Begabung
 
"Jedes Kind kann sich begeistern"

Professor Dr. Gerald Hüther, Entwicklungsbiologe und Hirnforscher an der Universität Göttingen, über Begabungen, Interessen und die Kunst, ein Kind behutsam zu fördern.

Kind spielt im Sand
Thinkstock, EpicStockMedia

Wie können Eltern feststellen, welche Begabungen ihr Kind hat?
Indem sie ihr Kind sehr genau und vor allem liebevoll beobachten, und zwar bei allem, was es aufnimmt, was es äußert und was es macht. Eltern sollen möglichst ohne Absicht beobachten, ganz offen, ohne Bewertungen.

Das ist nicht ganz einfach.
Stimmt, dieses absichtslose Zuschauen ist schwierig, vor allem dann, wenn man bereits eine bestimmte Vorstellung davon im Kopf hat, was ein Kind für Begabungen haben könnte oder müsste. Trotzdem ist es wichtig, zugewandt und ermutigend zuzuschauen, was das Kind interessiert, womit es sich beschäftigt, wie es versucht, etwas auszudrücken oder zu gestalten. Das kann bei jeder Gelegenheit sein: allein, mit anderen zusammen, zu Hause oder außerhalb der Familie. Möglichst im normalen, täglichen Umfeld und bloß nicht in extra arrangierten Situationen.

Warum nicht? Begabungstests funktionieren doch nur so.
Begabungstests messen aber immer nur das, was ein Kind in einer nach bestimmten Gesichtspunkten vorgegebenen Situation leistet, nicht das, was es wirklich kann, geschweige denn das, wofür es sich wirklich interessiert. Wirkliche Schatzsucher graben ihren Schatz ja auch nicht dort aus, wo sie ihn vorher selbst verbuddelt haben!

Was können Eltern tun, wenn sie eine besondere Begabung bei ihrem Kind feststellen?
Kinder mit einem besonderen Talent verlangen von ganz allein viel "Futter" in diesem Bereich. Diese Anregungen sollten Eltern ihrem Kind dann auch anbieten. Falls es sich irgendwann "überfüttert" abwenden sollte, war es zu viel des Guten. Dann gilt: das Angebot erst einmal wieder weit zurückfahren.

Und was, wenn Eltern keine besondere Begabung entdecken können?
Abwarten. Es gibt kein Kind, das nicht irgendwann ein solches besonderes Interesse entwickelt! Allerdings: Je älter die Kinder werden, umso größer wird die Gefahr, dass sie sich nicht mehr aus sich selbst heraus für bestimmte Dinge interessieren, sondern weil sie Anerkennung von anderen, etwa von den Eltern oder von Gleichaltrigen, suchen. Die dabei entwickelten besonderen Leistungen sind fremdbestimmt. In solchen Fällen muss zunächst das Kind gestärkt werden, um mehr Selbstsicherheit aufbauen zu können, damit es seinen eigenen Impulsen wieder folgen kann.

Eltern wollen nichts versäumen, aber ihr Kind auch nicht überfordern. Wie können sie die Balance halten?
Vielleicht sollten wir alle, die Eltern, die Erzieher und die Lehrer, uns auf die alte Gärtnerweisheit zurückbesinnen: "Die Pflanzen wachsen nicht schneller oder besser, wenn man an ihnen zieht." Ganz im Gegenteil: So beschädigt man sie nur! Auf Kinder übertragen heißt das: ihnen Aufgaben anzubieten, an denen sie wachsen, für die sie sich begeistern können, ihre Leistungen und Anstrengungen wertzuschätzen, sie zu ermutigen, und - wenn etwas allein noch nicht gelingt - ihnen einen Weg zu zeigen, wie es gehen könnte.

Wissenschaftliche Tests - was bringen sie?

Ob ein Kind durch außergewöhnliche Leistungen auffällt oder Schulprobleme hat - schnell kommt der Vorschlag: "Dann lassen Sie Ihr Kind doch testen!" Und tatsächlich sind wissenschaftliche Begabungstests inzwischen so ausgereift, dass sie deutliche Hinweise darauf bringen, welche Potenziale in einem Kind stecken. Wie das funktioniert und worauf man achten sollte, erfahren Sie hier.