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Lernplattformen Lernrückstände erkennen und aufholen: Aber wie?

Kinder mit Masken verlassen die Schule
© Iakov Filimonov / Shutterstock
In vielen Bundesländern beginnen jetzt die Sommerferien. Und das nach einem Jahr, in dem viele Kinder mindestens so viel Zeit in den eigenen vier Wänden gelernt haben wie in der Schule. Das hat Folgen: Erste Studien decken Lernrückstände auf. Was können Eltern jetzt tun, um ihre Kinder zu unterstützen, sie aber auch nicht noch in den Ferien pauken zu lassen? Wir haben mit Expert:innen verschiedener Lernplattformen gesprochen.

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Schüler:innen kamen bereits im Dezember 2020 nicht mehr mit. Das besagt eine im Schulbarometer Spezial veröffentlichte Forsa-Studie im Auftrag der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit der ZEIT. Und die Lernrückstände zeichnen sich durch alle Schulformen hindurch ab: von 34 Prozent an Gymnasien bis zu 54 Prozent an den Förderschulen. Mehr zu den Ergebnissen, lest ihr hier.

Das im Mai verabschiedete AktionsprogrammAufholen nach Corona“ soll nun mit rund zwei Milliarden Euro genau da ansetzten und Kinder und Jugendliche unterstützen, sich in einer Post-Pandemie-Normalität zurechtzufinden. Das Programm stützt sich auf vier Säulen:

  • Abbau von Lernrückständen
  • Förderung der frühkindlichen Bildung
  • finanzielle Unterstützung bei Ferienfreizeiten und außerschulischen Angeboten
  • Begleitung und Unterstützung von Kindern im Alltag und in der Schule

Die Umsetzung hängt aber von den Ländern ab. Und ein Dämpfer kommt direkt in der Einordnung des Programms: „Es ist derzeit noch nicht vollständig absehbar, wann die Einrichtungen der frühkindlichen und schulischen Bildung, der Kinder- und Jugendhilfe sowie die Freizeit- und Ferieneinrichtungen für Kinder und Jugendliche und ihre Familien mit ihren vielfältigen Angeboten wieder im Regelbetrieb öffnen können.“

Sind digitale Lernplattformen eine Lösung?

Ein von der Pandemie unabhängiges Angebot sind digitale Lernplattformen. Wie schätzen deren Expert:innen die aktuelle Lage ein? Wir haben bei drei von ihnen nachgefragt:

  • Adina Schulz, Projektmanagerin für Inhalte bei der Lernplattform sofatutor
  • Tobias Lampe vom Studienkreis Online-Nachhilfe
  • Sean D’Arcy, Vize-Präsident der norwegischen Lernplattform Kahoot!, zu der auch die Lese-App Poio gehört

Die studierte Lehrerin Adina Schulz von sofatutor sieht in ihrem Alltag die negativen Entwicklungen der Bildungssituation in Deutschland während der Pandemie und erklärt, wie sich dies bei den Kindern äußern kann: “In vielen Fächern können sich Lernrückstände zu schwerwiegenden Lücken entwickeln, die sich im schlimmsten Fall durch die ganze Schulzeit ziehen. Werden etwa in Mathematik Grundregeln wie zum Beispiel ‘Punkt vor Strich‘ nicht verinnerlicht, dann schleichen sich diesbezüglich selbst in höheren Klassen Fehler ein. Bei älteren Schüler:innen kann es zudem passieren, dass sie wichtigen Stoff nicht verstehen, weil die Herleitung während des Distanzunterrichts zu kurz kam, oder weil sie neue Formeln nur auswendig gelernt haben, ohne jedoch zu verstehen, was genau berechnet wird.“

Ihre Überlegung: “Aus diesem Grund ist es gerade jetzt richtig und wichtig, aus der Pandemie zu lernen und Geld in die Hand zu nehmen, um die Lernrückstände aufzuholen. Die Frage ist nur, WIE das Geld investiert wird. In der Konferenz der Kultusminister etwa werden digitale Lernhilfen und Online-Unterricht (wieder) nicht konkret angesprochen oder gefordert, obwohl die Corona-Situation hier so deutlich Nachholbedarf aufgedeckt hat. Auch digitale Lernplattformen und Nachhilfeanbieter werden im Bildungspaket des Bundes nicht explizit erwähnt. Einzelne Länder, etwa Mecklenburg-Vorpommern, haben mit dem Geld des Bundes daher nochmal gesondert Programme ins Leben gerufen, bei denen das Geld für digitale Nachhilfe erstattet wird.“ Das könnte dann auch Familien aus sozial schwächeren Verhältnissen zugutekommen, denn sie können sich die Angebote privater Anbieter oft nicht leisten. 

„Eine reine Bearbeitung ohne interaktive Korrekturen bleibt nicht haften“

Tobias Lampe vom Studienkreis Online-Nachhilfe sieht vor allem zwei Gründe für die Lernrückstände: “Auf der einen Seite fehlte den Schüler:innen oftmals der direkte Austausch und die Interaktion mit den Lehrkräften der Schule. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die reine Bearbeitung von Übungsblättern ohne interaktive Korrekturen nicht richtig haften bleibt. Die Konsequenz ist, dass die Kinder im Homeschooling nicht mehr mit dem Stoff hinterherzukommen scheinen. Das liegt aber auf der anderen Seite vor allem an der Motivation des Kindes. Es scheitert also weniger an fehlenden Geräten oder mangelndem Internet, sondern viel mehr daran, dass die Lehrerin oder der Lehrer es nicht schafft, die Schüler:innen für Inhalte zu begeistern. Hinzu kommt die Isolation von sozialen Aktivitäten, zum Beispiel, dass man seine Freunde trifft. Wir beziehen uns da unter anderem auf den direkten Austausch mit Eltern, die uns ihre Not schildern. Gerade in einkommensschwächeren Familien scheint der Bedarf größer zu sein. Sie nehmen auch verstärkt das Angebot wahr, über Bildungs- und Teilhabepakete (BuT) die Online-Nachhilfe bei uns in Anspruch zu nehmen.“

