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Tschüss Idealvorstellungen Niemand ist perfekt – auch Eltern nicht

Tschüss Idealvorstellungen: Niemand ist perfekt – auch Eltern nicht
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Und das ist auch nicht nötig – weder für Kinder noch für Eltern. Für alle, die trotzdem unter ihren hohen Ansprüchen leiden, gibt es hier zehn Schritte zur "Nicht-perfekten-Erziehung".

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Hartes Selbsturteil

Eltern gehen oft sehr hart mit sich selbst ins Gericht. Schlechtes Benehmen, Widerrede, üble Launen, Schlampigkeit, eine Lüge – was auch immer – können Eltern veranlassen, alles in Zweifel zu ziehen. Von der Erziehung bis zur Wahl des Wohnortes und der Schule. Ruben kann sich nicht konzentrieren? Wir haben ihn zu früh eingeschult. Paulina hat ihre Freundin Franziska gehauen? Das arme Kind muss sich ein Zimmer mit der kleinen Schwester teilen, die eine intensive Gespensterphase durchmacht.

Die amerikanische Familientherapeutin Harriet Lerner führt das auf ein idealisiertes Bild von Elternschaft zurück, das wir alle mehr oder weniger verinnerlicht haben. Ideale Eltern wissen auf jede Frage, jedes Bedürfnis, jedes Problem die richtige Antwort. Auch der größte Trubel bringt sie nicht aus der Ruhe. Sie sind immer einfühlsam, humorvoll, geduldig, liebevoll, unternehmungslustig und ihre Kinder fühlen sich stets gerecht behandelt und geborgen – ganz gleich, was los ist. Natürlich ist das Mumpitz.

Illusion der Supereltern

Eltern sind einfühlsam und geduldig - aber manchmal auch genervt und ungerecht

Trotzdem messen wir uns alle an diesen Idealvorstellungen. Das lässt sich unter anderem daran erkennen, dass eine ganze Industrie von diesem "Mumpitz" lebt. Film- und Fernsehstudios produzieren in Serie Eltern, die es wie durch ein Wunder schaffen, einen kriminellen Teenager auf die rechte Bahn zu bringen und gleichzeitig kein Fußballspiel des Jüngsten zu verpassen. Nach dem Motto "Man muss nur wollen" helfen diese Super-Eltern nebenbei in einer Suppenküche aus und in ihrem Job sind sie auch Spitze. So ist das im Fernsehen.

Im wahren Leben ist das anders: Paulinas Musiklehrerin ruft an: "Ihre Tochter war heute nicht im Unterricht. Was war denn los?" Ruben hat das A-Wort gesagt. Ausgerechnet zum Sohn von Frau P., die immer das Geld für die Geburtstage der Erzieherinnen einsammelt.

Bei solchen Gelegenheiten beschleicht mich das Gefühl, ich hätte komplett versagt. Weil ich leider nicht immer einfühlsam, verständnisvoll und geduldig bin, sondern manchmal ungerecht, genervt, gelangweilt. Weil ich Paulinas Geigenvorspiel verpasst habe. Weil ich schimpfe, wenn mir Klein-Ruben zum Spaß zerkaute Brotbrocken in den Kaffee wirft. Weil ich Leonie am 65. Geburtstag meiner Mutter angeschrien habe: "Was soll das heißen, du kannst nicht singen? Sing!"

Abschied von Idealvorstellungen

Manchmal machen Kinder, aus welchen Gründen auch immer, auf der besten Schule der Welt kein Abitur und quälen sich im zweiten Anlauf durch den "Quali". Manchmal entwickeln sich Kinder zu mürrischen Außenseitern, obwohl sie in einer intakten, fröhlichen Bio-Familie aufwachsen. Andere gedeihen prächtig, obwohl ihre Eltern keine Zeit und kein Geld, aber dafür jede Menge Stress haben. Angesichts dieser verwirrenden Situation empfiehlt mein Lieblingskommissar Kurt Wallander, Abschied von Idealvorstellungen zu nehmen. "Wenn wir nicht perfekt sind, müssen es unsere Kinder auch nicht sein", beruhigte er neulich einen Kollegen. Wie recht er hat! Nicht perfekt zu sein verbindet uns mit unseren Kindern und erlaubt uns, Anteilnahme und Mitgefühl zu entwickeln. Für uns selbst und für andere.

Zehn Schritte zur Nicht-perfekten-Erziehung

Nach dem Motto "Wer handelt, macht Fehler" praktizieren wir "NpE – zehn Schritte zur Nicht-perfekten-Erziehung".

