Moderne Väter
 
Buchtipp: Filmekucken statt Schule

Mann muss nicht immer der Macher in der Familie sein. Mann kann auch mal seine Zweifel haben. Das kann ihn sehr sympathisch machen, wie David Gilmours Roman "Unser allerbestes Jahr" (S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2009) - einem kurzweiligen Buch über moderne Väter - beweist. Ein Mann, sogar ein Vater, ist auch nur ein Mensch. Und die richtige Lösung für die Frage "was macht man mit einem Sohn, der nicht mehr in die Schule gehen möchte?" gibt es auch für moderne Väter nicht.

Moderne Väter: Buchtipp: Filmekucken statt Schule

David, der Vater, schlägt Jesse (17) einen ungewöhnlichen Handel vor: freie Kost und Logis, aber drei Filme pro Woche. Von Truffaut über Hitchcock bis hin zu "Basic Instinct". Jesse bekommt nicht einfach nur einen Kurs in Filmgeschichte. Und wer am Ende von beiden mehr profitiert - Vater oder Sohn - das ist strittig. Beide verbringen jedenfalls viel Zeit miteinander. Die nutzen sie zum Reden über falsche Freundinnen, die richtigen Fehler, verlorene und gefundene Liebe. Und darüber, wie lebenswichtig Leidenschaft ist.

Wer kümmert sich, wenn Sohn und Tochter immer weitere Kreise ziehen und bald auch eigener Wege gehen? Wie findet er oder sie den Weg mitten ins Glück, in einen Beruf, in die Arme der Liebe? Loslassen fällt vielen Eltern schwer. "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser" - das ist aber oft der falsche Wegweiser. Der Ich-Erzähler in "unser aller bestes Jahr" ist hingerissen zwischen dem Wunsch, seinem Sohn noch eine große Portion eigener Werte mit auf den Weg zu geben und ein cooler Vater zu sein, der den Sohnemann ziehen lässt. Verständnis, Verzeihen und aufrichtiges Interesse - das ist das Rezept des Vaters, um wieder Zugang zu seinem Sohn zu bekommen. Und der vertraut ihm irgendwann wieder.

Die eltern.de-Redaktion findet: Davids und Jesses Geschichte, die eine wahre Geschichte ist, ist ehrlich, mit all den Zweifeln, Verwirrungen und rührseligen Momenten erzählt. Ein moderner Vater ist er zweifelsohne, manchmal gefällt sich der Ich-Erzähler aber ein wenig zu gut in der Rolle des unkomplizierten und zugleich zweiflerisch-sensiblen Vaters und Frauenverstehers. „Unser aller bestes Jahr“ ist trotzdem ein weises, zärtliches und auch manchmal komisches Buch über gebrochene Herzen und gelungene Beziehungen und darüber, dass Erwachsenwerden nichts mit dem Alter zu tun hat. Außerdem zeigt es, dass sich nicht nur Mütter um ihren Nachwuchs sorgen, sondern dass ein moderner Vater genauso sensibel und unsicher sein kann. Weil Erziehung eben doch Sache von Mutter und Vater ist.

Neugierig geworden? Dann lesen Sie doch in "unser aller bestes Jahr" hinein:

Moderne Väter: Buchtipp: Filmekucken statt Schule

"Jesse, leg mal kurz den Stift weg. Hör auf zu schreiben, bitte." "Was ist?", fragte er. Er ist so blass, dachte ich. Die Zigaretten saugen noch die ganze Lebenskraft aus ihm heraus. Ich sagte: "ich möchte, dass du mir einen Gefallen tust. Ich möchte, dass du dir überlegst, ob du in die Schule gehen willst oder nicht." (...) "Warum?" Ich merkte, wie mein Herz anfing, schneller zu schlagen, das Blut stieg mir ins Gesicht. Das war eine Situation, in der ich mich noch nie befunden hatte (...). "Weil es okay ist, wenn du nicht mehr willst." "Was ist okay?" (...) "Wenn du nicht mehr in die Schule willst, brauchst du nicht mehr zu gehen. “Er räusperte sich. „Du erlaubst mir, dass ich mit der Schule aufhöre?" "Wenn du das möchtest. Aber überleg dir’s ein paar Tage. (...)" Er sprang auf. Er sprang immer auf, wenn ihn etwas bewegte, seine langen Gliedmaßen hielten dann nicht länger still. Er beugte sich über den Tisch und senkte die Stimme, als hätte er Angst, jemand könnte mithören: "Ich muss mir das nicht überlegen." "Tu’s trotzdem. Ich bestehe darauf." Später am selben Abend trank ich mir mit ein paar Glas Wein Mut an und wählte die Nummer seiner Mutter (...)"

