sich an die eigene Schulzeit erinnern.

"Ich muss zweimal in der Woche zum Fußballtraining, weil meine Eltern das so wollen. Aber ich hab gar keine Lust und bin auch so schlecht, dass die anderen mich ständig mobben. Deshalb sag ich zu Hause, dass ich zum Training gehe, obwohl ich das gar nicht tue und mich im Park rumtreibe."

Emil, 11

Miriam Flick: Wenn man Kinder zum Lügen bringen möchte, gibt es eine absolut sichere Strategie: sie unter Druck zu setzen. Dieser Fall ist ein gutes Beispiel dafür. Anstatt hier ausschließlich Emils Verhalten zu hinterfragen, sollten die Eltern ihre Erwartungen, Wünsche und eigenen Strategien erforschen. Und dann gemeinsam mit Emil einen Raum schaffen, in dem alle so sein und sich so zeigen dürfen, wie sie sind. Auch und gerade dann, wenn’s schwierig wird.

"Ganz schlimm sind Sätze wie: In diesem Haus wird nicht gelogen. Das wäre nämlich eine glatte Lüge. Alle Menschen lügen."

Prof. Dr. Matthias Gamer, Universität Würzburg

Ab 12 Jahren

Gute Lügen, schlechte Lügen

Der Psychologe und Lügenforscher Prof. Dr. Matthias Gamer von der Universität Würzburg erklärt, warum in der Pubertät am meisten gelogen wird

Eltern family: Wie ist die Definition von Lüge?

Prof. Dr. Matthias Gamer: Lügen ist, wenn man wissentlich etwas Falsches kommuniziert und damit eine bestimmte Absicht verfolgt. Wer unwissentlich etwas Falsches sagt, der lügt nicht. Wäre ja auch seltsam, wenn jemand eine Matheaufgabe falsch löst und dann als Lügner bezeichnet wird. Das Gegenteil der Lüge ist nicht die Wahrheit, sondern die Wahrhaftigkeit.

Ist die Fähigkeit zum Lügen angeboren, oder muss man das erst erlernen?

Man muss Lügen lernen. Eine ganz wichtige Grundlage des Lügens ist es, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Das können ganz kleine Kinder noch nicht. Die halten sich die Augen zu und denken, man kann sie nicht sehen, weil sie noch nicht den Entwicklungsschritt gemacht haben zu verstehen, dass das, was sie selbst erleben, nicht deckungsgleich ist mit dem, was andere erleben.

Wie oft lügen wir pro Tag?

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Menschen relativ selten lügen, durchschnittlich zweimal am Tag.

Welche Altersgruppe lügt am meisten?

Jugendliche in der Pubertät. Danach nimmt die Lügenhäufigkeit ab.

Warum lügen Kinder in der Pubertät so häufig?

Es könnte damit zusammenhängen, dass Jugendliche sehr stark mit der Identitätsfindung und dem eigenen Selbstwert beschäftigt sind und sich gegenüber anderen gut darstellen wollen. Es kann aber auch sein, dass diese Altersgruppe am meisten soziale Interaktion hat – und da gibt es viele Gelegenheiten zu lügen.

Was passiert beim Lügen im Gehirn?

Lügen ist ein komplexer kognitiver Akt. Da ist richtig viel los im Frontallappen, dem Teil des Gehirns, der wichtig für höhere geistige Funktionen ist. Man muss beim Lügen gleichzeitig die Wahrheit unterdrücken, seine Lügengeschichte fantasievoll entwickeln und zu allem Überfluss auch noch ständig zwischen Wahrheit und Lüge hin und her wechseln, damit das Ganze plausibel ist. Keine leichte Aufgabe.

Woran erkennt man, dass Teenager lügen?

Das ist sehr schwierig. Man hat eine gewisse Chance, wenn man von vielen verschiedenen Seiten nachfragt und schaut, wie konsistent die mutmaßliche Lügengeschichte ist. Aber ich will niemandem große Hoffnungen machen, dass Lügen leicht zu enttarnen sind. Auch nicht von den Eltern.

Wenn man als Eltern eine Lüge erkannt hat, wie reagiert man dann am besten?

Man muss Kinder nicht für jede Lüge bloßstellen. Lügen sind ein wichtiger Entwicklungsschritt. Bei kritischen Lügen, die relevant für das Wohlergehen des Kindes oder anderer sind – zum Beispiel bei der Frage: "Nimmst du Drogen?" oder "Wo warst du gestern Nacht?" –, sollte man das thematisieren und sagen, dass man sich Sorgen macht und Lügen dieser Art nicht akzeptieren kann.

Zwei Arten von Lügen

1. Egoistische Lügen machen etwa die Hälfte aller Lügen aus. Sie nützen dem Lügner und können anderen Menschen schaden.

2. Altruistische oder prosoziale Lügen (ca. 25 Prozent) nützen anderen. Zum Beispiel, wenn man anderen Menschen einen Gefallen tun möchte: "Bin ich zu dick?" – "Nein! Genau richtig."

Die übrigen etwa 25 Prozent der Lügen lassen sich nicht so klar einer dieser beiden Kategorien zuordnen.

ELTERN

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