Castingshows
 
Darf mein Kind "Topmodel" und "DSDS" gucken?

Deutschland sucht mal wieder Topmodels und Superstars: Es vergeht kaum ein Abend, an dem keine Castingshow im Fernsehprogramm ist. Mittlerweile sind auch Kinder im Grundschulalter schon vom Castingfieber infiziert. Aber ist es sinnvoll, Kindern diese Sendungen zu verbieten?

Castingshows: Der Fernseh-Dauerbrenner

Castingshows: Darf mein Kind "Topmodel" und "DSDS" gucken?

Heidi Klums Show "Germany's next Topmodel" geht gerade in die elfte Runde. Und auch Dieter Bohlen sucht gerade mal wieder einen vermeintlichen "Superstar": Es vergeht kaum ein Abend ohne Castingshow im Fernsehen. Und es gibt kaum einen Jugendlichen, der noch nie reingeschaut hat: Mit Marktanteilen von zum Teil über 60 Prozent sind Castingshows der Quotenerfolg des neuen Jahrtausends. Aber woher kommt es, dass mittlerweile sogar jüngere Kinder schon infiziert sind vom Castingwahn? Sind die Inhalte der Castingshows sogar gefährlich? Und was können Eltern machen, deren Kinder unbedingt die Topmodels und Superstars sehen wollen?

Umgang mit Castingshows: Mitschauen oder Verbieten?

Dr. Maya Götz ist Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend und Bildungsfernsehen (IZI) und hat an einer Studie über Castingshows und ihre Bedeutung für Kinder und Jugendliche mitgearbeitet. Sie rät davon ab, Kindern den "Germany’s next Topmodel"- Abend gänzlich zu verbieten - zumal sich die Shows zu den neuen Familienformaten entwickelt haben: Was früher "Wetten, dass ..." war, sind heute eben "The Voice of Germany“ oder "Germany’s next Topmodel".
Häufig übernähmen die Kinder die Begeisterung für diese Shows sogar von den Eltern. Und diese gehen häufig davon aus, dass derartige Formate kindgerechter seien als ein Großteil des restlichen Abendprogramms. Was außerdem nicht zu vergessen ist: Wer am nächsten Tag in der Schule mitreden will, sollte schon wissen, wer auf dem Laufsteg gestolpert ist, wer den falschen Ton getroffen hat und wer die Zicke in der Modelvilla ist.
Eltern, die das Schauen von Castingshows strikt verweigern, warnt Wissenschaftlerin Götz daher: "Bloßes Schlechtreden bringt nichts!" Der erhobene Zeigefinger und ein grummeliges "Diesen Mist schau' ich mir nicht länger an" seien sogar kontraproduktiv. Vielmehr sollten die Eltern ein kritisches Auge auf die Sendungen werfen und versuchen, auch ihre Kinder darin zu schulen. "Es ist wichtig, dass die Eltern ihren Kindern klarmachen, dass das im Fernsehen Gezeigte nicht der Realität entspricht und dass auch die Kandidaten das Material einer Unterhaltungsshow sind. Die Suche nach einem Topmodel oder einem Superstar, wie es der Titel der Sendung vorgibt, ist nicht das Ziel", so Götz.
Sie schlägt deshalb vor, mit ganz einfachen und außerdem witzigen Spielen die Medienkompetenz der jungen Fernsehzuschauer zu verbessern. Man könne zum Beispiel gemeinsam mit den Kindern anhand des Einspielers vor dem ersten Auftritt eines Kandidaten raten, ob dieser von Bohlen mit dem Recallzettel in die nächste Runde oder mit einem hämischen Spruch nach Hause geschickt wird.
Denn der Zuschauer werde bei den Castingshow-Formaten immer in eine bestimmte Richtung gelenkt und die Kandidaten zu bestimmten "Typen" stilisiert. "Erwachsene können diese Inszenierung erkennen, Kinder dagegen müssen erst lernen, die Inhalte kritisch zu hinterfragen", weiß Götz. Deshalb müsse auch mit den Kindern darüber gesprochen werden, wie sich ein abgewatschter Castingshowteilnehmer fühlt, dessen Traum gerade zerplatzt ist. Den Kindern müsse bewusst werden, dass das, was gerade in der ersten Phase von "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS) so lustig erscheint, eigentlich eine Abwertung der Kandidaten ist.

