Münchhausens Erben

Und machen ihre Eltern damit traurig - und ratlos. Wie viel Lüge ist normal in welchem Alter? Und wann muss man eingreifen? Ef-Autor Stephan Brünjes suchte Antworten auf Fragen, die jede Familie kennt.

"Nee, die Mathearbeit haben wir noch nicht zurück", sagt Lena, 12, und versucht, dabei nicht rot zu werden. Denn in Wirklichkeit hat sie die Arbeit schon seit einer Woche unter einem Papierstapel in ihrem Zimmer vergraben. Zwei Tage später findet ihre Mutter die Arbeit. Und entdeckt darauf nicht nur eine Sechs, sondern auch ihre eigene Unterschrift - gefälscht von Lena.
Lenas Eltern sind geschockt: "Die Sechs ist schon schlimm genug, aber das mit der Unterschrift ist ja richtig kriminell", werfen sie der Zwölfjährigen vor. Lena lässt das Donnerwetter über sich ergehen, dann brüllt sie zurück: "Ihr lügt doch selbst! Letzte Woche zum Beispiel, da wolltest du nicht zur Oma, Papa, und Mama hat für deine Mutter am Telefon 'ne Magenverstimmung erfunden!"
Keine Frage, Lena hat die Erwachsenen durchschaut. Hat gemerkt, dass "die Großen" sich gern durch Notlügen aus der Affäre ziehen. Oder ihren eher gewöhnlichen Sommerurlaub mit Übertreibungen zum einem Fünf-Sterne-Event hochjazzen. Oder der bettlägerigen Großmutter "Wird schon wieder!" zurufen, obwohl sie unheilbar krank ist.
Was Kinder noch nicht erkennen können: Solche Halb- und Unwahrheiten sind für das Zusammenleben der Menschen nötig: "Unser soziales Gefüge würde zusammenbrechen, wenn alle Menschen sich immer und überall ehrlich sagten, was sie voneinander halten und was sie wirklich denken", meint die Hamburger Diplompsychologin Kora Krüger.
Kein Wunder, dass Eltern ihre Kinder entsprechend erziehen: Artig danke sagen sollen sie, auch wenn sie das Geschenk von Tante Lotte doof finden.
Wir Gelegenheitslügner verlangen also von unseren Kindern gar nicht, dass sie immer die Wahrheit sagen. Nur: Wann sollen sie - und wann nicht? Das ist für Kinder schwer zu unterscheiden - aber sie müssen es lernen. "Mütter und Väter müssen versuchen, ihren Nachwuchs inmitten einer Welt von Ausreden, Halb- und Unwahrheiten zu vertrauenswürdigen Menschen zu erziehen", sagt Diplom-Psychologin Krüger. Das klappt am besten, wenn man die Kinder aufmerksam durch verschiedene "Lug-und-Trug-Phasen" begleitet, die sie bis zur Pubertät durchleben.

Vorschulalter: die magische Phase

Niklas, 5, erzählt häufig von Piraten, die durch sein Kinderzimmer geistern, aber oft auch von anderen Jungs, die ihn im Kindergarten verkloppen. Seine Mutter stellt die Erzieherin zur Rede. Und erfährt, dass Niklas und die andern Jungs sich zwar mal kabbeln und streiten, aber von Prügeleien könne keine Rede sein. "Der Fünfjährige steckt mitten in der so genannten 'magischen Phase'", meint Kora Krüger, "da vermengen Kinder Realität und Phantasie."
Niklas' Mutter sollte jetzt nicht Detektiv spielen. Also nicht versuchen herauszufinden, was ihr Sohn genau dazugedichtet hat, und warum. Besser ist es, mit Niklas ganz allgemein über seine Kindergarten-Vormittage zu reden, denn oft sind Flunkergeschichten Signale dafür, dass es kleine Probleme gibt. Und beim Gespräch immer daran denken: Kinder können sich noch nicht so eindeutig ausdrücken wie Erwachsene.
Vorsätzlich lügen können die meisten Kinder im Vorschulalter noch nicht. Aber sie probieren es aus - etwa, wenn die Eltern Bonbons vor dem Essen verbieten. Das geht leicht: Einfach trotzdem mal einen nehmen und sagen "Ich war's nicht!", wenn man ertappt wird. Erste Versuchsballons sind das, die jedoch schnell platzen, weil der Bonbon-Dieb sofort rot wird wie ein Himbeerdrops.
"Jetzt die missglückte Schwindelei bloß nicht zum großen Thema machen", rät Kora Krüger, denn das mache sie nur interessant. Besser: das Verbot ("keine Bonbons vor dem Essen") noch einmal bekräftigen und begründen.
Mildernde Umstände also.
Gelten die auch noch für Florian, 8? An seiner Zimmertür hängt ein selbst gekritzeltes Schild: "Mache Hausaufgaben, nicht stören!" Sein Vater freut sich darüber, will ihn eine Stunde später mit einem Eis belohnen und geht in Florians Zimmer. Der Achtjährige ist in ein Comic-Heft versunken und zuckt erschrocken zusammen. Seinem Vater wird sofort klar: Nicht eine einzige Hausaufgabe hat sein Sohn erledigt. Ein Verhör folgt: "Warum belügst du mich? Hast du mir nichts zu sagen?"
Nein, hat Florian nicht. Verstockt sitzt er da. Und sagt mit seinem Verhalten doch eine ganze Menge: "Lasst mir mehr Freiraum, fragt mich nicht ständig, ob ich auch die Vokabeln gelernt habe – kurz: Hört auf, mich ständig zu behandeln wie ein Kleinkind!"

