Wie Ihr Kind die Welt versteht

Aufregend, neu, riesig, rätselhaft ist das Leben für unsere Kinder. Wer sich auf ihre Sicht der Dinge einlässt, wird verzaubert und begreift. Deshalb: begleiten sie mit uns die kleine Anna vom ersten Tag an bis ins Kindergartenalter

: Wie Ihr Kind die Welt versteht

Ein kleiner Helligkeitsschock: Anna erblickt das Licht der Welt. Sie nimmt Bewegungen im Kreißsaal wahr, laute Geräusche, neue Gerüche. Viel besser als die Augen helfen ihr Ohren und Nase bei der Orientierung. Vor allem der Geruchssinn. Das weiß man, seit ein respektloser Forscher ein Neugeborenes sprichwörtlich an der Nase herumführte: Er gab ein paar Tropfen Milch aus der Brust der Mutter auf deren Rücken und reinigte danach die Brustwarzen. Der Säugling suchte seine erste Mahlzeit daraufhin zwischen Mamas Schulterblättern.
Mit dem Sehen ist es so eine Sache. Anna kann zwar bereits in den ersten Tagen verschiedene Farben wahrnehmen, Entfernungen einschätzen, und doch gibt es nur zwei Räume für sie: den nahen und den unerreichbaren. Alles, was weiter als eine Armlänge weg ist, sieht sie nur verschwommen. Einigermaßen deutlich nimmt Anna den Nahbereich wahr, Dinge in einem Abstand von 20 bis 30 Zentimetern, also genau die Distanz, die Mama und Papa mit ihrem Gesicht beim Stillen, Tragen bzw. Wickeln automatisch einnehmen.
In den ersten Monaten sind Babys von Kopf bis Fuß auf Menschen eingestellt: Natürlich erkennen sie Gegenstände wie den Schnuller oder ihren Teddy wieder, aber noch viel mehr interessieren sie sich für Gesichter. Bis zur sechsten, siebten Woche beachten sie vor allem Konturen und starke Kontraste, also z. B. Papas Augenbrauen. Solche Details nehmen die vier Wochen alte Anna regelrecht gefangen, sie kann zur Verwunderung ihrer Eltern den Blick gar nicht mehr loslassen. Als gelinge es zunächst nur mit diesem Tunnelblick, Ordnung in ihre kleine Welt zu bringen.
Drei Monate später: Anna lächelt nun fast jeden an und erntet strahlende Gesichter, nicht nur von Mama und Papa. Sie knüpft erste soziale Kontakte.

Merkwürdig: Dinge kommen und verschwinden

Auch Annas motorische Fähigkeiten machen jetzt große Fortschritte. Damit erweitert sich ihr Aktionskreis, sie kann jetzt gezielt nach der Rassel greifen, ihren Teddy befühlen: Die Welt der Dinge eröffnet sich ihr. Mit jeder Drehung ihres Kopfes entdeckt sie Neues. Und es geschehen wahrlich merkwürdige Dinge: Gegenstände kommen und verschwinden. Alles gleicht, wie es der amerikanische Entwicklungspsychologe Andrew Meltzoff formulierte, "einer endlosen Zaubervorführung". Da ist zum Beispiel die Modelleisenbahn von Annas Bruder. Er lässt sie in einen Tunnel fahren und hält dort an. Anna schaut auf den Tunnel-Eingang und staunt. Einfach weg, die Lok (für Entwicklungspsychologen ist das übrigens ein klassischer Versuch).
Anna kommt nicht auf die Idee, unter dem Tunnel nachzuschauen, wo der Zug geblieben ist. Das versteht sie erst mit einem halben Jahr. Da geht ihr Blick dann, sobald die Lok im Tunnel verschwindet, zum Tunnel-Ausgang, weil sie erwartet, dass der Zug dort hinausfährt. Sie weiß jetzt, dass Gegenstände, die versteckt werden, nicht aufhören zu existieren.

