Outing
 
Ist mein Kind homosexuell?

Mein Sohn ist schwul / meine Tochter ist lesbisch - für viele Eltern ist diese Nachricht erst mal ein Schock. Nicht nur der oder dem Betroffenen selbst, sondern auch den Eltern gehen unzählige Fragen durch den Kopf. Und die müssen erst mal sortiert werden. Um dir das Sortieren zu erleichtern, haben wir einen Experten befragt - hier kannst du lesen, wie du mit der Homosexualität deines Kindes am Besten umgehst:

Die sexuelle Orientierung

Homosexuelle Mädchen
Thinkstock, YanLev

Die Pubertät - Zeit der Reife und Entwicklung. Aber jetzt fallen auch die Anker der Sexualität. Ein großes Paket voller Ängste, Sorgen und Unsicherheiten. Gerade jetzt fühlen sich Jugendliche oft einsam und unverstanden. Besonders wenn sie feststellen, dass das eigene Geschlecht eigentlich viel interessanter ist als das andere. Bleibt das so? Ist meine Tochter wirklich lesbisch? Mein Sohn schwul? Unzählige Fragen tauchen auf: Soll ich mein Kind darauf ansprechen? Habe ich in meiner Erziehung etwas falsch gemacht? Wie soll ich damit umgehen? Um dir diese Fragen besser beantworten zu können, haben wir einen Experten hinzugezogen: Dieter Stieglitz ist psychologischer Psychotherapeut in Zeitlarn bei Regensburg. Sein Schwerpunkt liegt neben der Behandlung von Erwachsenen vor allem auf der Therapie von Kindern und Jugendlichen. Daher kennt er beide Seiten sehr gut - Eltern und Kind - und konnte uns ein paar Tipps für dich mitgegeben:

Homosexualität - gibt es Erkennungszeichen?

Wie häufig ist Homosexualität?

Verdacht! Soll ich mein Kind darauf ansprechen?

Mein Kind ist homosexuell - wie soll ich jetzt mit ihm umgehen?

Habe ich in meiner Erziehung etwas falsch gemacht?

Werde ich nie Enkelkinder bekommen?

Gibt es Beratungsstellen für Eltern?

Homosexualität - gibt es Erkennungszeichen?

Ein klares Nein von Dieter Stieglitz. Vor allem nicht in der Pubertät, denn jetzt ist eine gewisse Verliebtheit zum eigenen Geschlecht ganz normal und auch wichtig. Wenn Jungs und Jungs - Mädels und Mädels - sich mal näher kommen, ist das noch lange kein Indiz für homosexuelle Neigungen, sondern viel mehr die Regel. Immerhin machen bis zu 40 Prozent der Jungen zwischen 13 und 17 Jahren sexuelle Erfahrungen mit ihren Geschlechtsgenossen, sagt Dieter Stieglitz. Und in den meisten Fällen würden sie es selbst wahrscheinlich nicht mal als sexuelle Handlung verstehen, sondern viel mehr als Spaß oder Spielerei. Die Zahl der experimentierfreudigen Mädchen ist wahrscheinlich sogar noch größer. Leider ist aber die Gesellschaft mit dem Stempel schwul oder lesbisch schnell bei der Hand. Was Jugendliche nicht gerade ermutigt, homosexuelle Gefühle öffentlich zu machen. Eltern bekommen von diesen Erfahrungen deshalb nur selten etwas mit. Umso überraschender dann das Outing.

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Wie häufig ist Homosexualität?

Nicht zu letzt wegen vieler gesellschaftlicher Vorurteile gibt es keine verlässlichen Werte, wie viele Menschen der Gesamtbevölkerung tatsächlich homosexuell sind. Der Anteil bekennender Schwuler und Lesben schwankt zwar stets zwischen fünf und zehn Prozent - vermutlich sind es in Wahrheit aber deutlich mehr Menschen: Der Kinsey-Report stufte 1948 zwischen 90 und 95 Prozent der Bevölkerung als bis zu einem gewissen Grad bisexuell ein. Wegen der großen Furcht vor Bloßstellung bleiben diese Neigungen aber meist geheim. Letzten Endes weiß man wenig über die Dunkelziffer derjenigen, die den großen Schritt zum Outing noch nicht gewagt haben.

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Verdacht! Soll ich mein Kind darauf ansprechen?

