Katja Krasavice bei Youtube
 
Hilfe! Mein Kind guckt Sex-Clips im Netz

„Sex-Tape“, „Schlucken oder Spucken“: Dass schon Neunjährige diese YouTube-Clips von Katja Krasavice kennen, erfuhr EF-Autorin Anja Bergmann durch Zufall. Erst war sie fassungslos, dann wollte sie mehr wissen.

Katja Krasavice in ihrem Musikvideo Sex Tape auf Youtube
Katja Krasavice, Youtube

Neulich vor dem Yoga-Abend mit den Freundinnen. Tanja, eine Grundschullehrerin Anfang 40, erzählt vom Sexualkunde-Unterricht in ihrer dritten Klasse. Sie hatte sich gewundert, wie detailliert ihre Neunjährigen schon Bescheid wussten. Bis ihr ein Mädchen vom YouTube-Kanal von Katja Krasavice erzählte. Die kannte die ganze Klasse. Von uns Yoga-Müttern kennt keine auch nur den Namen.

Ein paar Tage später klicke ich auf das Video „Sex-Tape“. Da tanzt eine stark geschminkte Zwanzigerin mit falschen Gretchenzöpfen in rotem String, Nano-BH und High Heels auf einer Straße und singt: „Ich bin dein Schneeflittchen, die Schönste weit und breit, doch anstatt in einen Apfel beiß ich in die Eier rein, Ai, ai, ai, gib’s mir dreckig, gib’s mir hart, bin wie ein Bugatti, ja, du bist besessen von mein’m Arsch.“ Ein adipöser Mann hopst grinsend neben ihr her, sie nimmt ihn an ein Hundehalsband und reitet auf ihm.

32 Millionen Aufrufe, 1,38 Millionen Abonnenten. In den meisten ihrer Videos singt die YouTuberin nicht, sondern plaudert über Themen wie „Meine geilsten Bikinis“, „Ich befriedige mich mit einer Gurke“ oder „Wir bewerten eure Schwänze“.

Was geht in Tanjas Drittklässlern vor, wenn sie hören, welche Fußballer „Katja“ gern „knallen“ würde oder wie sie anbietet, ihren Lippenstift darauf zu testen, ob er „Blowjob-fest“ ist?
 

„Kennst du diese Katja?“

Das frage ich meinen 13-jährigen Sohn. Finn grinst. „Mama, die kennen alle. Die Jungs aus meiner Klasse lernen die Songtexte auswendig.“ „Und wie findest du das, wenn die singt: In mir war’n mehr Männer drin als im Trojanischen Pferd?“, will ich wissen. Finn zuckt mit den Schultern. „Also, Mama: Im Trojanischen Pferd waren acht Männer. Aber der König von Troja hatte sehr, sehr viele Nebenfrauen.“ Bedeutungsvoll guckt er mich an. Ich frage fast ein Dutzend Mütter aus meinem Bekanntenkreis. Sie leben zwischen Schleswig-Holstein und Bayern, haben Kinder zwischen zehn und 15. Nur einer Mutter ist die „Katja“ ein Begriff, aber jedem der Kinder, die sie für mich gefragt haben. Ich fühle mich, als hätte ich eine geheime Parallelwelt entdeckt. Und auch, wenn ich mit dieser Geschichte für noch mehr Klicks bei Katja sorgen sollte, ich will jetzt genauer wissen, was in diesem mir unbekannten Universum los ist.

Ich rufe Andreas Ritter an. Er ist Mitarbeiter von ProFamilia Berlin und trifft regelmäßig Schülerinnen und Schüler ab Klasse 6 aufwärts zu sexual-pädagogischen Unterrichtseinheiten. „Katja Krasavice ist zurzeit ein großes Thema bei den Jugendlichen“, bestätigt er. Allerdings: „Dass sie drüber reden, heißt nicht, dass alle die Videos auch gesehen haben.“ YouTube sei aber zu einer wichtigen Infoquelle für Kinder und Jugendliche geworden, auch beim Thema Sex, so der Sexualpädagoge. „Die suchen nicht nach ausführlichen Texten, wenn sie wissen wollen, wie ein Zungenkuss geht oder wie lange Sex dauert. Solche Fragen tippen sie bei YouTube ins Suchfeld ein.“ Und landen dann zum Beispiel bei Katja Krasavice.

