Erfahrungsbericht
 
HILFE, mein Sohn kifft

Als unser Autor Gregor Lindemann entdeckt, dass sein 15-jähriger Sohn ­Drogen nimmt, geraten die beiden in eine schwere Beziehungskrise. Und jetzt?

Junge rollt einen Joint
iStock, FilippoBacci

Ich habe mich in meinem Sohn getäuscht, vielleicht ist es dieser Gedanke, der mir die Sache so schwer macht. Und die Tatsache, dass ich selbst noch nie irgendwelche Drogen genommen habe und dass ich als alter Erwachsener, wie mein Sohn mir vorhält, keinen Schimmer davon habe, was heutzutage bei den Jungen so abgeht. Und überhaupt, dass ich immer von Drogen spreche, dabei geht’s doch nur ums Kiffen. Jeder in seinem Alter kiffe, sagt mein 15-jähriger Sohn, und dass die Eltern seiner Freunde viel cooler damit seien als ich

Was daran stimmt: Ich bin nicht cool damit. Ich finde, nur weil alle kiffen, muss mein Sohn nicht kiffen. „Nur weil alle von der Brücke springen“, frage ich ihn, „springst du mit?“ Aber das zieht natürlich nicht. Überhaupt scheint keines meiner Argumente gegen das Kiffen zu ziehen. Er erwähnt dann Freunde von mir, die früher auch gekifft haben und es zum Teil heute noch tun, und sagt, dass es denen doch auch nicht geschadet habe. Es ist der gleiche Gedanke, der mir Hoffnung macht, aber das sage ich meinem Sohn nicht.

G+J

Ich war mir immer sicher, …

… dass aus meinem Sohn kein Kiffer würde. Ich dachte, er sei gefestigt und bräuchte das nicht, aber da war ich wohl zu naiv. Wir leben schließlich in Berlin, er geht auf eine Schule, die den Ruf eines Kiffer-Gymnasiums hat. Gleich um die Ecke ist ein Park, in dem die Dealer rumhängen. Und dann stand im vergangenen Sommer eine Klassenfahrt an, drei Tage auf einem Campingplatz im Berliner Umland, von den Schülern selbst organisiert, ohne Lehrer, aber mit, was ich erst Wochen später erfuhr, jeder Menge Gras im Gepäck. 

Er erzählte zuerst seiner Mutter davon, weil sie früher selbst viel gefeiert hat und findet, dass Trinken und Kiffen zum Erwachsenwerden dazugehören. Als ich meinen Sohn dann fragte, was ihm am Kiffen gefalle, antwortete er: das Gefühl, er sei dabei so entspannt und lustig. 

Ich erklärte ihm sehr deutlich, dass ich das alles nicht gut fände – weil er zu jung sei, weil sich sein Hirn in der Entwicklung befinde und es wissenschaftlich erwiesen sei, dass Kiffen diese Entwicklung beeinflusse. Wenn er unbedingt kiffen wolle, sagte ich, solle er bitte noch ein paar Jahre warten. Ich habe versucht, vernünftig mit ihm zu reden, habe nicht gebrüllt und ihm auch keine Konsequenzen angedroht, weil ich eines zu schätzen wusste: seine Offenheit. 
Natürlich war mir klar, dass ich einem 15-Jährigen das Kiffen nicht verbieten kann, ich kann ihn schließlich nicht in seinem Zimmer einschließen. Sobald er die Wohnung verlässt, habe ich keine Kontrolle mehr darüber, was er tut oder lässt. Deswegen hoffe ich auf Vertrauen und Einsicht und die Abmachung, dass nur einmal in der Woche am Wochenende gekifft wird. 

Aber dann habe ich in seinem Zimmer eine digitale Feinwaage gefunden und eine Wasserpfeife, und sein kleiner Bruder erzählte mir nach einem Abend, an dem sie allein zu Hause waren, dass sein Bruder mit seinen Kumpels im Zimmer gekifft, er ganz rote Augen gehabt und ihm das ganz schön Angst gemacht habe. Damit hatte für mich das Kiffen ein neues Stadium erreicht. Ich war ziemlich sauer darüber, dass er vor den Augen seines kleinen Bruders kiffte. Und wozu brauchte er die Waage? Dealte er?

Es war der Moment, mit dem das Misstrauen begann.

Junge kifft
iStock, Paul Bradbury

Und das bin ich bis heute nicht losgeworden. Das ist für mich das Schlimmste. 

Ein paar Wochen später war Silvester. Mein Sohn wollte bei uns zu Hause mit Freunden eine kleine Party machen. Ich sagte Ja – schließlich war Silvester. Als ich wie verabredet um Mitternacht nach Hause kam, saß er zugedröhnt mit einem Kumpel auf dem Sofa, der Kumpel hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen und sah mich nicht ein einziges Mal an. Dann wollten die beiden sich noch mit anderen Kumpels treffen. Ich ließ sie nur widerwillig gehen. „Papa“, sagte er, „es ist Silvester! Alle feiern!“ Meine Bedingung: Er sollte um zwei Uhr zu Hause sein. War er aber nicht, ich schrieb ihm Nachrichten, ich rief ihn an. „Ich komme gleich“, sagte er jedes Mal. „Ich bin auf dem Weg …“ Ich drohte, ihn zu holen, und dann endlich, um vier Uhr, kam er, und als ich wissen wollte, wo er gewesen sei, sagte er, er hätte sich mit ein paar Kumpels zum Chillen im Park getroffen. Am nächsten Abend bekam ich zufällig ein Telefonat mit einem seiner Freunde mit. In dem Gespräch beklagte er sich über den schrecklichen Silvesterabend, sie hätten ihn alle hängen lassen und dann sei er nachts zu seinem Dealer gefahren und hätte mit dessen Clique abgehangen. Es traf mich wie ein Schlag. Er hatte unsere Abmachungen nicht eingehalten, ich war wütend und geschockt darüber, dass mein Sohn mit seinem Dealer das neue Jahr beging. Ich bin in sein Zimmer und habe ihn angeschrien: „Du hast mich angelogen!!“ Aufgebracht sagte ich ihm, dass er wohl viel tiefer drinhänge, als er selbst glaube, wenn er Silvester mit seinem Dealer verbringe.