Auch hier ein klares Nein von Herrn Stieglitz. Wenn du dein Kind direkt darauf ansprichst, schwingen deine eigenen Sorgen, Ängste und Unsicherheiten mit. So wirst du keine Türen öffnen - im Gegenteil. Weitaus wichtiger ist es, deinem Kind über eine aufgeschlossene Erziehung von Vornherein eine entsprechende Offenheit mitzugeben. Nicht unbedingt für homosexuelle Erfahrungen, sondern viel mehr, dass homosexuelle Liebe genauso zu unserer Gesellschaft gehört wie die heterosexuelle. Und eines ist klar: Mit Druck wirst du nicht herausbekommen, was du wissen willst. Wenn dein Kind feststellt, dass es sich eher homosexuell orientiert, wirst du ohnehin nicht der erste Ansprechpartner sein. Die Person des Vertrauens ist wahrscheinlich erst mal die beste Freundin oder der beste Freund, denn hier bewegt sich dein  Kind auf einer Ebene mit den gleichen Fragen und Unsicherheiten. Sei darüber nicht enttäuscht. Wichtig ist, dein Kind spüren zu lassen, dass es keine Angst zu haben braucht - Angst, dass deinerseits die große Enttäuschung hereinbricht, wenn es sich dir anvertraut. Vielleicht erzählst du ihm einfach aus deiner eigenen Erfahrungen - zum Beispiel das ein oder andere Erlebnis aus deiner Pubertät. Denn: Nichts ist peinlicher für Jugendliche, als mit den Eltern über die eigene Sexualität zu sprechen. Und peinliche Situationen lassen sich am Besten überwinden, wenn der Andere auch ein bisschen peinlich ist und man gemeinsam darüber lachen kann.

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Mein Kind ist homosexuell - wie soll ich jetzt mit ihm umgehen?

Wichtig ist eine positive und vor allem offene Reaktion. Dein Kind hat bestimmt lange mit sich gerungen, bis es sich mit seinen Gefühlen an dich gewandt hat. Und auch in Zukunft wird es noch einige Hürden nehmen müssen. Was hilft es nun, wenn Mama und Papa aus allen Wolken fallen? Die Sexualität deines Kindes kannst du ohnedies nicht beeinflussen. Warum auch? Es ist erwiesen, dass die sexuelle Orientierung eines Menschen sich weder auf beruflichen noch auf privaten Erfolg auswirkt. Trotzdem: Jugendliche in dieser Lage haben es alles andere als leicht: Laut der Statistik von Dieter Stieglitz steigt beispielsweise bei Homosexuellen das Risiko zum Selbstmord um das Vierfache. Und wie gut Jugendliche mit ihrer Situation zurecht kommen, hängt am Meisten von der Reaktion ihres Umfelds ab. Daher ist es gerade in der Zeit rund um das Outing besonders wichtig, dass sie Menschen haben, die sie tragen und unterstützen. Was Dieter Stieglitz aus seiner Praxis berichtet, untermauert das: Wenn Jugendliche mit ihrer Homosexualität gut zurechtkamen und gelassen damit umgehen konnten, dann weil sich auch Eltern und Umfeld offen zeigten. Darum: Sei für dein Kind da und zeige ihm, dass du zu ihm stehst - gerade jetzt bist du besonders wichtig!

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Habe ich in meiner Erziehung etwas falsch gemacht?

Eines ist sicher: Ob dein Kind sich hetero- oder homosexuell orientiert, hat nichts mit der Erziehung zu tun. Es wurde zwar schon oft nach Ursachen für Homosexualität gesucht, doch wissenschaftlich bewiesen ist bis heute nichts. Allerdings wird vermutet, dass Veranlagung eine große Rolle spielt: Anhand einer Stichprobe von 40 eineiigen Zwillingen, von denen sich jeweils ein Bruder als schwul bezeichnete, fand der Zwillingsforscher Franz Josef Kallmann Mitte des 20. Jahrhunderts heraus, dass in 100 Prozent der Fälle der andere Bruder ebenfalls homosexuell war. Bei zweieiigen Zwillingen war das jedoch nicht der Fall. Genetik scheint also eine Rolle zu spielen. Forschungen hingegen, die sich an erlernten Verhaltensweisen orientierten, konnten keinen Zusammenhang zwischen Erziehung und Homosexualität feststellen.

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Werde ich nie Enkelkinder bekommen?

Schwierige Frage! Viele Homosexuelle Paare ziehen zwar auch leibliche Kinder auf, die Erfüllung eines Kinderwunsches ist aber trotz allem rechtlich und biologisch begrenzt. Beispielsweise erlaubt der Gesetzgeber bisher keine künstliche Befruchtung bei lesbischen Paaren. Gegen die Suche nach einem Samenspender gibt es allerdings nichts einzuwenden. Für schwule Paare gestaltet sich die Kinderwunschfrage etwas schwieriger, denn eine Leihmutterschaft ist in Deutschland nach wie vor verboten. Auch das Adoptionsrecht steht immer noch zur Diskussion.
Näheres zum Thema Kinderwunsch bei homosexuellen Paaren kannst du auch im Artikel Glücklich als Regenbogenfamilie oder in unserem "Regenbogenfamilien"-Forum lesen.

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Gibt es Beratungsstellen für Eltern?

Die BEFAH - der "Bundesverband der Eltern von homosexuellen Kindern" bietet ratsuchenden Eltern, Angehörigen und Freunden Hilfe an. Außerdem unterstützt er die Bildung von Elternselbsthilfegruppen und organisiert gemeinsame Wochenenden und Tagungen für Information und Austausch: www.befah.de

Kürzlich hat das Bundesfamilienministerium gemeinsam mit dem Deutschen Jugendinstitut die Ergebnisse der ersten bundesweiten Studie "Coming-out - und dann??!" vorgestellt. Über 5.000 Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 14 bis 27 Jahren haben von ihren Erfahrungen berichtet. Interessierte Eltern können die Studie hier einsehen.

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