Transgender
 
Mädchen? Junge? Mascha!

Ein Mädchen, das sich wie ein Junge gibt, aber deshalb noch lange kein Junge ist. Für Mascha passt alles, verunsichert sind nur die anderen. Und haben ziemlich schräge Gedanken.

Transgender: Mädchen? Junge? Mascha!
SandraKavas, iStock.com

Es war meine Mutter, die die Ferndiagnose stellte: Man müsse Mascha mal einem Gentest unterziehen. Das sei doch nicht normal. Wie die aussieht! Sich anzieht! Und bewegt! Das ist doch ein Junge!
Ich bin nicht Maschas Mutter, aber ich würde sie sofort nehmen. Meine Jungs und sie sind Freunde, seit sie laufen können. Jetzt sind Mascha und mein Großer zwölf. Meine Mutter hat Mascha seit sieben Jahren nicht mehr erlebt. Aber gesehen. Auf Fotos. Da trägt sie Baggy Jeans, Hoodies, Caps und die Haare kurz, zu einer Tolle hochgestylt. Meine Jungs tragen ihre coolen Klamotten und lassen sich von ihr beim Shoppen beraten.

Transgender: Mädchen? Junge? Mascha!
iStock – Christopher Futcher
Fußballspielen wie der geniale Neymar, das ist ihr Traum. Deshalb kickt Mascha auch mit den Jungs – und hält locker mit

Beim Fußball trägt Mascha das Trikot mit der Nummer 11, von Neymar. Dessen Kürzel hat sie sich auf ihre Stollenschuhe nähen lassen. Er ist ihr Vorbild. Sie findet, er sieht aus wie sie. Und sie will spielen wie er. Sie ist, sagt der Trainer ihrer DFB-Auswahl, das erste Mädchen, das bestimmt noch lang mit den Jungs spielen kann. So gut und so kräftig ist sie. Ihre Unterarme sind etwa doppelt so fest wie die meines Sohnes.

„Ich bin Mascha“, sagt Mascha, wenn sie sich vorstellt. Sie sagt nicht: „Ich bin Bobby.“ So wie Shiloh, die Tochter von Angelina Jolie und Brad Pitt, die mit ihren Brüdern und ihrem Vater in die Öffentlichkeit trat: in Frack, mit nach hinten gegelten Haaren, ernst dreinblickend. Shiloh will wie ein Junge gerufen werden. Mascha nicht.
  Fußballspielen wie der geniale Neymar, das ist ihr Traum. Deshalb kickt Mascha auch mit den Jungs – und hält locker mit iStock – Christopher Futcher

Immer wieder Kopfkino

„Ich bin Mascha“, sagt sie noch mal, wenn die Leute sie anstarren und man dabei zuschauen kann, wie ihre Gedanken sich gerade überschlagen: Die? Das ist doch ein Junge! Der, äh, die sieht doch aus wie ein Junge! Das muss ein Junge sein! Das kann nicht sein! Das ... geht doch nicht! Und wenn die Leute ihre Schubladen auf- und wieder zugezogen haben – hier Junge, da Mädchen –, dann sagen sie, meist hinter vorgehaltener Hand, aber fast ausnahmslos in vorwurfsvollem Ton: „Wart ihr mal beim Arzt?“

Ich erzähle das, mit Wut unterlegt, weil ich erschreckend finde, was da passiert. Mascha weiß es nicht, aber ihre Eltern. Wir reden oft über unsere Kinder, wir sind Freunde. Die entsetzten Blicke, die vorwurfsvollen Fragen wiederholen sich seit etwa sieben Jahren. Da schnitt sich Mascha die Zöpfe ab.
Was am meisten verstört: Mascha und ihre Eltern leben in einer Großstadt, die weltberühmt ist für ihre offene, unkonventionelle Art. Es gibt hier mehr Transen, Drags, Schwule und Lesben als sonst wo auf der Welt. Vermutlich fänden sich hier für jedes der 58 Geschlechter, zu denen man sich beim amerikanischen Facebook bekennen kann, Hunderte von Menschen: Agender, Bigender, Cisgender, Non-binary, Pangender, Trans Female, Trans Male, Trans Person ... Aber wenn man mit Mascha durch diese Welt läuft, beschleicht einen das Gefühl, nein, es springt einen geradezu an: alles Humbug, alles Heuchelei. Schon wenn ein Mädchen nicht auftritt wie ein Mädchen, drehen die Leute durch. Und ich bin sicher, bei einem umgedrehten oder „nicht-binären“ Jungen würden sie vollends austicken, weil die Rollen für Jungs noch immer festgelegter sind als für Mädchen.

Immer wieder Unverständnis

Ein Kinderarzt sagte vor sechs Jahren, als Mascha die Haare raspelkurz und Boxershorts haben wollte, zu ihrer Mutter: „Vielleicht ist sie im falschen Körper.“
Eine befreundete Kinderärztin fragte: „Aber sie ist kein Zwitter, oder?“
Meine Schwiegermutter wiederholt es immer wieder: „Die Mascha ist doch krank?“
Meine Freundin, die mal auf Frauen stand, munkelt: „Das wird mal schlimm, wenn sie in die Pubertät kommt, und in wen ...? Ich mein ja nur.“

Ein Vater am Fußballfeldrand wollte Maschas Mutter nötigen, ihm in der Kabine das wahre Geschlecht des Bomben-Torjägers mit der Nummer 11 zu zeigen. Jetzt kann sie darüber lachen. Wenn wir unter uns sind. Aber eigentlich fühlt es sich für sie manchmal an wie ein Spießrutenlauf: Was guckt ihr so? Der Spruch schon wieder. Nein, das ist Maschaa, und sie ist ein Määädchen, und ihr geht es guuut und mir auch, danke!

