Jugendliche und Alkohol
 
Ist mein Kind alkoholgefährdet?

Bis zum 20. Lebensjahr braucht der Körper, bis er seine Fähigkeit, Alkohol abzubauen, voll entwickelt hat. Deshalb sind Kinder und Jugendliche sehr viel mehr als Erwachsene gefährdet, "über den Durst zu trinken" oder schlimmstenfalls in eine Abhängigkeit zu geraten.

Jugendliche und Alkohol: Ist mein Kind alkoholgefährdet?

Wie sollte man Kinder und Jugendliche mit Alkohol vertraut machen? ELTERN family sprach mit Christa Merfert-Diete, Spezialistin für Suchtvorbeugung, Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V., Hamm.

Gibt es bei Jugendlichen Wesenszüge, die sie anfälliger dafür machen, zu viel Alkohol zu trinken?

Es gibt keine Suchtpersönlichkeit. Besser stellt man die Frage: Welche Wesenszüge stärken Kinder? Jugendliche, die mit sich, ihrer Familie und ihren Freunden und in ihrer Umwelt gut zurechtkommen, die sich auf ihre Kompetenzen im Sozial-, Kommunikations- und Leistungsverhalten stützen können, sind weniger gefährdet. Alkoholgefährdet sind aber grundsätzlich alle, die Alkohol konsumieren. Entscheidend ist dabei vor allem das Alter des Kindes oder Jugendlichen. Je jünger ein Kind beim ersten Kontakt mit Alkohol ist, desto höher ist sein Risiko, später einmal abhängig zu werden.

Alkohol gehört in fast allen Familien zu festlichen Anlässen. Sehen Sie sogar darin eine Gefahr für Kinder und Jugendliche?

Der Umgang mit Alkohol im Elternhaus ist vorbildgebend für die Kinder. Wird Alkohol sorglos konsumiert? Gibt es bestimmte Regeln wie etwa "Alkohol nur zu besonderen Anlässen" oder "Alkohol nur gleichzeitig mit dem Abendessen"? Gibt es Gründe, weshalb Alkohol getrunken wird? Also beispielsweise "Ich fühle mich schlecht", "Ich habe mich geärgert", "Ich fühle mich leer" oder "Ich möchte mich belohnen". Eltern müssen das nicht aussprechen. Kinder und Jugendliche spüren, wann ihre Eltern zum Alkohol greifen. Wir sagen: Es ist entscheidend, wie verantwortungsvoll Eltern selbst mit dem Zellgift Alkohol umgehen.

Wie sieht es in den Elternhäusern aus, in denen es überhaupt keinen Alkohol gibt, etwa weil die Eltern ihn strikt ablehnen oder weil jemand in der Familie einmal alkoholabhängig war?

Der Vorteil, in einer Familie aufzuwachsen, in der gar kein oder nur wenig Alkohol getrunken wird, ist: Hier wird über die mit dem Alkoholkonsum verbundenen Risiken gesprochen. Auch hier gibt es ein Spannungsfeld. Ein Kind fühlt, dass seine Familie eine gewisse Außenseiter-Position hat. Denn in unserer Gesellschaft wird der Alkohol als Normalfall angesehen. Er ist überall verfügbar, er wird rund um die Uhr angeboten. In Tankstellen kann man ihn auch morgens um vier Uhr haben. Als Reisebedarf sozusagen, was gar nicht nachzuvollziehen ist. In der Werbung kommt rüber, dass man zu den Großen und zu den Chicen gehört, wenn man ein Glas Prosecco oder Wein in der Hand hält. Das sind die Botschaften, die diese Gesellschaft an die Kinder heranträgt. Alle Elternhäuser werden damit konfrontiert, auch Familien in denen gar nicht oder nur wenig getrunken wird.

Wenn Jugendliche in falsche Kreise geraten, haben Eltern oft kaum noch eine Chance, einzugreifen. Wie kann man dem vorbeugen?

Wenn die Pubertät beginnt, kommen viele Kinder und Jugendliche mit ihren Problemen nur schwer zurecht. Deswegen sollten die Eltern in einem engen Kontakt mit ihnen stehen und deren Umfeld wie etwa den Freundeskreis gut kennen und die Themen wissen, mit denen sich das Kind befasst. Doch der Grundstein dafür, dass Pubertätsprobleme nicht bewältigt werden, wird nach meiner Ansicht ganz früh gelegt. Entscheidend ist, dass Eltern ihren Kindern ein gutes Selbstwertgefühl und eine gewisse Frustrationstoleranz vermitteln. Das vollzieht sich vom ersten Lebensjahr an. Wenn ein Kind alles, was es haben möchte, möglichst schnell bekommt, dann kann es nicht lernen, einen Wunsch auch einmal aufzuschieben oder ganz auf die Erfüllung zu verzichten. Es ist enorm wichtig, altersgerechte Grenzen zu setzen. Nur so kann man Kinder zur Selbstständigkeit und zu einem freien Willen erziehen. Diese Kinder können eines Tages Entscheidungen treffen und eben auch Nein sagen.

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