Erziehung in der Pubertät
 
Jugendliche - wie viel Freiheit darf sein?

Erste Liebe, Alkohol, neue Clique - lauter gute Gründe, sich Sorgen zu machen. Die andere Seite: Ein Teenager braucht seinen Freiraum. Wo liegt bloß die goldene Mitte?

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Erziehung in der Pubertät: Jugendliche - wie viel Freiheit darf sein?

Die Situation: Halb zwei. Das Essen ist fertig, der Tisch gedeckt. Der Sohn kommt nach Hause, wirft den Rucksack auf sein Bett und setzt sich an den Küchentisch. "Na, wie war's in der Schule?" - "In Ordnung."

Die Sorge: Jeden Tag die gleiche nichtssagende Antwort! So erfahre ich doch nie, wie es in der Schule läuft. Auch sonst erzählt er mir kaum etwas von sich, seinen Gedanken, Sorgen und Interessen. Wie schaffe ich es nur, mehr aus ihm herauszukitzeln?

Der Lösungsvorschlag: Versuchen Sie es doch einmal mit einer anderen Begrüßung. Eine Wie-war's-Frage klingt in den Ohren eines Jugendlichen Teenagers stark nach Leistungskontrolle ("Wie oft hast du dich heute in Deutsch gemeldet?"). Wie wäre es mit "Schön, dass du da bist!"? Über so einen Willkommensgruß freut sich auch ein Jugendlicher - selbst wenn er es nicht zugeben wird - und ist eher bereit, mit Ihnen zu reden.

Planen Sie Zeit zu zweit ein, um dem Leben Ihres Kindes wieder näher zu kommen. "Möglichst außerhalb der eigenen vier Wände - gehen Sie in eine Eisdiele oder Pizzeria. Da sind Teenager oft entspannter und redseliger als zu Hause", sagt Hans Berwanger, Leiter der katholischen Erziehungsberatung in Lichtenfels. "Erzählen Sie bei diesen Gelegenheiten auch von sich. Wie haben Sie Ihre Pubertät erlebt? Das schafft Vertrauen, Ihr Kind kann sich dann leichter öffnen."

Wer sind deine Freunde?

Machen Sie Ihrem Kind klar, dass es um seine Sicherheit geht

Die Situation: "Ich bin jetzt weg", sagt der 14-Jährige und streift sich den Kapuzenpulli über. "Mit wem triffst du dich?" - "Kennst du nicht." - "Und wo geht ihr hin?" - "Keine Ahnung."

Die Sorge: Wer zum Teufel ist "Kennst du-nicht"? Ein Mitschüler? Einer vom Fußballverein? Früher kannte ich die Jungs alle, die Eltern inklusive. Aus der neuen Clique kenne ich kaum einen. Was, wenn die einen schlechten Einfl uss auf mein Kind haben? Kann ich ihn jetzt einfach so ziehen lassen?

Der Lösungsvorschlag: Geben Sie sich nicht mit dieser Antwort zufrieden. Haken Sie nach, bestehen Sie darauf, zu wissen, mit wem Ihr Kind in seiner Freizeit zusammen ist und wo es sich aufhält. Vermutlich wird Ihr Sohn protestieren - aber es ist wichtig, jetzt nicht nachzugeben. Tun Sie das, bedeutet das in den Augen Ihres Kindes: Ich bin denen egal. Tief in Kennstihrem Innern wollen Kinder nämlich die Fürsorge und das Interesse ihrer Eltern spüren.

Erklären Sie Ihrem Sohn, dass Sie ihn nicht schikanieren wollen, sondern dass es um seine Sicherheit geht ("Ich will das wissen, weil du mir wichtig bist. Und wenn ihr euch entschieden habt, wo ihr hingeht, schick mir bitte eine SMS.") Heißt die Ansage "Wir sind am Aachener Weiher", fahren Sie ruhig mal da vorbei und begrüßen ihn und seine Freunde. So können Sie sich zumindest einen ersten Eindruck von der Clique verschaffen. Peinlich? Für Ihren Sohn bestimmt. Macht aber nichts. Die anderen Jugendlichen finden es oft gut, wenn Eltern Flagge zeigen und sich kümmern.

Party? Was läuft da?

Passen die Eltern nicht auf, lassen Sie Ihr Kind lieber nicht dorthin gehen

Die Situation: "Ach ja, hätt ich fast vergessen", sagt die Tochter so ganz nebenbei. "Am Samstag ist 'ne Party - beim Johannes. Geht bis elf. Da kann ich doch hin, oder?" Und schon verschwindet sie wieder in ihrem Zimmer.

Die Sorge: Party? Mit 13? Kann ich das überhaupt erlauben? Ich weiß nur, dass Johannes in ihrer Klasse ist, die Eltern kenne ich gar nicht. Ist meine Tochter da sicher aufgehoben? Und wenn es Alkohol gibt? Oder Jugendliche, die auf Krawall aus sind?

Der Lösungsvorschlag: Ein Anruf genügt, und Sie wissen Bescheid. Lassen Sie sich von Ihrer Tochter Namen und Telefonnummer geben und sprechen Sie mit den Eltern. Fragen Sie ganz offen, ob Alkohol angeboten wird und wer alles eingeladen ist. Und - ganz wichtig! - ob die Eltern in der Nähe bleiben.