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Warum regt mich das so auf?

Weil Videos wie „Sex-Tape“ ohne Altersbeschränkung zugänglich sind und Kinder sexuelle Themen so kaltschnäuzig, vulgär, provokativ präsentiert bekommen. Weil für „Katja“ die Allianz von Sex, Erfolg und Geld nicht nur ihr YouTube-Geschäftsmodell ist, sondern immer wieder auch Thema in ihren Clips: „Fußballer, ihr habt alle bei mir eine Chance, solange ihr erfolgreich seid und einen großen Schwanz habt.“
Besonders fies finde ich auch das Zerrbild weiblicher Sexualität: eine junge Frau, die stolz erzählt, was ihr Körper nach chirurgischem Tuning „wert“ ist und die sich dabei als gut gelaunte Sexpuppe inszeniert.
Ein mieser Einstieg für Kinder ins Thema Sex, finde ich. Und das nicht nur für Mädchen.

Muss man das hinnehmen?

Ich schaue mich bei YouTube um. Kinder- und Jugendschutz nimmt in den Community-Richtlinien viel Platz ein. Im „eingeschränkten Modus“ würden „unangemessene oder anstößige“ Inhalte ausgeblendet, heißt es. Ich probiere es aus: Der Kanal von Krasavice ist nicht mehr zu sehen, aber jede Menge der Videos. Man kann Clips melden und überprüfen lassen. Ich melde „Sex-Tape“ und schreibe: „Das Video ist aufgrund vulgärer Sprache und sexueller Inhalte nicht für Kinder geeignet. Ich halte eine Altersbeschränkung für notwendig.“ Die Antwort kommt einen Tag später: „Hallo, bei der Überprüfung Ihrer Anfrage mit der Referenznummer xyz konnten wir keinen ausreichenden Anlass für eine Einschränkung der beanstandeten URL(s) feststellen.“

Auf meine Presseanfrage meldet sich die Google-Germany-Sprecherin. Ich erfahre, dass einige der Krasavice-Videos sehr wohl erst ab 16 Jahren frei sind. Die Beschränkung sei aber außer Kraft, wenn man als Erwachsener mit seinem Google-Konto angemeldet ist. Das war ich. Nach dem Ausloggen sind einige Videos tatsächlich gesperrt.

Ich erzählte Finn davon. „Zeigst du mir das auf meinem Tablet?“ Wir testen es, es klappt nicht. „Kannst du das wegmachen? Ich will es gar nicht sehen.“ So lässig er bei unserem ersten Gespräch zu „Katja“ wirkte, so beunruhigt erscheint er mir nun. Ich weiß, dass er vor Fallen im Netz manchmal Angst hat, vor Datenfreigaben, Abzocke – und wohl auch vor Videos, die er eigentlich doch nicht sehen will. Er gibt mir sein Gerät mit dem Freibrief zu ändern, was ich für richtig halte.

Leicht ist das nicht. Ich erinnere mich, dass wir ihm beim Einrichten des Tablets älter gemacht haben, um ihm ein Google-Konto einzurichten – anders war es nicht möglich. Jetzt krieg ich’s nicht hin, diese Einstellung wieder zu ändern. Immerhin: Safer Search bei Google, eingeschränkter Modus bei YouTube. Finn ist einverstanden, dass wir die Google-App Family Link installieren, mit der wir Eltern über unsere Smartphones sein Tablet verwalten, freischalten und sperren können. Über Apps und Surfzeit, so die Idee, sollten Eltern und Kind gemeinsam bestimmen. Bevor wir uns an diese Fragen ranmachen können, bremst uns das Tablet aus: Ein Software-Update ist überfällig. Das dauert ... Ich stöhne. „Mama, du brauchst selbst mal ein Software-Update“, findet Finn.

