Kinder mit Migrationshintergrund
 
#MeTwo: Der alltägliche Rassismus in Kita und Schule

Das Hashtag #MeTwo macht öffentlich, wie verbreitet die Diskriminierung von Kindern mit Migrationshintergrund in Deutschland ist. Betroffene Kinder und ihre Eltern erzählen.

Kinder mit Migrationshintergrund: #MeTwo: Der alltägliche Rassismus in Kita und Schule
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Ich sag das den Lehrern gar nicht mehr. Die machen eh nichts. Und hinterher wird es nur noch schlimmer!

„Du siehst ja aus wie Schokolade!“ – „Hey, Sushi!“ – „Schlitzauge!“ – „du Flüchtling!“ Für Kinder mit offensichtlichem Migrationshintergrund gehören Schimpfwörter und Diskriminierungen aller Art zum Alltag. Verbal geschossen wird in der Regel, wenn kein Lehrer in Sicht ist. Das macht es den betroffenen Kindern besonders schwer, sich zur Wehr zu setzen. Hinterher will es keiner gewesen sein, erzwungene Entschuldigungen trösten nicht. „Ich sag das den Lehrern gar nicht mehr“, meint der 12-jährige Kim* schulterzuckend. „Die machen eh nichts. Und hinterher wird es nur noch schlimmer!“, hat er gelernt. Er wurde in Kambodscha geboren, lebt aber seit seinem zweiten Geburtstag bei seiner deutschen Adoptivfamilie. Sushi findet er eklig, schließlich komme er nicht aus Japan!

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Viele gewöhnen sich an, ihre Ohren auf Durchzug zu schalten. Selbstschutz, wo kein anderer sich vor sie stellt. Diese Erfahrung hat auch der heute 40-jährige Thanh Nguyen als Kind machen müssen und sieht derzeit mit Schrecken, dass seine dreijährige Tochter in der Kita noch immer mit denselben Stereotypen konfrontiert wird. Der Hamburger mit chinesischen Wurzeln wuchs in den 1980er Jahren in Westdeutschland auf. „Auf einmal poppen jetzt die Erfahrungen von damals wieder auf“, erzählt er. Seine Tochter kam vor einigen Wochen mit einem Fingerspiel nach Hause und sang arglos: „Ching, chang, chong, Chinese im Karton!“ und forderte ihn auf mitzumachen. Dass der Text eine Verballhornung der chinesischen Sprache ist, die ihn schon in seiner Kindheit tief verletzt hatte, konnten die Erzieherinnen im anschließenden Gespräch nicht nachvollziehen. „Das sagt doch jedes Kind!“, meinten sie nur kopfschüttelnd und konnten nicht verstehen, warum der junge Vater seine Tochter davor schützen wollte.

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Unverständnis und kaum Bereitschaft, eigene Fehleinschätzungen oder unpassendes Verhalten einzugestehen, damit ist auch Sabine Freese in ihrem Alltag mit ihrem schwarzen Pflegekind Noah immer wieder konfrontiert. Dass es übergriffig ist, einem Kind über die Haare zu streicheln, weil man einmal diese „tollen krausen Locken“ anfassen will, ist vielen erstmal nicht bewusst. Wenn die Pflegemutter dann erklärt, warum sie damit eine Grenze überschreiten, ist die Reaktion nur selten Einsicht oder gar eine Entschuldigung. „Die meisten verneinen, dass sie überhaupt etwas Unpassendes getan haben“, erzählt die Sozialpädagogin. Während sie noch versuchte, freundlich und möglichst sachlich zu argumentieren, hatte sich Noah schon früh eine eigene Strategie angewöhnt. Sobald andere Erwachsene in der Kita-Umkleide lächelnd auf ihn zukamen, rief er laut: „Ok, du darfst!“ So konnte er sich seine Autonomie bewahren und hatte in letzter Sekunde selbst entschieden, dass ein Fremder ihn anfassen durfte.

