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Bullerbü oder echtes Leben? Wie viel heile Welt brauchen Kinder?

Kinder lachen mit Mama morgens im Bett
© David Pereiras / Shutterstock
Das Corona-Ding, Schul­ärger, Mama und Papa verstehen sich nicht mehr so gut, Oma muss ins Krankenhaus. Nein, die Welt ist nicht immer nur schön. Kinder können damit umgehen. Wenn wir Erwachsenen ihnen zeigen, wie das geht.

Bullerbü lebt! Ida und Ilya kauern im Tipi, draußen rauscht der Regen über die Fensterscheibe. Im Gruppenraum sitzen außer den beiden Freundinnen nur noch Mel und Isabelle am Basteltisch. Mel schnippelt eierförmige Glitzerkreise, Isabelle klebt sie auf Zeitungspapier. Es ist still, viel stiller als sonst im Kinderland Wackelzahn. Notbetreuung. Coronazeit. Und das soll sich anfühlen wie Bullerbü? Ja, warum nicht?

Es sitzt sich warm und kuschelig im Kinderzelt, Idas bester Freund ist heute endlich auch mal wieder da. Für Mel und Isabelle gibt es Scheren, eine volle Tube Kleber und jede Menge Glitzerpapier. Friede, Freude, Eierkuchen. Manchmal braucht es dafür nicht mehr. Kinderglück kann sehr einfach sein. Auch in schwerer Zeit. Aber klar, wir wollen nichts beschönigen: Die Pandemie-Krise geht auch an den Jüngeren nicht spurlos vorbei.

Depressive Verstimmungen, Rückzug, Essstörungen, Angst – all das hat zugenommen unter Kindern und Jugendlichen während der letzten Monate, sagen Experten. Eher selten sind es jedoch – zum Glück! – Störungen, die eine Therapie nötig machen würden. Vielen Eltern fällt aber auf, dass ihre Kinder mehr Stimmungsschwankungen zeigen, zunehmend besorgte Fragen stellen, angestrengt sind vom Lernen vor dem Bildschirm und ohne Klassen­verband, dass Langeweile zunehmen, Chipstüten und auch der Medienkonsum.

Ulrike Ravens-Sieberer, Forschungsdirektorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uni-Klinikum Hamburg- Eppendorf untersucht für eine Langzeitstudie seit 20 Jahren, wie es um die Psyche von Kindern in Deutschland steht. Im Frühjahr startete sie zusätzlich die Pandemie-Befragung Copsy („Corona und Psyche“) unter 1000 Kinder ab sieben Jahren und 1500 Eltern. Vielen Heranwachsenden, so das Ergebnis, drückte schon die erste Welle der Pandemie auf die Stimmung, den älteren mehr als den jüngeren. Seither ist es nicht besser geworden, sagt Ravens-Sieberer: „Lebensqualität und das psychische Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen haben sich weiter verschlechtert.“ Bei einer erneuten Copsy- Nachfrage Anfang 2021 fühlten sich 85 Prozent der befragten Grundschulkinder und Jugendlichen von der Pandemie belastet, 2020 waren es noch 71 Prozent. Eine depressive Verstimmung stellte Ravens-Sieberer bei 15 statt zuvor elf Prozent der jungen Studienteilnehmer fest. 

Aber, auch das sagt die Psychiaterin, die allermeisten Kinder haben gute Ressourcen und Aussichten. Wenige bis keine Freunde treffen in C-Zeiten? Sehr langweilig, aber Papa wirft auch ganz passable Körbe im Hof. Dass Oma und Opa nicht zum Geburtstag kommen konnten? Schon sehr traurig, aber sie schickten ja Geschenke und eine Sprachnachricht mit Geburtstagslied. Mama ist nicht immer nur wunderbar gelaunt im Home­office, leider. Aber wenn sie fertig ist mit Haare­raufen und Laptopanbrüllen, macht sie ihre Arme weit auf. Sie nimmt sich Zeit zum Kuscheln mit der Kleinen und für ein Gespräch mit der Großen.

Die Mehrheit der Kinder wird gut durch die Krise kommen. Wir rechnen nicht mit einer Generation Corona. Es hat uns erstaunt, welche Kraft die gesunde Familie hat. Wenn Kinder und Jugendliche das Gefühl haben, sie sind willkommen, sie fühlen sich in ihrer Familie wohl und gut aufgehoben, werden geliebt, dann ist das ein ganz wichtiger Schutz­faktor, der viele andere Risiken puffern kann“, sagt Expertin Ravens-Sieberer.

Wirklich traurig und bedenklich, ja bedrohlich ist aber die Tatsache, dass es Kinder gibt, die ohne diese Ressourcen auskommen müssen. Die kaum Unterstützung haben, weil niemand da ist, der sie leisten kann. Das war schon vor Corona so und hat sich durch die Isolation, in der Familien im Lockdown leben müssen, noch verschärft.

Kinder brauchen keine Welt, die nur schön, heil und rosafarben ist. Sie können mit Grautönen umgehen, aber sie brauchen dafür Rückhalt und Anleitung. Enttäuschungen überwinden, Niederlagen verkraften, Ängste bewältigen, das alles müssen sie erst lernen. Sie lernen es von Eltern, die Probleme anerkennen. Die nicht kleinreden, leugnen, wegschieben.

