Magersucht
 
Die Sucht, dünn zu werden

Die Eltern als Vorbilder

Dieses Märchen glauben auch viele Erwachsene. "Zum Teil haben die Kinder und Jugendlichen, die zu mir kommen, Mütter oder Väter, die ständig auf die Linie achten oder auch schon mal den Schönheitschirurgen bemüht haben", so Andreas Schnebel. Erstaunlicherweise, so der Psychologe, seien es immer öfter die Väter, die durch ihr Figur- und Fitnessbewusstsein vor allem den Töchtern Druck machen. "Kürzlich war eine Familie in meiner Beratung, bei der ich schnell merkte, dass die zwar schlanke, aber vollkommen bodenständige Mutter nur wenig mit der beginnenden Magersucht der Tochter zu tun haben konnte. Hier machte der Vater mit seinen Gewichts- und Fitness-Vorstellungen die übrigen Familienmitglieder halb wahnsinnig: Er wog sich jeden Morgen, und nicht selten kam er dann außer sich an den Frühstückstisch und erklärte, er esse nichts, weil er schon wieder fetter geworden sei."

Das Ziel: endlich gesehen zu werden

Andreas Schnebel erlebt aber auch gegenteilige Beispiele. So hat er derzeit einen achtjährigen Jungen in Therapie, dessen Eltern ein Lokal mit deftiger oberbayerischer Küche betreiben. Vater und Mutter sind ziemlich beleibt und haben vor allem ein Thema: Essen. Der Junge ist magersüchtig. "Er kann das Lebensthema seiner Eltern einfach nicht mehr ertragen", so Andreas Schnebel. Manche Jugendlichen scheinen indes haargenau zu wissen, dass Dicksein zu den schlimmsten Dingen gehört, die sie ihren superschlanken, sportlichen und ehrgeizigen Müttern und Vätern zumuten können. "Hier geht es nicht um jugendtypischen Protest", erklärt Andreas Schnebel. "Es geht darum, endlich gesehen zu werden." Wenn es nicht im Guten geht, so eben im Schlechten - das ist die unbewusste Motivation dieser jungen Menschen.