Verzerrtes Selbstbild - verursacht durch Castingshows?

Eltern sollten keinesfalls über die Kandidaten lästern!

Bei "Germany's next Topmodel" kommt noch ein anderes Moment hinzu: Die Kinder und Jugendlichen beginnen, sich an Ausnahmeerscheinungen zu messen. Die "Dr.-Sommer-Studie" der Jugendzeitschrift "BRAVO" liefert dazu erschreckende Ergebnisse: Bei der ersten Erhebung im Jahr 2006 - also noch vor der ersten Staffel von "Germany's next Topmodel" - waren rund 70 Prozent der Mädchen mit ihrem Gewicht zufrieden. In der zweiten Untersuchung im Jahr 2009 gab dagegen jedes zweite Mädchen an, sich zu dick zu fühlen - trotz Normalgewicht.

Zu der Zeit lief gerade die vierte Staffel der Klumschen Castingshow und es liegt nahe, dass diese nicht ganz unbeteiligt an der Veränderung des Körperbewusstseins der jungen Mädchen ist. Die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) warnt vor den Folgen, die ein negatives Selbstbild verursachen kann: Wenn Jugendliche trotz normalen Gewichts unzufrieden mit ihrer Figur sind, sei der Weg zu Essstörungen wie Magersucht oder Bulimie nicht mehr weit. Die "Dr.-Sommer-Studie" bestätigt diese Befürchtungen: 34 Prozent der befragten Mädchen hatten schon mindestens eine Diät hinter sich.

Wie Maya Götz in der IZI-Untersuchung herausgefunden hat, sei das große Problem an "Germany's next Topmodel", dass die meist weiblichen Zuschauerinnen zwar einzelne Entscheidungen der Jury in Frage stellten, nicht aber die Sendung an sich und die Inszenierungen dahinter: "Die pädagogische Herangehensweise ist hier schwieriger, weil man sich bei 'Germany's next Topmodel' auch als Erwachsener leichter mit hereinziehen lässt." Bei "Deutschland sucht den Superstar" falle es aufgrund der bissigen Kommentare von Dieter Bohlen leichter, eine kritische Haltung anzunehmen und sich abzugrenzen.

In der Sendung von Heidi Klum seien die Mechanismen dagegen subtiler. Gerade wenn Mutter und Tochter gemeinsam die Show anschauten, entwickele sich schnell eine Eigendynamik. Besonders wichtig sei es deshalb, auf keinen Fall in den Kanon der Jury einzustimmen und über Kandidatinnen zu lästern, so die Expertin: "Das Kind stellt sich dann abends vor den Spiegel und muss feststellen, dass es vielleicht noch mehr scheinbare Makel hat als die gescholtenen Kandidatinnen."

Ein absolutes "No-Go" sei außerdem, Kinder Szenen aus der Sendung nachspielen zu lassen, wie es zum Beispiel auf Kindergeburtstagen zum Teil der Fall ist: Das Wohnzimmer wird kurzerhand zum Catwalk umfunktioniert und wer sich am besten präsentiert hat, gewinnt. Diese Art von Partyspiel betrachtet Maya Götz mit großer Skepsis: "Die Kinder beginnen dadurch, schon in ihrem jungen Alter aufgrund des Aussehens zu werten. 90 Prozent der Kinder haben danach ein negatives Gefühl."

Sollten auch Eltern Castingshows aussschalten?

Müssen also Eltern, die selber gerne abends bei einer Castingshow im Fernsehen entspannen, sich diesen Spaß nun versagen? Keine Sorge: Grundsätzlich ist es auch für Medien-Profi Maya Götz keine Schande, mit Begeisterung Castingshows zu schauen. Nur sollten dabei einige Regeln eingehalten werden: Die Kinder auf keinen Fall alleine vor den Fernseher lassen und hinterher oder währenddessen über die Inhalte sprechen. Denn Kinder sollen lernen, dass es viel Wichtigeres gibt als ein "Ich habe heute leider kein Foto für dich" von Heidi Klum.