Grundschüler: Kampf um mehr Freiheit

Kinder wie Florian fordern mehr Freiraum und greifen dabei zur Lüge - aus Notwehr, meint Psychologin Krüger und rät Eltern zu gezielten Absprachen: "Wir reden dir nicht rein, wir verlassen uns auf dich - dafür zeigst du uns abends unaufgefordert deine Hausaufgaben."
Manche Psychologen und Pädagogen halten Kinderlügen für einen Beweis von Intelligenz. Der Grund: Die kleinen Schwindler haben den Unterschied von wahr und unwahr begriffen, den Kleinkinder noch nicht kennen. Vor allem aber kapieren Nachwuchslügner, dass sie ihre Umwelt und ihre Mitmenschen beeinflussen und sich Vorteile verschaffen können - zum Beispiel mit Flunkereien. Eine Fähigkeit, die jeder Mensch zweifellos fürs Leben braucht. Aber wie weit dürfen Eltern sie bei ihren Kindern zur Entfaltung kommen lassen?

Ab zehn: Mama, ich brauch' mehr Geld!

Anna, 10, von ihrer Mutter zum Einkaufen geschickt, kommt nach Hause : "Hier, nur 80 Cent sind übrig." Später, als An- nas Mutter die Hose ihrer Tochter in die Waschmaschine stecken will, findet sie in der Tasche den Kassenbon mit einem Zehn-Euro-Schein, dem Restgeld vom Einkauf. Annas Mutter wird wahnsinnig wütend über diesen Betrug. Doch es gelingt ihr, ruhig zu bleiben. Sie geht auf Anna zu: "Du wolltest das Geld unbedingt behalten - wozu brauchst du es denn?"
Anna hat so die Möglichkeit, ihr Verhalten zu erklären: "Ich möchte mir doch so gerne die neue Britney-Spears-CD kaufen." Darüber hätte man doch sprechen können, entgegnet die Mutter und bekommt zur Antwort, dass man mit ihr über Geld nur schlecht reden könne.
Daraus wird ein intensives Gespräch über Annas Konsumbedürfnisse. Am Ende steht ein Kompromiss: Anna darf drei Euro behalten und kann sich durch Hilfe im Haushalt was dazuverdienen. Eine gute Lösung, findet Diplompsychologin Krüger, denn Annas Mutter hat zwar kein Verständnis für die Unterschlagung, aber für den Wunsch nach mehr Geld signalisiert und einen Weg angeboten. Dennoch: Die Mutter sollte Anna genau beobachten. Steht sie im Kreise ihrer Freundinnen unter Konsumdruck? Wenn ja, bedient sie sich vielleicht erneut aus Mamas Haushaltskasse und versucht, das zu vertuschen. Damit würde sie die Grenze von Gelegenheitslügen zu strategischen Täuschungen überschreiten.
Jasmin ist nie um eine Ausrede verlegen. Die Zwölfjährige tischt ihren Lehrern fadenscheinige Erklärungen auf, weshalb sie die Hausaufgaben nicht machen konnte. Ihren Eltern erzählt Jasmin, sie habe bei ihrer Freundin für die Englisch-Arbeit gepaukt, obwohl sie im Kino war. Und wenn sie eine neue Uhr möchte, dann versteckt sie die alte und behauptet, sie sei ihr beim Sport geklaut worden.