Langzeitstillen
 
Ich stille noch. Na und?!?

Iris ist 42 Jahre alt und Mutter von zwei Kindern. Vor kurzem hat sich ihre Tochter selbst abgestillt – im Alter von fast sieben Jahren. Auch ihren Sohn, der mittlerweile 14 ist, hat sie bis zu seinem sechsten Geburtstag gestillt. Vorgenommen hatte sie sich das beim ersten Kind nicht. Es passierte einfach so. Hier erzählt sie ihre Geschichte.

Langzeitstillen : Ich stille noch. Na und?!?

„Mein Sohn ist jetzt 14 und kann sich noch gut an unsere gemeinsame Stillzeit erinnern. Die Zeit hat er sehr genossen, und ich auch. Er war ein schwieriges Kind, hat viel geweint und war oft wütend. Dann hat er im Kindergarten zum Beispiel andere Kinder geschlagen. Das Stillen hat ihn beruhigt. Ich habe ihm die ersten drei Jahre überall die Brust gegeben – im Café, im Park und auch auf dem Spielplatz. Immer, wenn er gerade trinken wollte. Feste Stillzeiten hatten wir nicht. Auch nachts hat er einfach unterschiedlich oft getrunken. Ich wollte, dass er selbst entscheiden kann, wie lange er die Brust will und wann er damit aufhören möchte.
 
Als mein Sohn ein Jahr alt war, bin ich wieder zur Arbeit im Zollamt gegangen. Er war bei einer Tagesmutter untergebracht. Dort hat er ganz normal gegessen, feste Nahrung, wie die anderen Kinder. Anfangs habe ich noch Milch abgepumpt, damit ich keine Brustentzündung kriege. Aber das hat sich schnell reguliert. Die Brust produziert ja immer nur so viel Milch, wie wirklich benötigt wird. Zu Hause habe ich dann weiter nach Bedarf gestillt. Nebenbei hat er auch hier feste Nahrung zu sich genommen.
 

Der Druck von außen war groß

Als mein Sohn etwa drei war, habe ich aufgehört, ihn in der Öffentlichkeit zu stillen. Stattdessen zogen wir uns zurück, in einen anderen Raum. Oder wir gingen nach Hause. Die Reaktionen in der Öffentlichkeit haben mich dazu gebracht. Viele waren entsetzt, als sie sahen, dass ich meinen Sohn, der schon Laufen und Sprechen kann und alle Zähne hat, noch stille. Sie fragten, ob er nicht langsam zu alt dafür wäre.
 
Einmal waren wir zusammen in einem Beachclub. Hinter uns saßen ein paar junge Mädchen, die sicher selbst noch keine Kinder hatten. Als sie sahen, wie ich meinen Sohn stillte, zeigten sie mit dem Finger auf mich, fingen laut an zu lachen und zu lästern. Das hat mich sehr verletzt. Mein Sohn hat die Situation glücklicher Weise nicht ganz durchschaut und einfach weiter getrunken, aber diesen Reaktionen wollte ich ihn nicht aussetzen.
 

Nach sechs Jahren kommt das zweite Kind

Als ich dann wieder schwanger wurde, haben wir uns beide dafür entschieden, nicht weiter zu stillen. Da war mein Sohn sechs Jahre alt. Ich habe mit meinem Sohn geredet und ihm erklärt, dass ich ein Baby im Bauch habe und dass meine Milch für das Kleine gespart werden muss. Außerdem tat mir in der Schwangerschaft beim Stillen die Brust weh.
Anfangs wollte er es nicht akzeptieren und probierte noch einmal, an der Brust zu trinken. Aber das tat mir dann sehr weh, ich habe laut Aua gerufen. Darüber war er ganz erschrocken, hat sofort aufgehört zu trinken und dann ganz lieb angefangen, meine Brust zu streicheln. Er sagte dann, dass er nicht mehr trinken wolle, weil er nicht möchte, dass ich Schmerzen habe. Außerdem solle die Milch für das neue Baby sein.

Meine Tochter habe ich von Anfang an gestillt. Auch bei ihr habe ich mir keinen Zeitpunkt gesetzt, an dem ich damit aufhören wollte. Sie hat sich dann selbst abgestillt, vor etwa einem dreiviertel Jahr. Da war sie sechs. Als ich ihr die Brust anbot, sagte sie: “Mama, ich bin groß und ich möchte nicht mehr trinken.“ Das war für uns beide in Ordnung und der perfekte Zeitpunkt aufzuhören.
 

Ein Mann muss meine Einstellung zum Stillen akzeptieren

Meine Kinder haben das Stillen „Süffeln“ oder „Mamar“ genannt, Mamar heißt an der Brust trinken auf Portugiesisch. Beide sprechen die Sprache fließend.
 
Während meiner Stillzeit hatte ich eine längere, feste Beziehung zu einem Mann. Das Stillen war dabei nie ein Thema oder ein Problem. Wenn ein Mann mich haben will, muss er auch meine Einstellung zum Stillen akzeptieren. Sonst können wir keine Beziehung führen.
Bevor ich Mutter wurde, habe ich mir nicht überlegt, wie lange ich stillen möchte. Abstillen war aber trotzdem immer wieder ein Thema. Der Druck von außen war riesig. Viele warfen mir vor, mein Kind zu benutzen und diagnostizierten bei mir eine Bindungsstörung. Andere redeten davon, dass es ihm sicher peinlich sein würde. Oder sie waren sogar sicher, dass er später kriminell werden würde, wegen der langen Stillzeit.
Meiner Meinung nach versucht die Umwelt, das Natürliche als abnormal zu stigmatisieren. Ich bin froh, mich gegen den gesellschaftlichen Druck durchgesetzt zu haben und meinen Kindern das Stillen so lange ermöglicht zu haben.“