Interview
 
Hilfe, mein Kind ist verliebt

Was bedeutet die erste Liebe? Für die Eltern, für das Kind? Ein Gespräch mit der Tübinger Diplom-Psychologin und Familientherapeutin Margarethe Schindler.

Ändert sich etwas für Eltern, wenn ihr Kind seine erste Liebesbeziehung hat?

Interview: Hilfe, mein Kind ist verliebt
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Verliebt sein ist mehr als Schwärmerei für einen Popstar oder die niedliche Nachbarstochter. Wenn zwei Jugendliche tatsächlich eine Beziehung eingehen, ist das ein wichtiges sichtbares Zeichen für die Loslösung von den Eltern. Dann gehen Jugendliche auch emotional eigene Wege.

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Wie erleben Eltern das?

Väter haben oft Angst vor dem Verlust der Tochter. Sie neigen zu Eifersucht. Auf jeden Fall ist ihr Blick auf den Freund, den jungen Konkurrenten, kritisch. Hat dagegen der Sohn seine erste Freundin, beobachten Väter das oft mit einem gewissen Stolz und gehen wohlwollend auf das Mädchen zu. Bei der Mutter kommt es darauf an, welche eigenen Erfahrungen sie hat: Ist es ihr gut gegangen als junge Verliebte, wirft sie einen positiven Blick zurück und freut sich mit der Tochter. Oder aber sie möchte sie vor unangenehmen Erfahrungen beschützen und reagiert ängstlich auf die neue Situation, spricht Verbote aus, will den Kontakt zum Freund reglementieren. Die Freundin eines Sohnes erleben Mütter entweder als weibliche Bereicherung der Familie oder als Konkurrentin. Entsprechend wird sie aufgenommen, oder es wird versucht, sie auf Distanz zu halten.

Gibt es auch Gemeinsamkeiten in der Reaktion von Müttern und Vätern?

Beide Eltern spüren bei der ersten Liebe ihrer Kinder den anstehenden Generationswechsel, weshalb sie oft mit ein bisschen Wehmut, vielleicht sogar Neid auf das junge Paar blicken. Ohne Probleme gönnen – das können Eltern dann am besten, wenn ihre eigene Beziehung gut ist. Dann sehen sie die Chance, wieder mehr als Paar und weniger als dauerverantwortliche Eltern zu leben.

Der neue Partner des Kindes ist eine Entlastung?

Ja, weil die Eltern nicht mehr die einzigen Ansprechpartner für Gefühle sind, weil Freund oder Freundin auch trösten, beruhigen, aufmuntern, Mut machen kann.

Aber können junge Beziehungen nicht auch ein Sorgenfaktor sein?

Wenn Eltern sehen, dass eine Beziehung ihrem Kind nicht gut tut, belastet sie das natürlich. Viele machen sich Sorgen, wenn der Partner sehr viel älter ist oder aus einem anderen Lebensumfeld kommt. Die Befürchtung, dass so eine Beziehung unausgewogen ist, Jugendliche überfordern kann, ist nicht unbegründet.

Sollen Eltern sich dann einmischen?

Auf keinen Fall sollten sie den Partner abwerten oder Verbote aussprechen. Elterliche Ablehnung führt bei Jungverliebten oft zu einem stärkeren Zusammenhalt. Wirkungsvoller ist es, von persönlichen Gefühlen und Erfahrungen zu berichten. Zu erzählen, was in den eigenen Beziehungen schön und was belastend war. Und in ehrlichen Worten die eigenen Bedenken zu formulieren, ohne Vorschriften zu machen. Pubertierende Heranwachsende reiben sich an ihren Eltern, sie hängen aber auch noch an ihnen und hören mehr auf sie, als sie zugeben.

Mit der Liebe wird auch Sexualität ein wichtiges Thema. Sollen Eltern darüber reden?

Sie sollten sich in allen Bereichen offen halten für das, was ihr Kind besprechen will. Dann kann es auch mit Fragen zur Sexualität zu ihnen kommen. Tut es das nicht, ist es kein Zeichen für mangelndes Vertrauen: Den meisten Jugendlichen ist es peinlich, mit den Eltern über Sex zu reden. Die sollten sich dann auch nicht aufdrängen. Eine offene, sachliche Information über Verhütung zum Beispiel oder den Schutz vor HIV ist aber mit Beginn der Geschlechtstreife wichtig und sinnvoll. Dabei kann man dann auch ansprechen, dass Sex bei aller angebrachten Vorsicht vor allem Spaß macht.