Wie Ihr Kind die Welt versteht

Meine Welt ist phantastisch

Anna ist jetzt vier, und ihre Welt ist kaum zu fassen. Weil sie ohne logische Grenzen ist. Für Anna ist es völlig klar, dass die Sonne ein lebendiges Wesen ist, schließlich geht sie auf und unter. Mal versteckt sie sich hinter den Wolken, mal schiebt sie sie beiseite und macht Annas Gesicht warm. Es ist auch nicht Annas Schuld, wenn sie sich an der Tischkante stößt, sondern die des Tisches. Er bekommt dafür einen Tritt vors Bein und wird heftig beschimpft. Das hat er nicht anders verdient. Anna ist sich sicher, dass Gegenstände handeln und fühlen können, so wie sie selbst auch. Annas Welt ist dadurch lebendiger und bunter, aber auch aufregender und bedrohlicher als die der Erwachsenen. Sie braucht jetzt viel Schutz und Verständnis von Mama und Papa, damit sie ohne Angst alles Neue erforschen kann.
Angst macht zum Beispiel auch der gemeine Zwerg, der seit ein paar Wochen im Schuhschrank haust. Manchmal gibt es ein riesiges Theater mit Mama, weil Anna sich weigert, ihre Schuhe anzuziehen. Sie kreischt und brüllt, weil sie ihre Füße vor den scharfen Zwergenzähnen retten will. Mama nimmt den Schuh und schüttelt ihn aus. "Hier ist kein Zwerg drin!", sagt sie. Aber Anna lässt sich nicht beirren, auch nicht durch Mamas stichhaltige Argumente. So einfach ist der Zwerg eben nicht zu kriegen! Hat sich halt in einem anderen Schuh versteckt, um schon bald den nächsten Angriff auf Annas Zehen zu planen.
Anna denkt anders als die Erwachsenen. Sie kann zwischen Phantasie und Realität nicht unterscheiden. Für sie ist der Käpt’n Blaubär im Kinderfernsehen genauso Wirklichkeit wie der Zwerg im Schuhschrank und ihr Meerschweinchen Frido. Dass Mama und Papa das nicht begreifen, verwirrt sie. Sie sehnt sich nach Erklärungen. Sie würde gerne wissen, was Käpt’n Blaubär in der Flimmerkiste macht, wenn sie aus ist. Oder warum Frido nicht die gleiche Sprache spricht wie sie. Mama und Papa haben nicht immer Geduld für eine Antwort, das macht Anna misstrauisch. Sie will ernst genommen werden. Schließlich ist sie schon groß.
Annas Phantasien sind wichtig für ihre Entwicklung. Sie sind keine Spinnereien und erst recht keine Lügen. Anna braucht sie, um ihre Welt zu sortieren. Sie nutzt ihr magisches Denken, um sich unbekannte Zusammenhänge zu erschließen. Es gibt so viele komplizierte Dinge in der Welt der Erwachsenen. Denen kann Anna nur standhalten, wenn sie ihnen ihr eigenes Reich entgegensetzt. Das gelingt Anna besonders gut, wenn sie mit anderen Kindern spielt. Gemeinsam kapern sie Sofa-Piratenschiffe und versuchen, die Erdbeerfee im Garten zu fangen. Anna genießt das unendlich, denn ihren Freunden muss sie nichts erklären. Sie sehen die Welt mit den gleichen Augen. Das macht Anna selbstbewusst: Muss ihre Weltsicht nicht stimmen, wenn die anderen Kinder die gleiche haben?
Annas Eltern stehen oft ganz außerhalb dieses Reiches. Sie können nur ahnen, was im Kopf ihrer Tochter alles vor sich geht. Und sie müssen sich immer wieder bemühen, diese Welt mitzuerleben und zu verstehen. Zwischendurch machen sie sich Sorgen: Müsste ihr Kind nicht langsam aus der Phantasiewelt herauswachsen? Kommt es mit der Realität nicht zurecht? Das ist natürlich Unsinn, und eigentlich wissen sie das auch. Phantasie ist etwas Wunderbares und man sollte sie den Kindern lassen, so lange es geht. Wenn sie ihre Bedenken zerstreut haben, sind Annas Eltern einfach nur noch fasziniert von der geheimnisvollen Welt ihres Kindes. Von den fließenden Übergängen zwischen Realität und Fiktion. Und auch davon, dass sie das alles vor knapp 30 Jahren selbst erlebt haben. Schade eigentlich, dass es ihnen irgendwo auf dem Weg zum Erwachsenwerden abhanden gekommen ist.