Papilio – Streitschlichtung im Kindergarten
 
So lernen Kinder den Umgang mit ihren negativen Gefühlen

Wut im Bauch? Kloß im Magen? Kinder, die hinterfragen, was mit ihnen gerade los ist, kommen mit Problemen besser klar. Im Präventions-Programm Papilio helfen Kobolde und Puppen beim Streitschlichten in der Kita. So einen Kindergarten hat ELTERN-Autorin Elisabeth Hussendörfer in der Nähe von Augsburg besucht.

kleines Mädchen rennt im Hedwigskindergarten
Anna Aicher
"Ich bin zornig, weiß aber nicht, warum"

Dieser Tag fängt für Timo irgendwie nicht gut an. Erst will Miriam im Mal-Raum wieder mal Prinzessin sein, was für ihn so viel heißt wie: „Sie will bestimmen.“ Also geht er, setzt sich in die Bauecke, zieht eine Kiste mit Holzklötzen zu sich her. Dann wird es auch hier schwierig. Verena Bolin, Leiterin der „Drachengruppe“, sieht aus dem Augenwinkel ein Rangeln, hört ein empörtes „He!“, aber kurz darauf hat sich die Lage zum Glück wieder beruhigt. Kein Grund einzugreifen, scheint sie zu denken. Es ist neun Uhr, sechzehn Kinder sind da. Gleich kann es losgehen. Dann aber kommt Fabian, der etwas auf dem Herzen hat. „Der hat mich an den Haaren gezogen.“ Verena hält inne, schaut den schüchtern wirkenden Jungen an. „Wer denn?“ „Timo“, murmelt das Gegenüber. Erzieherin Verena hat eine ruhige, besonnene Art. Vorsichtig streicht sie Fabian über den Kopf. „Tut es noch weh?“ Kopfschütteln. Als sie danach zur Tagesordnung übergeht, kann man den Eindruck gewinnen, sie wolle den Konflikt unter den Teppich kehren.

Aber das Gegenteil ist der Fall: Gleich wird darüber geredet, und kein Tag der Woche wäre dafür besser geeignet als dieser. Denn: Mittwoch ist im Hedwigskindergarten in Gersthofen immer „Koboldtag“. Und der ist Teil des Präventionsprogramms Papilio. Ziel dieses Programms ist es, die „sozio-emotionalen Kompetenzen“ der Kinder zu fördern. Weil man weiß, dass mangelnde soziale Fertigkeiten ein wesentliches Risiko bei der Entstehung von Sucht- und Gewaltproblemen sind, hatte man die Idee, so früh wie möglich anzusetzen: nämlich schon in der Kita. Kinder, die an dem Programm teilnehmen, können tatsächlich ihr soziales Verhalten verbessern, wie Begleitstudien gezeigt haben.
 

Es darf gestampft und geschimpft werden

kleiner Junge packt Koboldpuppen aus
Anna Aicher

„Wir brauchen einen Stuhlkreis, ihr kennt das“, sagt Verena, nachdem ein Glöckchen augenblicklich Ruhe in den Raum gezaubert hat. Sofort werden sämtliche Tische nach nebenan getragen und die Stühle zu einem Kreis formiert. Die Gruppenleiterin legt ein grünes Seidentuch in die Mitte. „Sie kommen!“, ruft ein Mädchen, als Verena kurz darauf eine Holzkiste auf dem Tuch abstellt. Es ist die Kiste mit den Kobolden, vier verschiedene Figuren für die Gefühle Freude, Trauer, Wut und Angst.

Ein Raunen geht durch die Runde, als Katharina nach einer kurzen Singrunde – „Manchmal kribbelt’s mir im Bauch und meine Knie, die schlottern auch“ – den Deckel der Kiste heben und den ersten Kobold herausholen darf. Die vier Charaktere stammen aus der bekannten und von der Augsburger Puppenkiste verfilmten Geschichte „Paula und die Kistenkobolde“: Heulibold, Zornibold, Freudibold und Bibberbold, die hier als laminierte und auf Holzstäben befestigte Gesichter auftreten.

