Bindung
 
Mama fremdelt

Manchmal verstehen sich Mutter und Baby einfach nicht. Eine Mutter erzählt, wie sie mit ihrer Tochter einfach nicht warm werden konnte - und wie sie dann trotzdem ein gutes Verhältnis zu ihr bekam. Vielleicht haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht?

Fremdeln
iStock, Peopleimages

"Also dann, bis heut Abend. Ihr kommt sicher klar.-" "Nein!", wollte ich schreien, als Matthias aus dem Haus ging. "Ich komme überhaupt nicht klar! Lass mich nicht mit dem Monster alleine!" Aber mein Mann musste nach einer Woche Babyurlaub wieder zur Arbeit. Und ich blieb nicht nur mit unserer Tochter Katharina zu Hause, sondern auch mit einem Problem: Ich verstand mich mit meinem Baby nicht. Meine Tochter war kein Schmusebaby. "Nun nehmen Sie Ihr Kind doch mal in den Arm", hatte schon am Tag der Geburt eine Ärztin gemahnt. Leider hatte die Gute keine Ahnung. Sobald ich Kathi schaukelte, schrie sie nämlich los - so schien es mir wenigstens, nachdem es zweimal geschehen war. Warum war mein Baby so renitent? Ich kämpfte sehr mit meiner Enttäuschung. Vielleicht klappte es auch deshalb nicht mit dem Stillen. Wie sehr hatte ich mich in der Schwangerschaft gefreut: Tanzen wollte ich mit Kathi auf dem Arm oder auf dem Sofa schmusen. Stattdessen hatte ich einen widerborstigen Schreihals, der jedesmal 50 Minuten lang an meinen entzündeten Brustwarzen saugen wollte. Nicht nur wegen der Stillhütchen, die ich dabei überzog, kam ich mir wie eine Versagerin vor. Zwischen mir und meinem Kind war eine Gummimauer. Ich heulte oft.

Selbst wenn Katharina ruhig und satt war, wusste ich nicht weiter. Oft saß ich mit ihr in der Küche und betrachtete sie, nachdem sie getrunken hatte. Mit großen Augen schaute sie mich an und schien auf etwas zu warten. "Was soll ich mit dir machen?", flüsterte ich. Ich hatte unter allen Rasseln und Stofftieren kein Lieblingsspielzeug erkennen können. Alles schien sie zu langweilen. Nahm ich sie aber auf den Arm, argwöhnte sie eine Schlafstrategie – und schrie das Haus wach. Mit dem Problem, keinen Draht zu meinem Kind zu finden, war ich alleine. Matthias verstand es nicht, denn er war bis über beide Ohren verliebt in die Kleine. "Schau doch, schau! Ist die süß!", hatte er bei der Geburt gerufen. Seitdem hatte sich nichts verändert: Spielte er mit ihr, waren beide überglücklich. Ihm fielen immer die richtigen Kabbeleien ein, er wirbelte sie herum, als hätte er nie etwas anderes getan. Bei ihm lachte und quietschte sie. Papa kann es, Mama stellt sich an wie eine Idiotin - so fühlte sich der Anblick an.

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Darüber reden? Viel zu peinlich!

In schwierigen Situationen ertappte ich mich zwei oder dreimal sogar bei Gedanken, die Mütter grundsätzlich nicht haben sollten. "Ich kann das Kind nicht leiden", lautete einer. Oder "Wenn man das Geschrei nur abwürgen könnte" ein anderer. Das war viel zu peinlich, um mit irgendjemandem darüber zu reden. Schließlich kannte ich in meinem Bekanntenkreis nur Mütter, die mit ihren Babys ordnungsgemäß verschmolzen. Ich setzte daher alles daran, meine Probleme hinter Äußerlichkeiten zu verbergen. Ich ersteigerte Kathi im Internet die süßesten Kleider. Ich verabredete mich mit Freunden und Verwandten, damit sie uns bewunderten. Da wir nun mal zusammengewürfelt waren, tat ich eben so, als würde ich sie lieben. Das klingt schrecklich. Doch so erarbeiteten wir uns im Laufe der Zeit einen gemeinsamen Lebensstil. Die Rituale schweißten uns immerhin an einer Kante zusammen: Sich fürs Ausgehen schön zu machen gefiel uns beiden. Oder wir posierten mit wilden Fangspielen für Matthias' Videokamera.

Immer die quälende Frage: Warum?

Während Katharina sprechen lernte und natürlich ein ausgemachtes "Papakind" wurde, fand ich immer bessere Erklärungen, warum zwischen ihr und mir nicht die große Liebe herrschte. Das Glas Wein, das ich im sechsten Monat getrunken hatte, musste die Ursache sein. Oder meine mangelnde Erfahrung mit Kindern. Kathi war ja das erste Baby, das ich überhaupt berührt hatte! Mein Favorit war aber der Stromschlag, den ich mir im fünften Monat bei der Besichtigung einer Papierfabrik zugezogen hatte. Bestimmt hatte er mir und Kathi das Urvertrauen zueinander geraubt. Diese Erklärungen waren nur geschönte Formen einer einzigen Überzeugung: Ich bin schuld!!

Die Wende? Kam mit dem Zweiten

Katharina war vier, als endlich der Moment kam, der alles änderte: die Geburt unseres zweiten Kindes. Valentin und ich sahen uns nur kurz in die Augen und wussten, wir waren füreinander gemacht. Ihn stillte ich problemlos. Er hatte denselben Schlafrhythmus wie ich, sein Geschrei klang für mich wie Silberglöckchen. Ich jubelte. Die große Babyliebe gibt es also doch! Und ich bin kein kalter Fisch. Es gibt Kinder, die liegen auf einer Wellenlänge mit ihren Eltern, und es gibt solche, die tun es nicht: Es dauerte ein paar Wochen, bis ich das - mit Valentin auf dem Wickeltisch und einer eifersüchtig johlenden Vierjährigen daneben – begriff. Doch als die Erkenntnis auf Grund gesickert war, machte sich zwischen Kathi und mir riesige Erleichterung breit. Mit einem Mal begann ich, sie mit anderen Augen zu sehen. Ihre laute Art war kein Fluch, mit dem das Schicksal mich bestrafen wollte, sondern einfach ein Charakterzug. Plötzlich konnte ich ihre Vehemenz sogar bewundern. Und wenn sie im hohen C tobte: "Der Valentin soll tot sein!", fühlte ich mich nicht mehr provoziert, sondern verstand: Sie wollte nur in meine Arme. Anders herum schien auch Kathi von mir beeindruckt, wenn sie mich mit so etwas Kompliziertem wie einem Baby sah. Wir lernten uns neu kennen. Das fühlte sich wunderbar an. Heute ist mein Problembaby sechs. Es lehnt immer noch alles Ruhige ab, treibt täglich Sport. Kurz nach der Geburt hätte mir die Prophezeiung nichts geholfen, aber: Mit der Zeit ist alles besser geworden. Es passiert sogar immer öfter, dass wir uns spontan umarmen. "Du bist meine allerliebste Mami", säuselt Kathi dann. Ein bisschen künstlich, so wie ich früher bei unseren Prinzessinnenpartys. Es gibt noch vieles, was wir aneinander entdecken können.