„Aus Selbstschutz neigen Eltern zum Beschönigen“, sagt Silke Krämer, Pädagogin und Familiencoach in Heidelberg, „wir leiden, wenn unsere Kinder leiden, deshalb negieren wir ihren Kummer.“

Der beste Freund schimpft Finn einen schlechten Fußballspieler. Einen Loser, der das Tor nicht trifft. „Das hat er bestimmt nur gesagt, weil er gerade wütend war“, wiegelt Finns Mama ab. Ein Satz, der trösten soll, aber nicht unbedingt hilft, meint Silke Krämer: „Warum sagt sie nicht einfach, dass es blöd ist, so mit einem Freund zu reden. Dass sie versteht, wie sehr Finn davon getroffen ist. Eltern sollten den Gefühlen ihrer Kinder Raum geben, auch den schlechten Gefühlen. Heiße Trostschokolade können sie dann immer noch kochen.“

Krisenmanagement 

Kinder wissen nicht, wie das geht. Sie ahmen nach, was Erwachsene ihnen vorleben. Wenn die so tun, als wäre alles okay, obwohl Mama und Papa ständig streiten und das Geld knapp ist, entsteht ein leerer Raum, der hilflos macht. Das Kind spürt die Verwerfungen, kann sie aber nicht ansprechen, weil das nicht gewünscht ist von den Erwachsenen.

In schwierigen Lebensmomenten aber geht es den Kleinen wie den Großen: Um im Gefühlschaos nicht unterzugehen, muss man sich als handlungsfähig erleben. Die Siebenjährige wird die Probleme ihrer Eltern nicht lösen. Aber sie kann mit Mama eine Runde singen, was den beiden immer so Spaß macht. Sie kann Papa sein geliebtes Zimtjoghurt anrühren. Schön, wenn die Eltern dann sagen: „Das hat mir gutgetan!“ Was natürlich auch ein Eingeständnis ist: Ansonsten läuft es gerade nicht so supertoll. Aber wir versuchen gemeinsam, das Beste daraus zu machen.

„Sich an dem zu orientieren, was gut genug ist, ist eine Kunst“, meint der Psychologe und Coach Lars Mandelkow, der Eltern in seinem gleichnamigen Buch vor dem „Bullerbü-Komplex“ warnt: „Wann kann ich beginnen, zufrieden zu sein? Wann habe ich das letzte Mal meine Kinder dafür gefeiert, dass sie eine Drei nach Hause gebracht haben? Wann habe ich mich selbst dafür gefeiert, dass mir eine Aufgabe ‚ganz gut‘ gelungen ist? Und nicht ‚ganz großartig‘? Es ist eine Haltung und Übungssache, nicht immer nach oben zu gucken, dorthin, wo es besser läuft.“

Es gibt sie, diese Bullerbü-Momente. Das erste Picknick im Jahr, die Kinder flechten Gänseblümchenkränze. Ein Strandspaziergang, das Jüngste wälzt sich im Sand, bis es aussieht wie ein Wiener Schnitzel. Ein friedlicher Sonntagmorgen, keine Toastbrotscheibe angebrannt, die Aprikosenmarmelade leuchtet sonnengelb. Daran gibt es doch nichts zu meckern, oder?

„Bedenklich ist, dass dieses Bullerbü-Bild bei vielen jungen Familien ein Idealbild geworden ist, dem sie hinterherstreben und dann grandios daran scheitern. Denn in unserer wirklichen Welt kann es nie so sein wie in Bullerbü. Ich kenne viele Familien, die versuchen, so einen pastellfarbenen Alltag hinzukriegen. Im rauen Echtzeitleben mit Schulterminen, Leistungsdruck und so weiter schaffen sie es aber nicht. Und meinen dann, sie hätten etwas falsch gemacht“, sagt Psychologe Lars Mandelkow.

Fehler 

Wenn die erlaubt sind, machen sie Kinder stark. „Heranwachsende müssen die Chance haben, nach Niederlagen wieder aufzustehen, sich selber zu retten. Dann verstehen sie, dass kein Kummer, Pech, Problem für immer bleibt“, sagt Kindertherapeutin Silke Krämer. Damit sie diese Erfahrung machen können, dürfen Eltern nicht zu schnell und zu oft eingreifen.

„Wenn Mama zum Lehrer läuft, um eine neue Chance für ein Referat zu erbitten, mit dem ihr Kind dann seine Note rettet, hat sie 50 Prozent Anteil an der Lösung des Problems. Sohn oder Tochter hat dafür aber auch nur 50 Prozent des Erfolges für sich. Der Mut, eigenständig nach einer zweiten Chance zu fragen, hätte 100-prozentig stolz gemacht“, erklärt Silke Krämer die Bremswirkung von elterlicher Einmischung. 

Eigentlich können Mütter und Väter es ja gut, das Einfach-mal-Laufenlassen. Und zwar genau dort, wo es nur darum geht: laufen lassen. Die ersten Wackelschritte des Einjährigen werden noch von großen Händen begleitet, aber irgendwann lassen wir los. Weil wir instinktiv wissen: Kein Kind lernt selbstständig gehen, wenn es zwischendurch nicht auf den Po plumpsen darf. Wir müssen es loslassen, damit es sich danach hochziehen und allein weitermachen kann.

Schöne Kinderwelt 

Das ist eine, in der es nach Krisen weitergeht. Es ist eine, in der der beste Freund über­raschend in die Notbetreuung kommt. In der man in der ersten warmen Frühsommernacht die Rabimmel-Rabammel-Rabumm-Laterne hervorholen und den Martinsumzug nachholen darf. Es ist eine Welt, in der es Hoffnung gibt, Unterstützung und Tatkraft. Und dafür müssen wir nicht in Bullerbü wohnen, das geht auch in Oberuntertiefenbach. Oder überall sonst, wo Liebe ist.

ELTERN

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