Stellt sich heraus, dass sturmfreie Bude oder Alkohol angesagt ist, lassen Sie Ihre Tochter zu Hause - auch wenn die mit Sicherheit finden wird, dass Sie ihr Leben zerstören. "Eine Party ohne elterlichen Schutz ist nichts für Jugendliche", sagt Hans Berwanger. "Weil sich Situationen ergeben können, die Kinder nicht im Griff haben. Außerdem ist es für viele eine Einladung zum ungesteuerten Trinken."
Noch ein kurzes Wort zu den Ausgehzeiten: Elf Uhr ist für eine 13-Jährige bei einer Privatparty ausnahmsweise in Ordnung. Ansonsten wäre folgende Wochenend- Regelung sinnvoll: ab 14 bis zehn Uhr wegbleiben, ab 15 bis elf, ab 16 bis zwölf.

Trinkst du Bier?

Trinkt ein Kind schon häufiger, bringen Verbote wenig

Die Situation: Was ist das denn da unter der Dreckwäsche, die sich auf dem Schreibtischstuhl stapelt? Eine Bierflasche, ungeöffnet! "Wo hast du die her?" - "Die ist nicht von mir. Die ist von einem Freund. Der kriegt die morgen wieder."

Die Sorge: Blödsinn, natürlich ist das seine. Dabei weiß er doch genau, wie ich über Alkohol denke! Wie oft habe ich ihm Artikel über Komasaufen zu lesen gegeben. Und jetzt das! Ob das sein allererster Bier-Versuch ist? Was tu ich, wenn er schon länger heimlich trinkt?

Der Lösungsvorschlag: Je früher Jugendliche mit Alkohol oder anderen Drogen in Kontakt kommen, umso größer ist die Gefahr, dass sie später Probleme damit bekommen. Trotzdem: Bei einer solchen Szene erst mal den Ball flach halten. Fragen Sie ganz offen und ohne Anschuldigung: "Und wieso hat dein Freund schon mit Alkohol zu tun?" Gibt Ihr Kind zu, auch selbst zu trinken, fragen Sie es, warum es das tut. Aber möglichst ohne auf Konfrontation zu gehen - dann macht es dicht.

Auch wenn es dem Sohn schon zu den Ohren rauskommt, erzählen Sie nochmals, wie schädlich Drogen sind, und beziehen Sie Stellung. Sagen Sie klipp und klar, dass Sie nicht dulden, dass er Alkohol trinkt. "Viele tun das nur, weil es in ihrer Clique dazugehört", sagt Silke Morlang, Referentin für Suchtvorbeugung bei "ginko, Stiftung für Prävention" in Mülheim an der Ruhr. "Ist das der Fall, helfen Sie Ihrem Kind dabei, Ausreden zu finden, warum es jetzt nicht mehr zur Bierflasche greift (,Meine Blutwerte sind nicht o. k.‘, ,Ich habe eine Wette laufen‘ ...). So kann es vor den Freunden das Gesicht wahren."
Trinkt ein Teenager bereits häufiger, kommt man mit Verboten nicht weiter. "Da heißt es, mithilfe von klaren Vereinbarungen, den Alkoholkonsum erst einmal wieder auf ein Mindestmaß zu reduzieren. Scheuen Sie sich nicht, wenn nötig die Unterstützung einer Beratungsstelle zu suchen", sagt Silke Morlang.

Verliebt? In wen?

Wenn Sie sich Sorgen machen, sprechen Sie das am besten an

Die Situation: Es klingelt an der Tür. Da steht doch tatsächlich ein Junge und fragt nach der 14-jährigen Tochter. Die kommt ganz nervös angelaufen, und beide verschwinden in ihrem Zimmer.

Die Sorge: Was war das denn jetzt? Der erste Freund? Sie ist doch noch so jung! Am liebsten würde ich ins Zimmer gehen und den Jüngling unter die Lupe nehmen. Aber das kann ich ihr doch nicht antun. Oder? Darf mich das überhaupt was angehen? Muss ich jetzt mit ihr über Sex sprechen?

Der Lösungsvorschlag: Nein, lassen Sie’s. Klopfen Sie nicht jede Viertelstunde unter einem dummen Vorwand an die Tür. Die Beziehung zu dem Jungen ist die Privatsache Ihrer Tochter.

Ganz raushalten sollten Sie sich aber nicht, wenn sich da etwas anbahnt. Fragen Sie immer mal wieder nach, ob Ihre Tochter mit dem Freund glücklich ist, und bleiben Sie auch sonst gesprächsbereit. Wenn Sie sich Sorgen machen, sprechen Sie das am besten an. Das gilt auch für das Thema Sexualität. Zum Beispiel: "Dein Freund ist ja viel älter als du, und ich habe Sorge, dass er dich zu etwas drängt, was du vielleicht noch gar nicht willst." Es kann für einen Jugendlichen entlastend sein, von den Eltern zu hören, dass er sich mit den ersten sexuellen Erfahrungen Zeit lassen kann.
Legen Sie Ihrer Tochter bzw. Ihrem Sohn aber nicht heimlich Kondome auf den Nachttisch. "Das kann Jugendliche unter Druck setzen, weil sie es als Aufforderung missverstehen.", sagt Hans Berwanger. "Wichtig ist, dass Ihr Kind zwei Regeln kennt: "Beute keinen anderen Menschen sexuell aus, und lass dich nicht ausbeuten. Und: Verhüte vernünftig."