Bald gelingt Anna der Blick hinter die Fassade

Je besser ihre Sehkraft (mit etwa einem halben Jahr passt sich die Sehschärfe verschiedenen Entfernungen an), desto genauer kann sie die Gesichter um sich herum auseinander halten. Mit sechs, sieben Monaten erkennt sie ihre Eltern und den großen Bruder schon aus einigen Metern Entfernung. Sie identifiziert aber eben auch Unbekannte - was ihr Angst macht. Annas Eltern wundern sich, dass ihre Tochter plötzlich fremdelt.
Anna fängt an zu krabbeln und will ihre nähere Umgebung erforschen, allerdings noch nicht ohne Mama, Papa oder ihren Bruder. Einer von ihnen muss immer dabei sein. Ein Spiel mag sie ganz besonders: versteckte Sachen wiederfinden. Sie versichert sich damit immer wieder der beruhigenden Tatsache, dass wichtige Dinge weiter bestehen –auch wenn sie sie gerade nicht sieht. Etwa ihr Vater, der seinen Kopf hinter dem Vorhang verschwinden lässt und "Kuckuck" ruft. Taucht er wieder auf, schreit Anna: "Da." Die Sinne des neun Monate alten Kindes funktionieren bereits wie bei uns Erwachsenen. Mehr noch: Anna kann am Ende des ersten Lebensjahres sogar schon Wünsche oder Gedanken Erwachsener deuten, ohne direkt mit der Nase darauf gestoßen zu werden.
Sie versteht jetzt z. B., wenn ihr Mama die Katze im Garten zeigen will. Früher blieb Annas Blick auf dem zeigenden Finger haften. Nun aber wendet sie ihn vom Finger zum gezeigten Gegenstand – eine neue Ebene der Kommunikation.

Zwischen Angst und Forscherdrang

Anna ist 15 Monate alt. Sie läuft. War sie anfangs noch etwas wackelig, bewegt sie sich jetzt sicher und schnell. Sie fühlt sich gut: Endlich kann sie all die interessanten Dinge allein erreichen. Sie bestimmt endlich selbst, in welche Richtung sie gehen, was sie sich anschauen möchte. Das ist aufregend und spannend. Sie besucht mit ihrer Mama ein großes Einkaufszentrum. Im Foyer stehen Töpfe mit Palmen, ein Springbrunnen, Bänke, Schaukeltiere, viele Menschen sind unterwegs. Anna ist fasziniert und fühlt sich magisch angezogen vom Brunnen mit dem plätschernden Wasser. Noch hält sie sich an der Mama fest, ihrer einzigen Sicherheit in dieser Welt, die sie nicht versteht. Das bunte Treiben verwirrt sie, nichts ist Anna vertraut. Doch ihre Abenteuerlust erwacht. Sie spürt, wie ein innerer Sog sie weg von der Mama hin zum Brunnen zieht. Anna schwankt zwischen zwei für ihr Alter typischen Tendenzen: der Bindung zu ihrer Mutter, die sie schützt, und der Neugier, die ihr hilft, klug zu werden. Jetzt macht sie einen Schritt, kehrt wieder zurück, bewegt sich ein Stück weiter, schaut sich um. Mama ist noch da. Anna fühlt sich sicher. Jetzt kann sie nichts mehr bremsen. Die Neugier ist stärker als die Angst. Die Bindung zur Mama wird schwächer, ihr Forscherdrang überwältigt sie. Sie läuft los, wird schneller, patscht mit ihren Händchen ins Wasser, geht um den Springbrunnen herum. Plötzlich stoppt sie, dreht sich um. Sie sieht viele Menschen, aber nicht ihre Mama. Ihre Freude ist weg. Sie fühlt sich elend. Die Kraft verlässt sie. Das Wasser, der Brunnen – alles ist unwichtig. Anna bricht in Panik aus und schreit. Erst als die Mutter auftaucht und sie auf den Arm nimmt, verschwindet die Angst. Anna fühlt sich wieder sicherer und spürt, wie ihre Kraft zurückkehrt. Ihre Lust zu forschen wächst erneut.
Anna braucht vertraute Menschen. Sie sind ihre Basis. Zu ihnen kehrt sie immer wieder zurück, dort tankt sie auf. Nur so hat sie genügend Energie, um hinaus in die Welt zu marschieren. Allerdings sollen die Erwachsenen ihr nur folgen und sie begleiten: Anna möchte selbst bestimmen, wohin sie gehen, was sie entdecken und wie weit sie sich entfernen will.

