Frauenkörper nach Geburt und Schwangerschaft
 
Unser Körper ist mehr als nur eine Hülle

Wir wollen schön sein, aber am schönsten ist es eben ohne Sport und mit viel Kuchen. Zeit für einen Anruf bei Ulrike Ehlert, 56, in der Schweiz. Die zweifache Mutter und Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Zürich, beschäftigt sich wissenschaftlich mit den drei Wohlfühlkomponenten, die sich im Alltag so schwer vereinbaren lassen: Aussehen, Selbstwertgefühl und Entspannung.

Frauenkörper nach Geburt und Schwangerschaft: Unser Körper ist mehr als nur eine Hülle
iStock, Staras

In 40 Schwangerschaftswochen nehmen Frauen im Schnitt 12 bis 15 Kilo zu. Ist es nicht eine Frechheit, dass man wenige Wochen später nichts mehr davon sehen darf?

Wir lassen uns jedenfalls zu sehr von Müttern in Hochglanzmagazinen manipulieren, die aus beruflichen Gründen sofort wieder abnehmen müssen, weil ihr Aussehen ihr Kapital ist.
 

Wer schön aussieht, gilt eben automatisch auch als nett und erfolgreich, das wurde in Studien nachgewiesen. Aber ist es nicht legitim zu sagen: „Ich wiege jetzt 10 Kilo zu viel – denn ich habe ein Kind gekriegt und das darf man auch sehen“?

Solange sich die Frau selbst noch wohlfühlt, ist alles wunderbar. Redet sie sich aber nur ein, dass ihre neue Figur total okay ist, fühlt sich aber insgeheim nicht mehr schön und nun piesakt auch noch der Partner und will wissen, ob die Oberschenkel jetzt für immer so bleiben, dann wird es problematisch.   
 

Das Fiese ist doch: Während der Schwangerschaft wird unser Körper erst mal schöner, der Babybauch überdeckt den Rettungsring, der Busen vergrößert sich. Nach der Geburt kommt die Katerstimmung.

Das liegt auch an dem drastischen Hormonabsturz, wenn der Sexualhormonspiegel mit Progesteron und Östrogen wieder absinkt. Die Mütter haben Übergewicht, ihre Haare glänzen nicht mehr, die Haut wirkt nicht mehr so rein.
 

Dazu kommt das chronische Schlafdefizit mit schlimmen Augenrändern.

Und die Erschöpfung. Wer ohnehin schon mit seinem veränderten Körper hadert, findet in dieser Stimmung erst recht Argumente dafür, dass jetzt alles furchtbar aussieht.
 

Aber wie redet man sich die harten Fakten schön, den Hautüberschuss am Bauch, den Hängebusen und die Cellulite am Po?

Man muss nicht reden, man kann etwas tun. Gesunde Ernährung und Sport, das hilft schon.
 

Das Baby brüllt, der Partner will den Einkauf besprechen, die Chefin will wissen, wann man wieder anfängt zu arbeiten. Und da soll man sich entspannt zum Joggen verabschieden?

Ja, anders geht es nicht. Jetzt ist der frisch gebackene Vater gefragt. Der schnappt sich das Kind und macht den Einkauf alleine, damit seine Partnerin beim Sport etwas für sich tun kann. Abends wird abwechselnd gesund gekocht. Zehn Kilo zu viel sind zehn Kilo zu viel! Irgendwann müssen die wieder runter, sonst leidet die Gesundheit.
 

Es gibt Figurprobleme wie den hängenden Busen nach dem Stillen, die kriegt man mit disziplinierter Lebensführung auch nicht in den Griff. Was macht man dann?

Es gibt an jedem Körper Dinge, mit denen wir nicht ganz zufrieden sind. Aber hängt unser Selbstwertgefühl nur von genau diesem einen Merkmal ab? Nein, wir haben viele positive Seiten an uns und diesen einen Makel sollten wir so akzeptieren wie ein paar Jahre später die ersten Falten oder grauen Haare.
 

Warum schämen wir uns so sehr für diese Makel, obwohl wir nichts für sie können?

Dass wir nichts dafür können, stimmt natürlich nicht immer. Schon in der Schwangerschaft kann man mit vernünftiger Ernährung und Bewegung  etwas vorbeugen. Die Scham hängt mit unserem Wunsch zusammen, möglichst perfekt zu sein und wir kreiden uns die fehlende Perfektion selbst an.   
 

Auf der anderen Seite darf man in unserem Land auch nicht zu laut über Cellulite und Dehnungsstreifen jammern, sonst bekommt man zu hören, dass es Wichtigeres gibt im Leben.

Natürlich wollen und dürfen wir uns Gedanken über unser Aussehen machen, es ist in unserer Gesellschaft nicht egal, wie wir aus der Tür gehen und es gibt wissenschaftliche Studien, die zu dem Ergebnis kommen, dass man als gut gekleideter gepflegter Mensch in einem Geschäft automatisch besser bedient wird. Unser Körper ist mehr als nur eine Hülle. Wir setzen Zeichen mit unserem Aussehen und erzählen dem Gegenüber etwas über uns.
 

Wenn Kleinkinder da sind, reicht es trotzdem manchmal nur zur schnellen Katzenwäsche...

Jede Mutter hat ihre eigene Wertehierarchie. Die eine lässt die Figur erst mal schleifen und braucht alle Kraft und Aufmerksamkeit für ihr Kind. Die andere schaufelt sich Zeit frei für Bodyshaping und Kosmetik. Viele Frauen sind nach der Geburt in einer psychisch fragilen Phase. Für das Nervenkostüm ist es dann nicht förderlich, nur noch Jogurt und Äpfel zu essen. Also einfach langsam wieder Sport machen und sich nicht überfordern. Perfekt sind wir sowieso alle nicht, ob mit oder ohne Baby.

Silia Wiebe