Tatort Pausenhof
 
"Eine Schule ohne Drogen gibt es nicht"

Eltern reden sich gerne ein, ihre Sprösslinge seien in der Schule sicher. Was sollen sie auch sonst tun? Schließlich besteht Schulpflicht, trotz aller Negativ-Schlagzeilen über schlimme Zustände an so mancher deutschen Schule. Da sind Mütter und Väter lieber überzeugt: Drogen, Alkohol? Nicht an unserer Schule! Doch leider liegen sie damit in der Regel falsch.

Tatort Pausenhof: "Eine Schule ohne Drogen gibt es nicht"

Die Wahrscheinlichkeit ist relativ hoch, dass der eigene Nachwuchs in der Schule mit Gewalt-Videos auf Handys oder mit Drogen konfrontiert wird. Irgendwie, irgendwann. Das zeigen Aussagen von Experten und die Ergebnisse zahlreicher Studien. "Eine Schule ohne Drogen gibt es nicht", weiß Regina Pötke, ehemalige Schulleiterin, heute Ministerialrätin im Bayerischen Ministerium für Unterricht und Kultus. Gerade in Mode: Marihuana.

Nach einer Hamburger Befragung ist etwa jeder sechste Schüler der Hansestadt im Alter zwischen 14 und 18 Jahren als aktueller Cannabis-Konsument einzustufen, Tendenz steigend. Ähnliche Ergebnisse brachte eine Studie in Bremen: Ein Drittel der 14-jährigen Jungen und Mädchen, die regelmäßig Cannabis konsumieren, tun dies auch in der Schule. Das heißt: Auch wer selbst nicht Haschisch raucht, hat oft Klassenkameraden denen er dabei zusieht.

Lehrer wissen Bescheid

Eltern haben oft keine Ahnung, womit ihre Kinder konfrontiert werden

Bevorzugter Ort zum Tauschen und Dealen ist, nach Erfahrungen von Drogenfahndern, der Bus zur Schule. So mancher Schüler kommt morgens schon zugedröhnt in die Klasse. Daten aus der Schweiz zeigen, dass etwa ein Drittel der Lehrer der achten und neunten Jahrgangsstufen allein im Laufe eines Jahres Erfahrungen mit bekifften oder alkoholisierten Schülern im Unterricht machen. Etwa 15 Prozent der Lehrer geben an, den Konsum von Drogen oder Alkohol selbst auf dem Schulgelände beobachtet zu haben. In Bayern wurden kürzlich sogar zwei Elfjährige mit Joints vom Schulhof eines Gymnasiums gepflückt.

Die Eltern haben nach Beobachtungen von Jugendschützern oft keine Ahnung, womit ihre Kinder auf dem Schulhof in Berührung kommen. Auch nicht davon, dass überraschend oft Gewaltvideos auf Handys von Schulkinder kursieren. "Da gibt es die schlimmsten Bilder, von Enthauptungen bis hin zu Menschen, die angezündet werden", sagt etwa der Leiter vom Mainzer Jugendschutz, Friedemann Schindler.

Laut einer Untersuchung des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest hat jeder dritte Jugendliche im Alter zwischen 12 und 19 Jahren mindestens einen (Schul-)Freund, der brutale Videos auf dem Handy hat. Noch schlimmer: Fast jeder zehnte 6- bis 14jährige hat schon einmal ein Gewaltvideo auf dem Handy gesehen. Unglaublich, dachte ein Rektor einer bayerischen Schule und hörte sich auf eigene Faust um, nachdem bei einer Polizeirazzia fünfzehn Handys mit Gewalt- und Porno-Videos entdeckt wurden.

Der Umgang mit gefilmter Gewalt gehört fast zum Alltag

Die Recherche des Rektors ergab: 90 Prozent der Zehntklässler hatten brutale Handy-Bilder bereits gesehen, wenn sie sie auch nicht unbedingt toll fanden. Doch der Umgang mit der gefilmten Gewalt per Handy gehört für viele Schüler inzwischen schlicht zum Schulalltag. Unabhängig davon, ob sie das zuhause erzählen oder nicht.

Was Eltern beachten müssen

Kinder können brutale Videos nur schwer verarbeiten

Zugegeben: Es gibt nicht viel, was Eltern tun können, damit ihre Kinder nicht Zeugen von Drogen-Konsum oder dem Abspielen von brutalen Bildern auf dem Schulhof werden. Doch eingeweihte Eltern können klüger reagieren. Deshalb das Wichtigste überhaupt: Ein Bewusstsein für die möglichen Gefahren haben und im Gespräch bleiben. Und wer Offenheit möchte, sollte seinem Kind keine Gründe geben, den Mund zu halten. Experten haben Tipps zusammengestellt, die Väter und Mütter beherzigen sollten.

  • Lassen Sie sich von Ihren Kindern zeigen, wofür und wie sie ihr Handy benutzen. Kontrollieren Sie aber das Handy nicht heimlich. Damit würden Sie das Vertrauensverhältnis verletzten; das ist auf Dauer eventuell wirklich schädlich.
  • Sie müssen wissen: Für Kinder und Jugendliche ist das Handy ein wichtiges Kommunikationsmittel und ein Prestige-Objekt im Freundeskreis. Viele erzählen den Eltern nichts über verstörende Erlebnisse mit Gewalt-Videos, weil sie Angst haben, dass ihnen das Handy dann weggenommen wird. Machen Sie Ihren Kindern klar, dass das nie passieren wird. Tatsächlich ist ein Handyverbot keine Lösung. Entscheidend ist die Auseinandersetzung mit den Ursachen der Gewalt, der Faszination für andere.
  • Erklären Sie Ihrem Kind, dass es Bilder gibt, die so schrecklich sind, dass man sie nie mehr aus dem Kopf bekommt. Sie sollten sich also vor solchen Anblicken selbst schützen! Tatsächlich können Kinder brutale Videos oft nur schwer verarbeiten. Reagieren Sie auf mögliche Anzeichen von Verstörungen und sprechen Sie mit Ihrem Kind.
  • Die Crux dabei: Psychologischer Hintergrund des (gemeinsamen) Video-Schauens oder Drogen-Konsums ist stets der Gedanke der "Mutprobe". Wer sich "traut", egal wie er sich dabei fühlt, gehört dazu… Gerade für Kinder und Jugendliche ist es enorm schwierig, sich gegen die Gruppe zu stellen, eventuell als Feigling verlacht und ausgeschlossen zu werden. Es gilt, dem Kind den Rücken zu stärken, damit es das Selbstbewusstsein hat, nicht dem Gruppendruck zu erliegen und sich zu schützen.
  • Nicht zu unterschätzen ist die Vorbildfunktion der Eltern. Wenn die Gewalt oder Ungerechtigkeiten eher auf die leichte Schulter nehmen oder sich damit abfinden, erscheint das auch dem Kind "normal" - und eben nicht mehr erwähnenswert. Das gleiche gilt etwa für den Umgang mit Alkohol. Warum zuhause etwas erzählen, was dort eventuell gang und gäbe ist? Das heißt nicht, dass Eltern nichts trinken dürfen; es heißt aber, dass man Alkohol- oder Drogenkonsum generell (und auch das eigene Verhalten) offen diskutiert und hinterfragt.