Die Erwachsenen nennen dieses Verhalten "Trotz"

Mit zwei Jahren hat Anna ein gewaltiges Selbstvertrauen. "Ich kann alles, und die Welt dreht sich um mich." Das ist nun Annas Lebensgefühl. Je mehr Erfahrungen sie sammelt, umso klüger wird sie, umso konkreter sind ihre Ziele. Anna macht Pläne. Nicht für den ganzen Tag, aber für die nächsten Minuten. Sie sieht Mamas Musikanlage. Viele Tasten, die man drücken kann. Und immer leuchtet irgendwo ein Lämpchen auf. Das ist das spannendste Spiel, das sie sich vorstellen kann. Ob die Lichter auch heute angehen? Anna wird von der Freude und Lust am Ausprobieren überwältigt. Sie vergisst, dass Mama ihr gestern verboten hat, diese Knöpfe zu drücken. Auch heute wird sie gebremst. Sie versteht nicht, warum Mama zu schimpfen beginnt. Sieht sie denn nicht, wie schön dieses Spiel ist? Anna ist verwirrt und weint. Anna hat feste Vorstellungen. Wenn sie später mit ihren Eltern rausgehen wird, dann will sie die roten Sandalen anziehen, den blauen Elefanten mitnehmen und auf den Spielplatz gehen. Sie sieht alles vor sich. Sie weiß auch, dass abends erst die Zähne geputzt und anschließend eine Geschichte vorgelesen wird. Das ist gut so. Denn auf diese Weise ordnet sie ihre Welt und macht sie für sich überschaubar. Das gibt ihr Halt.
Aber was ist, wenn Mama mit ihr am Spielplatz vorbei in den Stadtpark geht? Wenn die Gutenacht-Geschichte ausfällt, weil es zu spät ist? Wenn Mamas Pläne nicht zu Annas Plänen passen? Geschieht das, ist Anna verloren. In ihrem Kopf bricht dann das Chaos aus. Sie weiß nicht mehr weiter. Ein Kurzschluss entsteht, und Anna flippt aus. Sie schmeißt sich auf den Boden, schreit und sieht überhaupt nichts mehr, spürt nur noch die Verzweiflung. Anna hat den Faden verloren und wird auch mit drei Jahren noch zu klein sein, um schnell wieder einen neuen zu finden. Sie möchte die Welt selbst bewegen und in ihr nicht bewegt werden.

Meine Welt ist phantastisch

Anna ist jetzt vier, und ihre Welt ist kaum zu fassen. Weil sie ohne logische Grenzen ist. Für Anna ist es völlig klar, dass die Sonne ein lebendiges Wesen ist, schließlich geht sie auf und unter. Mal versteckt sie sich hinter den Wolken, mal schiebt sie sie beiseite und macht Annas Gesicht warm. Es ist auch nicht Annas Schuld, wenn sie sich an der Tischkante stößt, sondern die des Tisches. Er bekommt dafür einen Tritt vors Bein und wird heftig beschimpft. Das hat er nicht anders verdient. Anna ist sich sicher, dass Gegenstände handeln und fühlen können, so wie sie selbst auch. Annas Welt ist dadurch lebendiger und bunter, aber auch aufregender und bedrohlicher als die der Erwachsenen. Sie braucht jetzt viel Schutz und Verständnis von Mama und Papa, damit sie ohne Angst alles Neue erforschen kann.
Angst macht zum Beispiel auch der gemeine Zwerg, der seit ein paar Wochen im Schuhschrank haust. Manchmal gibt es ein riesiges Theater mit Mama, weil Anna sich weigert, ihre Schuhe anzuziehen. Sie kreischt und brüllt, weil sie ihre Füße vor den scharfen Zwergenzähnen retten will. Mama nimmt den Schuh und schüttelt ihn aus. "Hier ist kein Zwerg drin!", sagt sie. Aber Anna lässt sich nicht beirren, auch nicht durch Mamas stichhaltige Argumente. So einfach ist der Zwerg eben nicht zu kriegen! Hat sich halt in einem anderen Schuh versteckt, um schon bald den nächsten Angriff auf Annas Zehen zu planen.
Anna denkt anders als die Erwachsenen. Sie kann zwischen Phantasie und Realität nicht unterscheiden. Für sie ist der Käpt’n Blaubär im Kinderfernsehen genauso Wirklichkeit wie der Zwerg im Schuhschrank und ihr Meerschweinchen Frido. Dass Mama und Papa das nicht begreifen, verwirrt sie. Sie sehnt sich nach Erklärungen. Sie würde gerne wissen, was Käpt’n Blaubär in der Flimmerkiste macht, wenn sie aus ist. Oder warum Frido nicht die gleiche Sprache spricht wie sie. Mama und Papa haben nicht immer Geduld für eine Antwort, das macht Anna misstrauisch. Sie will ernst genommen werden. Schließlich ist sie schon groß.
Annas Phantasien sind wichtig für ihre Entwicklung. Sie sind keine Spinnereien und erst recht keine Lügen. Anna braucht sie, um ihre Welt zu sortieren. Sie nutzt ihr magisches Denken, um sich unbekannte Zusammenhänge zu erschließen. Es gibt so viele komplizierte Dinge in der Welt der Erwachsenen. Denen kann Anna nur standhalten, wenn sie ihnen ihr eigenes Reich entgegensetzt. Das gelingt Anna besonders gut, wenn sie mit anderen Kindern spielt. Gemeinsam kapern sie Sofa-Piratenschiffe und versuchen, die Erdbeerfee im Garten zu fangen. Anna genießt das unendlich, denn ihren Freunden muss sie nichts erklären. Sie sehen die Welt mit den gleichen Augen. Das macht Anna selbstbewusst: Muss ihre Weltsicht nicht stimmen, wenn die anderen Kinder die gleiche haben?
Annas Eltern stehen oft ganz außerhalb dieses Reiches. Sie können nur ahnen, was im Kopf ihrer Tochter alles vor sich geht. Und sie müssen sich immer wieder bemühen, diese Welt mitzuerleben und zu verstehen. Zwischendurch machen sie sich Sorgen: Müsste ihr Kind nicht langsam aus der Phantasiewelt herauswachsen? Kommt es mit der Realität nicht zurecht? Das ist natürlich Unsinn, und eigentlich wissen sie das auch. Phantasie ist etwas Wunderbares und man sollte sie den Kindern lassen, so lange es geht. Wenn sie ihre Bedenken zerstreut haben, sind Annas Eltern einfach nur noch fasziniert von der geheimnisvollen Welt ihres Kindes. Von den fließenden Übergängen zwischen Realität und Fiktion. Und auch davon, dass sie das alles vor knapp 30 Jahren selbst erlebt haben. Schade eigentlich, dass es ihnen irgendwo auf dem Weg zum Erwachsenwerden abhanden gekommen ist.