  • Schritt 1: Legt die Latte niedriger
    Wenn ihr meint, dass euer Kind es "nie" nötig hat zu lügen oder euch "alles" sagen kann, weil ihr für "alles" Verständnis habt, werdet ihr zwangsläufig enttäuscht. Obendrein bekommt ihr Schuldgefühle, die handlungsunfähig machen und dazu verleiten, Probleme unter den Teppich zu kehren. Macht euch lieber diese realistische Einstellung zu eigen: Alle Kinder lügen mal. Alle Kinder verschweigen auch mal was. Das ist wichtig, um eine stabile Persönlichkeit zu entwickeln.
  • Schritt 2: Gestattet euch Wutausbrüche
    Euer Kind hält es durchaus aus, wenn ihr mal laut werdet. Falls ihr sehr oft aufbrausend seid, macht euch problematische Situationen bewusst und versucht, das nächste Mal gleich zu reagieren. Wenn euer Kind beispielsweise dauernd vom Tisch aufs Sofa springt, während ihr lesen wollen. Oft ist das der ganze Trick.
  • Schritt 3: Geht etwas auf Distanz
    Als mich einmal Maximilianes Kindergärtnerin streng darauf hinwies, mein Kind bitte "ordentlich" anzuziehen (Strumpfhosen ohne Löcher, kein Tutu über Skihosen), war mir das sehr peinlich. Eine Freundin, die damals schon drei Kinder hatte, riet mir, Maxi einen Zettel für die Erzieherin mitzugeben mit dem Hinweis: "Die Kleidung entspricht nicht immer dem Geschmack des Managements." Das war meine erste Lektion in Sachen „Mein Kind ist nicht mein Aushängeschild“. Weder in modischer Hinsicht noch in einer anderen. Alternativ kann man den etwas holprigen Satz üben: "Ich bin nicht mein Kind." Auf diese Weise nimmt man nicht jede Kritik persönlich, sondern lernt die Persönlichkeit seines Kindes zu respektieren.
  • Schritt 4: Greift auch mal durch
    Wenn euer Kind einen Spielkameraden mit Fußtritten attackiert, könnt ihr nicht warten, bis es sich von allein beruhigt – da müsst ihr sofort dazwischengehen. Ebenso wenn es verbotenerweise auf der Straße Fußball spielt. Besprecht den Vorfall noch einmal, wenn Ruhe eingekehrt ist. Damit ihr euch dabei nicht aufregt, sagt euch selbst: "Mein Kind ist noch unerfahren. Es weiß noch nicht, dass es sich und anderen mit seinem Verhalten schadet. Ich werde ihm beibringen, wie man besser aufpasst."
  • Schritt 5: Legt euch ein dickeres Fell zu
    Als mir zum ersten Mal "Du bist die gemeinste Mutter der Welt" entgegengeschleudert wurde, war ich ziemlich geknickt. Aber: Kinder sind eigenständige Wesen mit eigenen Interessen und Wünschen, die nicht immer mit denen der Eltern übereinstimmen. Es ist normal, dass sich euer Kind über euch ärgert, wenn ihr ihm verbietet, mit der Fernbedienung zu spielen oder das Wohnzimmer in eine Ritterburg zu verwandeln. Ihr müsst ihm auch nicht jedes Mal die Beweggründe für ein Verbot darlegen. In der Regel wird es die, im Augenblick zumindest, sowieso nicht hören wollen. Wenn es merkt, dass die Welt nicht untergeht, wenn man mal was nicht darf, lernt es, sich zu beherrschen.
  • Schritt 6: Steht offen zu euren Fehlern
    Die Betonung liegt dabei auf offen. Weint euch bei anderen aus, holt euch Unterstützung. Ohne das Verständnis und den Zuspruch von anderen Eltern, von Freunden und Verwandten wäre ich oft verloren gewesen. Und streicht Leute, die sich hinter eurem Rücken über eure Erziehung mokieren, aus eurem Umfeld.
  • Schritt 7: Entschuldigt euch
    Gebt uneingeschränkt zu, wenn ihr euch geirrt habt. Und entschuldigt euch, wenn ihr eurem Kind Unrecht getan habt. Sowas sollte natürlich nicht ständig vorkommen, aber wenn es mal passiert, lernen Kinder, dass auch Eltern nicht unfehlbar sind. Und, dass man Fehler verzeihen und wieder gutmachen kann.
  • Schritt 8: Opfert euch nicht auf
    Richard Bach, der Autor der "Möwe Jonathan", Vater von sechs Kindern und Hobby-Pilot, erklärte in einem Interview mal etwas hemdsärmlig, dass "der Begriff Aufopferung in meinem Sprachschatz nicht vorkommt." Weil Menschen, die sich aufopfern, besonders leicht Opfer von Überforderung werden. Falls der Lebensraum eures Kindes zu eurem geworden ist, falls ihr nur noch in Kindergärten, Schulen und Sportvereinen ein- und ausgeht und euren Freundes- und Bekanntenkreis danach aussucht, ob euer Kind mit deren Kinder etwas anfangen kann, ist es an der Zeit, dass ihr auch mal an euch denkt. Natürlich muss man manchmal Opfer bringen, damit Kinder einen lustigen Nachmittag haben und Freundschaften schließen, aber es ist nicht nötig, seine gesamte Freizeit mit Angelegenheiten und Leuten zu verbringen, für die man sich eigentlich nicht interessiert.
  • Schritt 9: Kümmert euch um euch selbst
    "Eltern können nicht alle Bedürfnisse eines Kindes wahrnehmen, und was sie wahrnehmen, sagt oft mehr über ihre eigene Bedürftigkeit als über die ihres Kindes", sagt Harriet Lerner. Wenn ihr das nächste Mal denkt: "Ich werde meinem Kind nie gerecht", überlegt, ob ihr nicht vielleicht selbst Streicheleinheiten braucht. Ich war oft verblüfft, wie gut es unseren Kindern getan hat, wenn ich – ohne Kinder! – einen langen Spaziergang gemacht habe oder ausgegangen bin.
  • Schritt 10: Lasst los
    Seid nicht mehr so streng, was Essen, Schlafen, Schule, Ordnung und überhaupt alles angeht. Sorgt dafür, dass euer Kind sich freut, auf der Welt zu sein. Das ist viel wichtiger. Zeigt, dass ihr manchmal überfordert und ratlos seid, aber glücklich. Hand aufs Herz: Könnt ihr euch wirklich eine Alternative dazu vorstellen, dass euer Kind mit der Wasserpistole im Wohnzimmer rumspritzt? Nein? Eben! Vergesst also den nassen Teppich. Lacht zusammen, macht Pfannkuchen – euer Kind wird sich später erinnern, dass ihr eine glückliche, etwas chaotische Familie wart.
ELTERN

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