Schulsport
 
So bringt man Kinder in Bewegung!

Bewegung ist gesund - das weiß jedes Kind. Aber wenn das Smartphone lockt, fällt es vielen Kinder schwer, sich für Sport zu begeistern. Igor Geld (42) unterrichtet am Olympia-Eissportzentrum in München Kindern von 3 bis 14 Jahren. Im Interview beschreibt er, wie man Kinder für Sport begeistern kann.

Kinder nie blamieren - das demotiviert nur

ELTERN: Herr Geld, braucht man ein besonderes Talent, um mit Kindern Sport zu machen?
Man sollte Kinder lieben! Ganz trocken geht es nicht. Aber davon abgesehen kann das jeder lernen. Ich bin auch nicht als Experte geboren. Als ich im Studium zum ersten Mal Fünfjährige unterrichtete, dachte ich nur: oh Gott. Alle schossen um mich herum wie unberechenbare physikalische Teilchen.

ELTERN: Eltern und auch Grundschullehrer fürchten dieses Chaos. Wie bringt man die Kleinen dazu, sich beim Turnen geordnet zu benehmen?
Wenn Kinder sich bewegen, steigt der Energiepegel wie in einer Spirale immer weiter an. Ab einem gewissen Punkt ist es zu spät, sie zu beruhigen. Man muss also rechtzeitig Ruhemomente schaffen. Etwa indem man alle auf dem Boden liegen und "bewegungslos" spielen lässt, oder von Anfang an Spiele wie "Stop-Tanz" wählt, in denen sich Bewegung und Ruhe abwechseln. Wichtig ist auch, dass die Übungen anspruchsvoll genug sind. Was ein Kind auf Anhieb kann, beschäftigt es keine 60 Sekunden.

ELTERN: Ab welchem Alter können Kinder regelmäßige Sportangebote besuchen?
Ab vier. Aber auch darunter, sagen wir ab zwei, ist Bewegung wichtig. Bis zum Alter von drei Jahren entwickelt sich das Gehirn rasant, in dieser Phase kann man gut Koordination und Gleichgewicht trainieren. Natürlich nicht mit Kraftübungen, aber mit Spielen.

ELTERN: Manche Kinder bewegen sich nicht so gerne wie erwartet, weshalb die Eltern sie nach einer kurzen Phase aus dem Tanz- oder Judokurs wieder heraus nehmen...
Auch wer sich schwer tut, sollte dabei bleiben. Irgendwann kommt bestimmt ein Erfolgserlebnis. Für Eltern mag das eine Urkunde oder eine Aufführung sein, doch für Kinder ist es fast immer das Lob der Eltern! Deshalb ist es wichtig, dass auch kleine Erfolge anerkannt werden. Auch wenn das Kind es "nur" geschafft hat, ein Hütchen komplett zu umkreisen, so hat es doch vielleicht sein eigenes, kleines Ziel erreicht.

ELTERN: Reicht Loben wirklich, um ein Kind fürs Schwitzen zu begeistern?
Man muss den individuellen Punkt finden, an dem man ansetzen kann. Manche Kinder stehen schulisch stark unter Druck, können nicht loslassen. Andere haben eine unsportliche Familie und wissen gar nicht, was sie in Turnschuhen anfangen sollen. Das erste Kind ist glücklich, wenn es 100 Meter rennt, das zweite braucht vielleicht ein Ballspiel mit Struktur. Es lohnt sich, zu beobachten, worauf ein Kind anspricht. Wenn man ihm ein einziges positives Erlebnis beschert, setzt die Bewegung in ihm Endorphine, also Glückshormone, frei. Die wird es immer wieder suchen.

ELTERN: Der entscheidende Faktor ist also Spaß?
So gesehen, ja. Aber oft ist es besser, wenn die Eltern gar nicht so viel fragen, ob es Spaß gemacht hat. Spaß gibt es heute in rauen Mengen, das ist nichts Besonderes. Durch Anstrengung, aus eigener Kraft, ein Erfolg zu erleben – das ist die herausragende Eigenschaft von Sport.

ELTERN: Welche Sportgeräte sind gute Stimmungsmacher?
Natürlich Bälle, die können schon Zweijährige werfen und fangen. Oder Springseile. Die erfordern allerdings Übung, das Springen klappt erst richtig mit fünf. Man kann das Seil aber auch um sich herum drehen und die Kinder im Kreis darüber springen lassen. Ein Satz bunter Plastikbecher ist auch immer gut. Eigentlich ist das Gerät gar nicht entscheidend. Es ist die Aufgabe, die zählt. Etwa: beim roten Becher einen Purzelbaum machen, beim gelben Froschhüpfen ... Man kann das Kind nicht einfach beim Gerät "aufräumen". Es muss wissen, was es machen soll.

ELTERN: Sind Wettkampfspiele zu empfehlen?
In Maßen. Sie fördern den Ehrgeiz. Den braucht man in der Schule, wo es irgendwann mit Noten los geht. Wer bis dahin nur bekuschelt wurde, der hält dem plötzlichen Druck vielleicht nicht stand. Andererseits führen Wettspiele Kinder an ihre Grenzen. Ein langsamer Junge, der denkt, er läuft schon schnell, wird in einem Rennen erleben, dass es noch schneller geht.

ELTERN: Eltern und Lehrer haben auch Angst vor Verletzungen, vermeiden deshalb echte Anstrengung und auch Geräte. Sind Kinder wirklich anfälliger?
Kinder haben sehr weiche Knochen und Sehnen, die nur bei heftiger Gewalteinwirkung zu Schaden kommen. Da muss schon einiges passieren. Überhaupt halten Kinder viel mehr aus, als Erwachsene denken, sowohl seelisch als auch körperlich. Wo ein Erwachsener eine Stunde Erholung braucht, reicht ihnen eine Viertelstunde.

ELTERN: Wie reagiert man bei Stürzen?
Vor allem sollte man ruhig bleiben. Stellen Sie sich vor, sie liegen am Boden und ein Mensch, der doppelt so groß ist wie Sie, beugt sich panisch über sie, zerrt an ihnen und schreit "Was ist passiert!?" Heulende Kinder sollte man ablenken. In aller Regel sind sie nur erschrocken. Das Ablenkungsmanöver – etwa "Wie geht es eigentlich eurem neuen Hundebaby?" – ist aber auch ein Test. Wenn es nicht wirkt, kann das ein Indiz für eine ernsthafte Verletzung sein.

ELTERN: Wie bezieht man dicke, bequeme und ängstliche Kinder ins Geschehen ein?
Auf keinen Fall darf man sie blamieren! Ihnen muss man Aufgaben geben, die sie bewältigen. Ich lasse sie gerne vorführen, was sie gut können. Das nimmt Hemmungen.

ELTERN: Muss ein Übungsleiter nicht auch ein bisschen autoritär sein?
Lautes Herumschreien ist ein Klischee, weil viele Sportlehrer ihre Stimme erheben, um den Lärmpegel zu übertönen. Manchmal bitten mich Eltern, doch etwas strenger und lauter zu sein. Aber das kommt nicht in Frage. Ein Kind direkt anzuschreien ist eine Bankrotterklärung des Trainers. Es frustriert das Kind und kann ihm den Sport für lange Zeit verleiden. Wem der Kragen platzt, der soll sich wieder den Riesen vor Augen halten: Ich bin groß, die sind klein.

ELTERN: Welches Spiel reißt alle mit?
Völkerball in verschiedenen Variationen. Bei den Kleinen kann man einen Schaumstoffball verwenden, der nicht so weh tut. Und man sollte ohne Ausscheiden oder Mannschaftswechsel spielen. Alle Kinder müssen beschäftigt sein, dann schwirren keine chaotischen Ausreißer durch die Gegend.