Die entsprechenden Gefühle darzustellen bereitet den Kindern sichtlich Freude. Da wird gestampft und geschimpft, als Verena bittet, mal zu zeigen, was der Zornibold für einer ist. Auch mit Spiegeln haben sie schon gearbeitet, damit die Kinder sehen konnten, wie das aussieht, wenn sie Angst haben oder eine riesige Freude im Bauch. Der Übergang vom Schauspielern ins echte Leben ist fließend. „Wer von euch kennt es, dass man so wütend ist, dass man meint, gleich zu platzen?“, will die Erzieherin wissen. „Ich“, sagt Liv, „wenn ich in mein Zimmer muss.“ „Aha. Wieso musst du denn in dein Zimmer?“ „Weil meine Mama mich ärgert.“ „Ärgert die Mama dich?“, schaltet sich Verenas Kollegin Petra Schmid ein. „Oder du die Mama? Oder ärgert ihr euch vielleicht gegenseitig?“ Liv nickt. Auch wenn sie jetzt nichts mehr sagt, ist ihr eine gewisse Entspannung anzumerken. So wie vielen hier, wenn raus ist, was sie gerade bewegt, vom bösen Traum der letzten Nacht bis hin zum bevorstehenden Urlaub, der offensichtlich nicht nur Vorfreude, sondern auch Unsicherheit bedeutet.

Aber auch das gibt es: Ben zieht sich beim Auftritt des Bibberboldes, der von einem Mädchen in geduckter Haltung im Kreis herumgetragen wird, die Kapuze seines Pullis über den Kopf: Ihm sei kalt. „Gefühle erst mal wegschieben wollen, das ist normal“, sagt Verena aus Erfahrung. Und auch, dass man es trainieren kann, sie ins Bewusstsein zu holen. „Die kindliche Entwicklung verläuft dann besser.“

Freudibold führt klar vor Heulibold

zwei kleine Jungs auf dem Sofa schauen in die Kamera
Anna Aicher

„Wollen wir noch weitermachen?“, fragt die Erzieherin jetzt. Gut eine halbe Stunde ist bereits vergangen – viel Zeit für Drei- bis Sechsjährige, die so lang still sitzen sollen, könnte man meinen. Das ohrenbetäubende „Jaaaaa!“ der Gruppe allerdings sagt etwas anderes. Also holt Verena die Stabpuppe vom Regal, die neben mehreren Topfpflanzen in einer Flasche steckt – eine Figur mit Pappmaché-Kopf, ausgestopfter Latzhose und baumelnden Stoffbeinen, die jetzt auf dem Schoß der Erzieherin Platz nimmt. „Hallo Kinder!“, piepst der „Drachibold“. Er habe etwas mitgebracht. Die Holzkiste steht mittlerweile etwas abseits, jetzt tauchen die vier Bolde in Form von Fotos auf, die am Boden abgelegt werden. Petra Schmid ergänzt die Szenerie um ein wichtiges Element und legt 16 Schlüsselanhänger mit Passfotos bereit: pro Kind ein Anhänger. „Mir geht’s heut so, dir geht’s heut so, und morgen schon ganz anders – das weiß doch jedes Kind“, läuft auf dem CD -Player.

Nun sollen sich die Kinder ihre aktuellen Gefühle zuordnen. Später im Kindergartenjahr, wenn die Bolde weiter eingeführt und die Arbeit mit ihnen noch mehr Routine ist, wird es ein Board im Eingangsbereich des Gruppenraums geben, an dem sich die Kinder mithilfe der Schlüsselanhänger gleich morgens entsprechend „einklinken“ können. Neun von zehn Anhängern landen beim Freudibold, weiß Verena. Aber Levin legt sein Bild zielstrebig zum Heulibold. „Du bist traurig, das hab ich schon gemerkt“, sagt Drachi. In der Früh, als Levin gebracht wurde, spielte sich ein kleines Drama ab: Er wollte seine Mama nicht gehen lassen und weinte. „Völlig normal für ein Kind in der Eingewöhnung“, sagt Verena und in ihrer Drachi-Rolle: „Du wolltest nicht, dass die Mama geht, nicht wahr?“ „Ich wollte ihr noch ein Bussi geben.“ Es fällt auf, wie direkt Levin in das fröhlich bemalte Drachi- Gesicht schaut, wie ernst er den Kerl mit den abstehenden Ohren und dem Clowns-Lachen nimmt.