Das kostet Kraft, ich erlebe es auch, Widerstandskraft. Manchmal sickern die Anwerfungen durch, dann werde ich schwach und denke: Vielleicht ist sie ja, tief drin, doch verunsichert und unglücklich und zeigt es nur nicht? Ihre Mutter sagt:  „Ich habe sie öfter gefragt: ,Alles klar, ja?‘ Und sie hat immer gesagt: ‚Mama, ich bin gern ein Mädchen. Mach dir keine Sorgen.‘“

Immer wieder Überraschendes

Für mich gab es zwei Momente, in denen ich Mascha erkannte. Um es biblisch zu formulieren.
Urszene Nummer 1: Wir sitzen im Auto, Mascha vorn neben mir, meine Jungs hinten. Es muss vor vier, fünf Jahren gewesen sein. Die Jungs sind hinten albern, und Mascha schaut mich an, und es ist dieser Blick, dieser wissende Blick unter Frauen. Wir verdrehen leicht die Augen, schmunzeln und winken ab.
Urszene Nummer 2: Wieder im Auto, mein Großer hat Geburtstag. Wir fahren zur Fußballhalle, und auf die Rückbank quetschen sich: zwei Jungs und Mascha und Ellen. Ellen ist in der Klasse des Großen und spielt wie Mascha ausschließlich mit Jungs. Auch Fußball. Mascha trägt kurze Haare, Ellen längere, aber eine Mütze.
Mein Sohn stellt die beiden einander vor – und jetzt passiert, was sonst immer den Fremden passiert: Die beiden gucken sich an – und kriegen ihre Gedankenkategorien nicht geordnet. Echt? Echt. Mascha? Ellen! Und dann sehe ich dieses Schmunzeln. Wow, denkt Mascha, wow – voll Anerkennung. Kein Mädchen in Rosa bekommt je diesen Blick von ihr. Und, by the way, von meinen Jungs auch nicht. Mädchen in Rosa leben auf einem anderen Stern. Und wahrscheinlich, denke ich, muss man sich stylen wie ein Junge, wenn man als Mädchen Zugang zu seiner Welt bekommen will. In meiner Kindheit war das nicht so extrem. Ich trug Blau und Rot, und meine Eltern wollten, dass ich mit Autos und Jungs spiele, was ich auch tat (aber nicht nur). Ich will auch, dass meine Jungs mit Mädchen spielen. Viel öfter. Aber sie tun es nur mit Mädchen wie Mascha.

Mein Großer wollte nicht mal das Toprad des Nachbarmädchens haben, obwohl er dringend eines brauchte. Auch nicht umgespritzt, von Rosa in Schwarz. „Das wird immer ein Mädchenrad bleiben“, rief er, als hätte ich nichts verstanden. Was ich auch nicht hatte. – „Oder hast du jemals Puschel an den Lenkern von Jungsrädern gesehen?“ Da musste ich zugeben: Wir haben in dieser aufgeklärten, toleranten und liberalen Zeit mit Conchita Wurst tatsächlich immer noch nur zwei Optionen, binär: Rosa oder Schwarz. Lillifee oder Pokémon. Lesen oder Fußball. Quatschen oder Daddeln. Mädchen oder Junge. Da muss sich Mascha eben entscheiden.

Sogar unser schwulenbewegter Freund wurde wuschig, als er sie kürzlich zum ersten Mal sah. „In die“, sagte er, „werden sich mal die Lesben verlieben.“ Dann guckte er noch mal auf das Foto. sagte: „Oder die Schwulen.“ Ein Dazwischen gibt es auch für ihn, straight homosexual, nicht. Beides geht nicht. Aber eines war für ihn klar, und das spricht für seine Menschenkenntnis: „Verlieben werden sie sich – so cool und stark wie die wirkt.“ „Und glücklich“, sagte ihre Mutter.

Immer wieder Herausforderungen

„Noch“, dachte ich und ärgerte mich über meinen Gedanken. Mascha wird die Schule wechseln. Davor haben wir alle ein bisschen Schiss. Wie die Leute gucken. Die großen und die kleinen. Denn bis jetzt ist sie für ihre Mitschüler, ihre Lehrerinnen, Eltern, Großeltern und Freunde: Mascha. Ein Mensch mit viel Kraft und einer ganz besonders herausragenden Eigenschaft: Loyalität. Einmal hat sie meinen Großen aus einem Streit mit Fremden auf dem Bolzplatz rausgeboxt. Dafür braucht man nicht nur Muskeln. Sondern vor allem einen Blick fürs Wesentliche. Mut. Haltung. Die sollten alle anderen um sie herum auch annehmen. Und wer aus dem Staunen nicht herauskommt und die Fassung verliert zwischen männlich und weiblich: Ein Wow trifft es mehr als jeder Gentest.