Zwei Jungen lernen draußen mit einem Tablet
© Pavel Kobysh / Shutterstock

Sean D’Acry von der Lese-App Poio blickt mit Sorge auf die anstehenden sechs Wochen: “Der Lernausfall während der Sommerferien in einem gewöhnlichen Jahr ist bereits eine Herausforderung, aber die Pandemie hat das Problem der Lernlücken und der Lernungerechtigkeit auf eine ganz neue Ebene gehoben. Aus diesem Grund ist es uns ein Anliegen, allen Lernenden und Lehrenden sowie deren Familien ansprechende Ressourcen wie Poio anzubieten.“ Sie könnten den Spaß am Lesen wecken und das ortsunabhängige Lernen fördern. 

Sollten Kinder in den Sommerferien versuchen, Versäumtes nachzuholen?

Eine Frage, die sich gerade viele Eltern stellen. Denn auch wenn Lernrückstände unumstritten sind, so steht gleichzeitig die mentale Gesundheit der Kinder und Jugendlichen im Fokus. Auch hier sorgen erste Studien für Besorgnis. Im Februar stellte das Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) beispielsweise den zweiten Teil seiner COPSY-Studie (“Corona und Psyche“) vor, an der viele Kinder und Eltern teilgenommen haben. Das Ergebnis: Sorgen und Ängste von Kindern haben zugenommen, ebenso depressive Symptome und psychosomatische Beschwerden. Fast jedes dritte Kind leidet demnach unter psychischen Auffälligkeiten.

Adina Schulz nimmt dazu Stellung: “Bei sofatutor haben wir eine klare Meinung: keine Summer Schools. Lasst die Kinder jetzt das nachholen, was sie im sozialen Miteinander verpasst haben – das ist viel akuter. Deshalb sollten nun Spaß und Aktivitäten mit anderen Kindern wie Sport im Freien im Mittelpunkt stehen. Kurzfristig und unter Zwang Stoff nachholen zu wollen, kann nicht die Idee sein. Die extra-curricularen Probleme sind viel dringender.“

Und auch in Bezug auf das kommende Schuljahr nimmt sie den Druck raus: “Auch Eltern haben sich in den vergangenen Wochen und Monaten verausgabt. Daher gilt erstmal, sich als Elternteil nicht verrückt zu machen. Sorgen und Ängste übertragen sich leicht auf das Kind. Was hilft, ist ein gemeinsamer Plan. Erstmal können Eltern überprüfen, ob das Kind überhaupt Lücken hat. Ein Gespräch mit den Lehrenden gibt erste Einblicke.“ In einem zweiten Schritt könnten Familien dann auch verschiedene Tools der Lernplattformen nutzen, um den Kenntnisstand spielerisch zu überprüfen.

Sean D‘Acry sieht in seiner App Potenzial, das Lesen auch in den Sommerferien spielerisch zu fördern: “Der Inhalt von Poio entfaltet sich als eine Geschichte, die das Interesse und die Neugier der Kinder weckt, während sie eine immersive Fantasiewelt erkunden und dem Abenteuer der Geschichte folgen. Kinder jeden Alters beschäftigen sich auf natürliche Weise mit Geschichten, besonders mit solchen, mit denen sie interagieren können. Durch digitale Erfahrungen können Kinder Geschichten Schritt für Schritt begreifen und bekommen das Gefühl, ein Teil davon zu sein. Das motiviert sie, weiterzulesen und zu lernen – und dabei Spaß zu haben. Indem sie das Lernen zu einer freudigen und fesselnden Erfahrung machen, können Familien und Lehrende die Begeisterung der Kinder das ganze Jahr über hochhalten.“

“Über die Neugierde entwickelt sich die Motivation“

Und die Expert:innen haben noch ein paar Lerntipps für den Familienalltag. Adina Schulz von sofatutor: “Das Stichwort ist hier ‘in den Alltag integrieren‘. Im besten Fall wird Lernen nämlich zum normalen, stressfreien Teil des Tagesablaufs. Niemals sollte mit Druck gearbeitet werden, denn das führt zu Lernblockaden.“ Ihre Tipps: 

  • Lernen in den Alltag integrieren
  • Klassische To-do-Listen können helfen: Sie geben Struktur und entlasten den Kopf.
  • Wichtig, dass das Kind Lernerfolge hat – das fördert den Spaß am Lernen.
  • Und natürlich: Loben!

Und Tobias Lampe rät: “Die effektivste Lernmethode ist es, Freizeitaktivitäten mit Lerninhalten zu verbinden und so die Neugier beim Kind zu wecken. Denn über die Neugier entwickelt sich die Motivation, verpassten Lernstoff aufzuholen. Wir fordern unsere Online-Lehrkräfte dazu auf, Lerninhalte praxisnah darzustellen und den Sinn des Lernens abseits der Notengebung klarzumachen. [… ] Wir haben bei der Studienkreis Online-Nachhilfe außerdem gute Erfahrungen mit interaktiven Lernvideos gemacht, in der die Inhalte realitätsnah dargestellt werden. Zusammenfassend gilt es also, das Kind in seiner Lernwelt persönlich zu erreichen und so herauszufinden, wo die individuelle Begeisterung liegt, um diese fachlich zu verknüpfen.“

Quellen:

ELTERN

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