„Meine Puppe Eleni zu Hause“, schaltet Miray sich ein, „die macht, was ich will.“ Beim Drachibold sei das anders, „der hilft mir“. Es scheint sehr sinnvoll zu sein, dass die Kinder im Alltag mit dem lustigen Latzhosenträger nicht spielen sollen. „Die Figur ist auf Augenhöhe mit den Kindern“, sagt Verena, „ohne dass sie dabei selbst wie ein Kind wäre.“

Drachibold möchte reden

lachendes Maedchen und Junge liegen auf dem Boden
Anna Aicher

Ab und zu taucht Drachibold auch im Garten auf, wo man mit Fahrzeugen rumflitzen, unter großen Bäumen Verstecken spielen oder durch einen Naturtunnel aus Weiden laufen kann. Timo sitzt ein wenig abseits in der Sandkiste und gräbt ein Loch. Wirklich glücklich wirkt er nicht, das hat man schon im Stuhlkreis gesehen. Da hat er sein Bild genau zwischen Freudi- und Zornibold gelegt – Fabian, mit dem es Streit gab, übrigens direkt auf den Zornibold. „Ich bin fröhlich und sauer, beides irgendwie“, sagt Timo. Und Fabian: „Ich bin zornig, weiß aber nicht, warum.“ Weil der Erzieherin die Situation vom Morgen noch präsent ist, winkt sie die beiden Jungs im Garten zu sich: „Der Drachibold möchte mit euch reden. Lasst uns reingehen.“
Auf dem grünen Sofa machen es sich die Jungs bequem. „Ich hab heute was gehört ...“, legt Drachi los, aber er muss gar nicht weiterreden. „Ja ... ich hab den Fabi an den Haaren gezogen“, sagt Timo verschämt. Warum, fragt die Puppe verständnisvoll.„Weil, der hat mich fast umgerannt hat.“

So langsam wird klar, was hinter dem schwelenden Konflikt steckt: Timo hatte sich vor zwei Monaten den Arm gebrochen und musste operiert werden. „Für aktive Kinder ist es besonders bitter, so lang eingeschränkt zu sein“, sagt Verena Bolin, die den Eindruck hat, dass Timo „kämpft“, auch mit der Angst, dass so ein Unfall wieder passiert.„Wolltest du Timo denn umrennen?“, möchte die Puppe jetzt von Fabian wissen. „Ach nein, das war keine Absicht. Ich pass auf, ich versprech’s“, sagt Fabian.

Am Ende geben die Jungs sich die Hand. Und man spürt: Es ist mehr als nur eine Geste, wie sie auch anderswo im Kindergarten-Alltag von „Tätern“ und „Opfern“ oft eingefordert wird. Die beiden verstehen sich wirklich. Später, als die Kinder wieder in den Garten dürfen, heißt es für Verena trotzdem noch einmal aufmerksam sein. Gerade nachmittags, wenn alle müde sind, muss man sie besonders gut im Blick behalten. Zumindest bei Timo und Fabian, die zusammen in der Nestschaukel sitzen, sieht es gut aus. Und auch Levin, den ein paar Große mit aufs Kettcar gepackt haben, wirkt vergnügt. „Der ist jetzt Freudibold“, sagt die Erzieherin.

Präventions-Programm Papilio

  • Papilio 3 bis 6 arbeitet mit verschiedenen Maßnahmen, neben „Paula und den Kistenkobolden“ z. B. mit dem „Spielzeug-macht-Ferien-Tag“, an dem sämtliche Spielsachen in den Regalen bleiben, oder dem „Meins-deins-deins-unser-Spiel“, bei dem es um das Erlernen sozialer Regeln geht. Papilio bietet auch Programme für unter Dreijährige („Papilio-U3“) und das Grundschulalter („Papilio-6bis9“) an. Infos unter www.papilio.de
  • Besser vorbeugen: Papilio-Pädagogen gehen davon aus, dass mangelnde soziale Fertigkeiten ein wesentliches Risiko bei der Entstehung späterer Sucht- und Gewaltprobleme sind und dass die meisten süchtigen und gewalt-tätigen Jugendlichen schon vorher durch Verhaltensstörungen aufgefallen sind. Mithilfe von Papilio soll eine negative Entwicklung frühzeitig verhindert werden.
  • Fühlt sich besser an: „Wenn Kinder lernen, zwischen ‚ein Gefühl haben‘ und ‚durch und durch dieses Gefühl sein‘ zu unterscheiden, ist schon viel gewonnen. Gefühlsschubladen fallen dann weniger schnell zu und können leichter wieder geöffnet werden.“ Gabi Schantin, Leiterin des papilio-zertifizierten Hedwigskindergartens, Gersthofen.
  • Gute Bilanz: In Deutschland wurden mittlerweile über 7000 Pädagogen in Papilio-3 bis 6 fortgebildet. Damit hat das Programm bis jetzt über 140000 Kinder erreicht. Papilio-Fortbildungen für Erzieher und Lehrkräfte sind mit elf Seminartagen, Super-visionen und kontinuierlicher Begleitung in der Einrichtung vergleichsweise intensiv.
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