Sexuelle Reife
 
Die Pubertät beginnt immer früher

Noch nicht in der Pubertät, aber in der späten Kindheit?

"Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich habe nichts zu tun." Das lässt sich ändern. Wie wär's mit Aufräumen? "Ich bin müde." Müde - wovon? Vom Nichtstun, vom Gelangweiltsein, vom Nicht-Wissen, was man mit sich anfangen soll. Würde nicht immer wieder die kindliche Unternehmungsfreude durchscheinen, könnte man denken, viele Achtjährige seien in der Pubertät.

Mit acht und neun? Gut möglich. Vor allem aber ist das Verhalten typisch für die erste Phase der Adoleszenz, für das Herauswachsen aus der Kindheit und das Hineinwachsen in ein Stadium zwischen Kind- und Jugendlichsein - und somit ganz normal.

Die späte Kindheit gilt als relativ unauffällig und unproblematisch, für die Eltern eine Atempause nach der anstrengenden Kleinkindzeit und vor den Turbulenzen der Pubertät. Tatsächlich sind die Jahre zwischen acht und zwölf aber von großen Umbrüchen begleitet. Die lassen sich auf einen einfachen Nenner bringen: Großen Kindern wird es zu eng. Deshalb fordern sie energisch mehr Freiheiten, mehr Verantwortung, mehr Selbstbestimmung. Wer versucht, sie weiter "wie Babys" zu behandeln, stößt auf Widerstand. Dieses Verhalten zeigt sich, und das ist wichtig zu wissen, unabhängig davon, ob die eigentliche Pubertät, also die Geschlechtsreife, bereits begonnen hat oder nicht. Kinder, die sich "pubertär" benehmen, sind also nicht unbedingt schon in der Pubertät. Obwohl auch das möglich ist.

Große Kinder brauchen schon vor der Pubertät mehr Freiheiten

Große Kinder brauchen ein souveränes und liebevolles Gegenüber

Eine frühe Geschlechtsreife macht allerdings noch lange keinen Teenager! In emotionaler, kognitiver, sozialer Hinsicht und nicht zuletzt im Hinblick auf sexuelle Aktivitäten sind die Acht- bis Zwölfjährigen Kinder. Die Frage ist: Wie geht man mit diesen großen Kindern um? Das Wichtigste: Großen Kindern darf man Großes zutrauen. Sie selbst trauen sich jetzt, anders als ein paar Jahre später, eine ganze Menge zu. Viele eignen sich erstaunliche Fertigkeiten und Sachkenntnisse an, wie der zehnjährige Ramiz bei seiner kleinen Fischzucht. Die späte Kindheit ist der beste Zeitpunkt, um neue Interessen zu wecken und alte zu vertiefen.

Hobbys sind keine kindlichen Spielereien mehr, sondern "wertige", ernsthafte Tätigkeiten. Große Kinder wünschen sich, dass man sie darin ernst nimmt, ohne zugleich erwachsene Maßstäbe anzulegen. Dabei lieben sie es, sich mit anderen, auch mit Erwachsenen, zu messen. Das zeigt sich unter anderem in einem ausgeprägten Renommiergehabe. Erwachsene, die hier ihre Überlegenheit ausspielen, haben schon verloren. Wenn große Kinder übers Ziel hinausschießen, brauchen sie ein ein souveränes und liebevolles Gegenüber.

Starke Worte und Gefühle sind ein typischer Ausdruck dieser Altersphase. Große Kinder müssen außer Rand und Band geraten und laut sein dürfen. Und sie sind sehr laut! Beim Schreien, Lachen, Toben, Streiten, Blödeln geht es darum, ein im Wortsinn "tolles" Gefühl zu erzeugen. Kinder brauchen jetzt viel Bewegungsfreiheit, Zeit für Spiel und Sport und Kontakt mit Gleichaltrigen. Dürfen sie ihre Gefühle nicht über Bewegung ausleben, tun sie sich sehr viel schwerer, emotionale Turbulenzen zu bearbeiten und zu überwinden.

Und was ist mit dem Sex?

Das intensive Gefühlsleben zeigt sich auch darin, dass sich große Kinder heftig verlieben können. Der zehnjährige Kasimir hat neulich zum Entsetzen seiner Mutter in einer SMS die achtjährige Tochter einer Freundin gefragt, ob sie mit ihm gehen will. Ein sexueller Kontakt ist jedoch noch nicht das Ziel der Sehnsüchte und sollte auch nicht aus Besorgnis herbeigeredet werden ("Braucht mein Kind etwa schon ein Kondom/die Pille?"). Die erste Liebe spielt sich weitgehend in Herz und Kopf ab. Die meisten Heranwachsenden bekommen mit 14 den ersten "richtigen Kuss", und das "erste Mal" findet nach wie vor zwischen 16 und 18 statt.

Und: Große Kinder, die sich wie Teenager anziehen oder benehmen, wollen noch nicht wie Jugendliche gesehen und behandelt werden. Das würde sie überfordern. Sie loten aus, wie weit sie gehen können, wie groß ihr Freiheitsradius jetzt ist - möglichst größer als früher!

Die meisten Kinder gehen damit erstaunlich verantwortungsvoll um. Denn anders als Jugendliche stellen sie die Berechtigung von Grenzen - noch - nicht infrage, sagt die Familientherapeutin Oggi Enderlein ("Große Kinder", dtv, 12,90 Euro). Für sie besteht nicht der geringste Zweifel, dass bestimmte Regeln gelten und dass das die nächsten Jahre auch so bleibt.