Macht das was kaputt?

Kind sitzt vor einem Laptop und hält sich die Augen zu.
iStock, nycshooter

Mir ist klar: Dass ich mich jetzt um Sicherheitseinstellungen kümmere, hat etwas Hilfloses. Jugendschutz im Netz wird nie lückenlos sein – schon deshalb, weil die „Digital Natives“ alle Hürden überspringen, wenn sie es drauf anlegen. Und das Smartphone des Kumpels gibt es ja auch noch.

„Kinder sind neugierig und ihr Wunsch nach Aufklärung verständlich“, meint Andreas Ritter von ProFamilia. Mit einem Filterprogramm allein würden Eltern das Thema nicht los. Aber was ist mit der Wirkung: Kann die explizite, provokante Thematisierung von Sex Kindern nicht schaden, sie schockieren, ihr Bild von Sex auf Dauer beeinflussen? „Solche Clips allein lösen keine Entwicklungsstörung aus“, glaubt der Sexualpädagoge, „aber natürlich ist es möglich, dass sie Heranwachsende verunsichern, etwa mit Aussagen über sexuelle Leistungsfähigkeit.“ Je weniger ein Kind sonst über Sex wisse – etwa von den Eltern –, desto wahrscheinlicher sei es, dass es schräge Inhalte aus dem Netz nicht einordnen könne und irritiert sei, so Ritter: „Wer besser Bescheid weiß, kann das eher sortieren und auch leichter eine eigene Haltung entwickeln: Finde ich dieses Video seltsam, interessant, erotisch – oder doch ekelig?“

Mit den Kindern zu reden, auch über Sexualität, für ihre Gedanken und Erfahrungen offen sein: Für Andreas Ritter ist das entscheidender als eine Sicherheits-App. Ins Gespräch komme man allerdings besser, wenn man ein bisschen auf dem Stand sei, was in der Welt der Jugendlichen gerade passiert: „Das Thema Krasavice ist eine super Gelegenheit, um sein Kind zu fragen, wie es ihm damit geht – und das als Chance für Aufklärung zu sehen.“

Rückblickend denke ich: Auch bei uns hat „Sex-Tape“ was in Gang gebracht. Vor allem hat mein 13-Jähriger mir Einblicke in entferntere Sphären seiner Gedankenwelt geschenkt, die mir ohne „Katja“ wohl entgangen wären.

Ach ja: Er hat auch noch mal nachgeguckt wegen des Trojanischen Pferdes. Es waren 40 Männer drin. Nicht acht.

Sicherer Surfen

Infos gibt’s zum Beispiel hier:

www.klicksafe.de Die EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz

www.jugendschutz-programm.de Filtersoftware für alle Altersgruppen zum Herunterladen. Anerkannt durch die Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM). Filtert nicht innerhalb von Social-Media-Angeboten.

www.surfen-ohne-risiko.net
Viele Infos über Surfen, Chatten, Spielen, mit Kindersuchmaschinen und Wissensseiten, Tipps für das sichere Einrichten von Smartphone und Tablet.

Wissen über Sex für Kids

Für Kinder und Jugendliche: Sex-Quiz/ Infos über Sexbefriedigung, Petting, Pornos, Sexting.
Für Mädchen ab 10: Aufregende Jahre – Jules Tagebuch. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, zum Bestellen und als PDF zum Download.
Für Jungen ab 10: Was Jungs wissen wollen. Das Jungenfragebuch. Von Alex Frith, Ravensburger, 6,95 Euro.
Für Eltern: Über Sexualität reden ... Zwischen Einschulung und Pubertät. Elternratgeber zur Sexualentwicklung im Grundschulalter, zum Bestellen und als PDF zum Download.