Die besten Bücher zum Thema

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Einfühlsamer kann man über die ersten vier Lebensjahre nicht schreiben. Der Klassiker des anerkannten Kinderpsychologen.

Forschergeist in Windeln. Wie Ihr Kind die Welt begreift von Alison Gopnik, Patricia Kuhl, Andrew Meltzoff, Ariston, 18,90 Euro.
Die neuesten Ergebnisse der Baby- und Kleinkind-Forschung – unterhaltsam zusammengefasst von drei der führenden amerikanischen Entwicklungspsychologen.

Oje, ich wachse von Hetty van de Rijt und Frans X. Plooij, Mosaik, 9 Euro.
Detaillierte Beschreibung der geistigen Entwicklung in den ersten 14 Monaten – mit Tipps, wie Eltern ihrem Kind in dieser Zeit helfen können.

Was geht denn drinnen vor? Die Gehirnentwicklung in den ersten fünf Lebensjahren

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Die Los Angeles Times nannte das 700-Seiten-Werk der amerikanischen Neurobiologin "das perfekte Buch für Eltern". Wir schließen uns an.

Keine Lust auf öde Ratgeber?

Es gibt auch andere Möglichkeiten, sich über die geheimnisvolle Welt der Kinder schlau zu machen: Blättern Sie einen Comic-Band "Calvin und Hobbes" von Bill Watterson durch (z. B. "Calvin und Hobbes. Die Welt der Wunder", Krüger Verlag, 9,90 Euro). Der sechsjährige Calvin erlebt mit seinem Stofftiger Hobbes (der in Calvins Phantasie lebendig ist) viele Abenteuer. Calvin verwandelt sich in den Raumfahrer Spiff, sieht Monster unterm Bett und feiert mit Hobbes wilde Partys. Leihen Sie sich in der Videothek den Kinofilm "Chocolat" mit Juliette Binoche und Johnny Depp aus, und achten Sie beim Ansehen auf die wunderbare Phantasie der kleinen Anouk, Tochter der Chocolaterie-Besitzerin Vianne. Anouk hat einen unsichtbaren Begleiter, das australische Känguru Pantouffle.
Lesen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind ein Buch, in dem es um die magische Welt der Kinder geht, zum Beispiel den Roman "Der Zwerg im Kopf" von Christine Nöstlinger (Beltz Verlag, 6,90 Euro). Anna, ein sechsjähriges Mädchen, findet eines Tages einen klitzekleinen Zwerg auf ihrem Kopfkissen. Er krabbelt durch ihr Ohr in ihren Kopf und wird zu ihrem Freund, der mit ihr alle Probleme bespricht.