Zum ersten Mal verspürte ich aber auch Angst: 

War ich vielleicht viel zu gutgläubig? Hing er längst im Drogensumpf fest? Seit diesem Erlebnis fällt es mir unglaublich schwer, ihm noch zu vertrauen. Ich sehe seitdem ständig Indizien, die mich in meinem Verdacht bestätigen: Verkauft er alte Kleider oder seine Kopfhörer bei Ebay, ist für mich klar: Er braucht Geld für Drogen. Und mein erster Gedanke, als vor Kurzem seine Boombox nicht mehr aufzufinden war: Er hat sie versetzt. Und wann immer er sich abends mit Freunden trifft, bin ich mir sicher, dass sie gemeinsam chillen, was in ihrer Sprache nichts anderes bedeutet als: gemeinsam zu kiffen. Aber was soll ich machen? Als ich ihm drohe, seinen Kumpels bei uns Hausverbot zu erteilen und ihm das Taschengeld zu streichen, droht er mir damit, dann nichts mehr mit mir zu tun haben zu wollen. Und dann, sagt er, werde er mir auch nie wieder etwas erzählen.

Am nächsten Tag suche ich die Nummer der nächstgelegenen Drogenberatung heraus. 

Ich mache einen Termin aus. Kiffen sei in der Tat gerade sehr verbreitet, sagt die Drogenberaterin, „vergessen Sie nicht, wir sind in Berlin, der Partyhauptstadt!“ Am Ende beruhigt sie mich. Es sei das Wichtigste, sagt sie, den Kontakt zum Kind nicht zu verlieren. Das ist die goldene Regel für nahezu alle pubertären Krisen, nicht nur, wenn es um Drogen geht, sondern auch bei Alkohol oder Essstörungen. Es sei auch richtig, meinem Sohn klarzumachen, dass ich das Kiffen nicht gutheiße. Keine Hilfe seien Eltern, die auf ihre eigene Kiffer-Vergangenheit verwiesen und cool damit seien. „Ernsthaft Sorgen müssen Sie sich erst machen, wenn Ihr Sohn völlig antriebslos wird“, sagt die Beraterin, „wenn er nur noch in seinem Zimmer hängt und auch nicht mehr zum Fußball geht.“ 

Auch die Schule lädt zu einem Elternabend, bei dem der Sozialarbeiter einer Drogenberatung über seine Erfahrung redet. Gleich zu Beginn warnt er davor, Kiffen von damals mit dem Kiffen heute zu vergleichen. Denn die jetzige Indoor-Züchtung von Cannabis habe zur Folge, dass 30 Prozent mehr Wirkstoff enthalten sei. Er spricht über die Wirkungen: Verpeiltheit, Störung des Kurzzeitgedächtnisses und Heißhunger. Dazu kann es zur Beeinträchtigung der kognitiven Leistungsfähigkeit kommen, also schlechtere Noten … Das alles trifft auf meinen Sohn zu. Aber: Er ist auch in der Pubertät, und wer weiß schon, ob seine Verpeiltheit vom Kiffen oder von der Pubertät herrührt? 

Was ich für mich aus diesen Beratungen mitgenommen habe: Es ist gut, dass ich streng bin und eine klare Meinung zum Kiffen habe. Ob es auch gut ist, dass ich keine ernsthaften Konsequenzen gezogen habe, weiß ich nicht.

Vor Kurzem haben wir uns wegen des Kiffens wieder heftig gestritten.

Und dann fing mein Sohn an zu weinen, weil ich ihm nicht vertraue und ihm das Gefühl gebe, er würde nur schlechte Dinge tun und ich würde ihn nicht schätzen. Das hat mich getroffen, weil ich finde, dass ich einen tollen Sohn habe. Vielleicht sollte ich ihm das öfter sagen. Ich erkläre ihm, dass ich einfach Angst habe, er lasse sich hängen, gerade jetzt, so kurz vor dem Abitur und dass er in etwas hineingerate, aus dem er nicht mehr herausfinde. „Ich bin so nicht“, sagt er, und ich habe für mich beschlossen, ihm wieder mehr zu vertrauen und damit auch unserer Erziehung. Ich hoffe, dass ich es nicht irgendwann bereue. 85 Prozent der Jugendlichen, sagte der Sozialarbeiter, bekämen das Kiffen in den Griff. Warum also nicht auch mein Sohn?

Hier findet ihr Hilfe

Beratung ist immer eine gute Idee – auch erst mal ohne den Teenager.
Eine Liste der ­ Drogenberatungsstellen gibt es hier bei: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V.
Weitere Infos findet ihr hier: