Schlechte Noten
 
Mit Anwalt zum Elternsprechtag

Ob es um schlechte Noten geht, um falsche Unterrichtsmethoden oder zu viele Hausaufgaben - bei der Schulbildung ihrer Kinder erheben Eltern immer öfter Einspruch. Und ziehen gleich einen Anwalt zu Rate.

Lehrer: "Klagewut" der Eltern nimmt zu

Schlechte Noten: Mit Anwalt zum Elternsprechtag

"Eltern neigen immer mehr dazu, gleich den Anwalt einzuschalten", sagt Ludwig Eckinger, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE). Regelmäßig komme es vor, dass Eltern mit einem Juristen zur Sprechstunde in die Schule kämen. "Das ist keine Ausnahme", sagt Eckinger. Selbst Elternvertreter sprechen von einem unschönen Trend zur "Rechthaberei". Anwälte freuen sich dagegen über einen neuen Markt.

Auch beim Deutschen Lehrerverband melden sich viele Pädagogen, die sich nicht mehr nur mit aufgeregten Eltern, sondern auch mit deren Anwälten auseinandersetzen müssen. "Das nimmt deutlich zu", hat Verbandspräsident Josef Kraus festgestellt. Der Bayer spricht auch aus eigener Erfahrung. Als Schulleiter an einem niederbayerischen Gymnasium hat er selbst regelmäßig mit Juristen zu tun.

Eine Sechs in Deutsch? Ein Anwalt muss her!

Das muss in einem Rechtsstaat möglich sein

Zuletzt ging es an dem Gymnasium von Kraus um eine Sechs im Deutsch-Aufsatz. Die Eltern des Oberstufenschülers wollten die schlechte Note nicht hinnehmen. "Die haben das durch alle Beschwerdewege angefochten", erzählt Kraus. Nach Einsprüchen beim Deutschlehrer, bei ihm und bei der Schulaufsicht entschieden sich die Eltern für den Gerichtsweg. Am Ende musste sich der Bayerische Verwaltungsgerichtshof in zweiter Instanz mit der Sechs beschäftigen.

Kraus nimmt die Klagefreude sportlich: "Das muss in einem Rechtsstaat möglich sein", sagt er. Es komme schließlich auch vor, dass ein Lehrer mal einen Fehler mache. "Aber die unbegründeten Beschwerden nehmen einfach überhand", sagt er, "es gibt Eltern, die jede schulische Entscheidung anzweifeln."

Schulrecht noch ein Nischengebiet

Kampf um den Sprung aufs Gymnasium

Christian Birnbaum kommen die wachsenden Zweifel dagegen gerade recht. Der Jurist spezialisierte sich vor acht Jahren auf Schulrecht. Noch sei es ein "Nischengebiet", sagt er, "aber es gibt einen zunehmenden Markt dafür." Der Andrang bei ihm hat zugenommen. Im Jahr kümmert er sich um rund 100 Verfahren - um Schulverweise, Versetzungen und immer wieder um den Klassiker, die Anfechtung von Noten. Auch bei der Wahl der passenden Schule scheuen Eltern keine Mühe. Viele versuchen, ihren Nachwuchs mit seiner Hilfe in die Wunsch-Schule einzuklagen.

"Mittlerweile geht es schon darum, auf welche Grundschule mein Kind geht", sagt der Anwalt. Später folgt der Kampf um den Sprung auf das Gymnasium - und damit der Kampf um jede Note. "Da geht es um was", sagt Birnbaum. Der gestiegene Leistungsdruck sei Schuld an der Entwicklung, meinen Kraus und Eckinger. Außerdem seien viele Eltern "völlig kritiklos" gegenüber ihrem Nachwuchs. "Das eigene Kind ist nie Schuld", sagt Kraus. Auch die Autorität der Schule habe gelitten."Manche Eltern gehen von Haus aus davon aus, dass Lehrer falsche Entscheidungen treffen", klagt er.

"Es muss doch noch einen anderen Weg geben, als vor Gericht zu ziehen"

Selbst beim Bundeselternrat kommt das nicht gut an. "Es gibt berufsmäßige Nörgler", sagt der Verbandsvorsitzende Dieter Dornbusch. Mittlerweile habe sich eine "Rechtschutzversicherungsmentalität" entwickelt. "Es wird immer mehr mit harten Bandagen gekämpft", beklagt Dornbusch. Unzufriedenen Eltern, die sich an den Verband wenden, rät er trotzdem eindringlich, zuerst mit der Schule und mit den Lehrern zu sprechen - ohne Anwalt. Auch Eckinger plädiert für Reden anstatt für Klagen. "Es muss doch noch einen anderen Weg geben, als vor Gericht zu ziehen", sagt er. Wenn ein Richter klären müsse, ob eine pädagogische Entscheidung gerecht sei oder nicht, sei das schließlich eine "Bankrott-Erklärung für alle Seiten".