So geht es weiter ...

"Jesse wirkte etwas wackelig, als er auf die Veranda kam. Es war wieder November, ein paar Tage vor seinem achtzehnten Geburtstag. Wie war das möglich? Anscheinend hatte er alle vier Monate Geburtstag, und ich eilte mit Riesenschritten dem Grab entgegen. Ich erkundigte mich nach seinem Abend. Ja, alles bestens, nichts Besonderes. Er war bei einem Freund. Hm. Bei welchem Freund? Pause. "Bei Dean." "Ich kenne Dean nicht, oder?" "Na ja, so ein Kerl eben." Ein Kerl? (Wenn man Ausdrücke hört, die vollkommen aus dem Rahmen fallen, möchte man gleich die Polizei alarmieren.) "Und – was habt ihr gemacht?" "Nicht viel. Wir haben eine Weile ferngesehen, aber es war alles eher langweilig." In seiner Antwort war etwas, was den Verdacht weckte, dass hier jemand versuchte, unter dem Radar durchzufliegen – jemand wollte mit allen Mitteln verhindern, dass das Gespräch sich festhakte wie ein Hemd an einem Nagel. (…) "Du scheinst etwas angeschlagen", sagte ich. "Was hast du gestern Abend getrunken?" "Nur Bier." "Keine harten Sachen?" "Ein bisschen was schon." "Was?" "Tequila." Ich sagte: "Von Tequila kriegt man einen üblen Kater." "Allerdings." Wieder Schweigen. Es war ein seltsam bewegungsloser Tag. Der Himmel weiß wie ein Laken. Ich sagte: "Gab’s an diesem Tequila-Abend auch Drogen?" "Nein", antwortete er spontan. Dann: "Doch, es gab auch Drogen." "Was für welche, Jesse?" "Ich will dich nicht anlügen, okay?" "Okay." Pause. Die Vorbereitung. Dann der Wurf. "Kokain. (…) Mir geht’s nicht so gut okay?" " Nach Kokain kann man sich total beschissen fühlen", sagte ich leise und legte ihm die Hand auf die magere Schulter."

So finden sich Vater und Sohn ...

"Ein paar Abende später geschah das Undenkbare. Jesse lud mich zu einem seiner Auftritte ein. Er spielte in dem Club nicht weit von hier, wo früher die Rolling Stones aufgetreten waren und wo die Exfrau unseres Premierministers mit einem der Gitarristen abgezogen war, glaube ich. Der Club, aus dem Jesse mich vor ein paar Jahren rausgeworfen hatte. Kurz, ein geschichtsträchtiger Ort. Ich bekam die Anweisung, ein paar Minuten vor ein Uhr nachts am Eingang zu erscheinen und mich gut zu benehmen, was so viel heißt wie: keine peinlichen Zuneigungsbekundungen, nichts, was seine Aura gefährlicher, heterosexueller „Street Credibility“ untergraben würde. (…) Nun saß ich also im Dunkeln und wartete. Mein Herz raste, weil ich so nervös war. Ich wartete, wartete. Noch mehr Jugendliche kamen, es wurde immer stickiger im Saal, schließlich trat ein junger Mann auf die Bühne (…) und forderte, unter allgemeinem Gejohle, das Publikum auf, sie sollten ihren "fucking shit" zusammennehmen und es krachen lassen für Corrupted Nostalgia. (…) Und dann traten sie auf die Bühne, zwei schlaksige junge Männer, Jesse und Jack, der Beat von "Angels" setzte ein, Jesse führte das Mikrophon an die Lippen, und heraus kamen diese bitteren, aggressiven Zeilen, der Aufschrei Tristans gegen Isolde (…). Das war längst nicht mehr nur der Junge, der auf dem Sofa sitzt und Filme schaut. Da, vor mir auf der Bühne, das war ein anderer, und ich hatte wieder dieses Gefühl, dass er nun wirklich von mir getrennt war, ich spürte seine Selbständigkeit …"

Was halten Sie von David Gilmours Idee, einen Jugendlichen aus der Schule zu nehmen und über das gemeinsame Filmekucken wieder einen Weg zu ihm zu finden? Sagen Sie uns Ihre Meinung!