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Schimpfwörter oder grenzüberschreitendes Verhalten sind nicht die einzigen Varianten von Alltagsdiskriminierung. Kinder, die durch ihre Hautfarbe oder nicht-europäische Gesichtszüge auffallen, leiden auch unter tiefsitzenden Stereotypen: Alle Asiaten essen gerne Reis, haben Schlitzaugen und können Karate, alle Afrikaner sind extrem sportlich, haben den Rhythmus im Blut und sprechen schlecht Deutsch. Nina Hoffmann, Mutter des heute siebenjährigen Simon, kann sich noch sehr gut an den Tag erinnern, als sie ihren damals zweijährigen Sohn bei der Tagesmutter abholte und er ihr mit einer Trommel entgegenkam. Die Erzieherin fand, dass das Kind entsprechend seiner halb-afrikanischen Wurzeln gefördert werden müsse und hatte ihm das Instrument gekauft. Seiner Mutter fehlten die Worte. Passende Antworten fielen ihr erst im Nachhinein ein. Einige Jahre später schlug die Musiklehrerin ihres Sohnes in der Grundschule in dieselbe Kerbe. Bei einer Theateraufführung bekam Noah eine Rolle, in der er tanzen und singen musste. Er war sehr unglücklich mit der Besetzung, erzählt die Journalistin. Dass das Kind Musik gar nicht mag, hatte die Lehrerin offenbar nicht für möglich gehalten. 

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Auch Thanh wurde in seinem Leben oft in Schubladen gesteckt. Sein Sportlehrer ließ ihn damals häufig eine von zwei Mannschaften wählen, erinnert er sich. Sein „Team Asien“ – mit ihm als einzigen Asiaten – spielte dann gegen „Team Deutschland“. Der Lehrer fand‘s lustig, Thanh spielte mit. Und seine Freunde? Haben die ihn auch gehänselt? Zunächst nicht, erinnert sich der Produktmanager. „Erst als wir so in der sechsten Klasse waren, plapperten sie nach, was sie zu Hause hörten: „Ausländer raus“ und „die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg“. Dass sie damit auch ihren Sandkastenkumpel verletzten, merkten sie zunächst gar nicht. „Ich war einer von ihnen und gehörte doch nie ganz dazu“, stellt er heute sachlich fest. Für seine beiden Töchter wünscht er sich etwas Anderes. „Ich bin da Realist: Die Welt kann ich nicht für sie ändern. Ich kann sie nur darauf vorbereiten und sie stark machen.“ Dazu gehören für Thanh und seine aus Peking stammende Frau auch, regelmäßig nach China und Taiwan zu reisen, zu Hause Chinesisch zu sprechen und ihnen einen international gebräuchlichen Vornamen gegeben zu haben. „Cara und Juna sollen lernen, dass Deutschland nicht der Mittelpunkt der Welt ist“ betont Thanh. „Sie wissen schon jetzt, dass es noch ganz viele andere Menschen auf der Welt gibt, die so aussehen und so sprechen wie sie. Das wusste ich damals nicht.“

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Die Eltern können die Kinder aber nicht alleine stark machen. Es braucht Erzieher und Lehrer, die sensibel auf Alltagsdiskriminierungen reagieren und nicht wegschauen, wenn auf deutschen Schulhöfen immer noch das N-Wort gebrüllt wird. Es sei auch ihre Aufgabe, immer wieder deutlich zu machen, dass an dieser Schule, in dieser Kita niemand ausgelacht wird, weil er eine andere Hautfarbe, krause Haare oder eine andere Religion hat, findet Nina Hoffmann. Wenn sich etwas ändern soll, muss das schon in der Kita passieren, ist sich auch Thanh sicher. „Haben die Kinder erstmal ‚Ching, chang, chong‘ statt ‚Schnick, schnack, schnuck‘ gespielt, ist es in den Köpfen. Sind sie dann älter, werden sie den Spruch hemmungslos nutzen, um Asiaten zu mobben.“

Ich wehre mich immer nur mit halber Kraft, sonst bekomme ich noch mehr Stress.

Und die betroffenen Kinder? Spätestens nach der Grundschulzeit ist der Niedlichkeitsbonus verschwunden, und die rassistischen Beschimpfungen nehmen noch zu. Es stauen sich Wut und Hilflosigkeit. Nicht immer und nicht bei jedem klappt das mit dem Durchzug. „Ich wehre mich immer nur mit halber Kraft“, erzählt Kim. „Sonst bekomme ich noch mehr Stress. Früher hab‘ ich mir zusammen mit meinen Eltern Sprüche überlegt, mit denen ich zurückdissen kann: ‚Halt die Klappe, Käsekuchen‘! Oder ‚Schade, dass du nicht weißt, wo Kambodscha liegt‘“. Das habe aber auf die Dauer auch nichts geändert. Wie die Eltern jetzt helfen? „Ich erzähl zu Hause nicht alles. Mama regt sich dann nur auf und rennt zum Direktor. Dann steh‘ ich als Opfer da und die Mobber haben keinen Respekt mehr vor mir“, beschreibt er sein Dilemma. „Irgendwann“, prophezeit Kim, „läuft meine Geduld über. Und dann werden die sich wundern!“

* Die Namen aller Interviewpartner und ihrer Kinder wurden von der Redaktion geändert.