Mobbing auf dem Schulhof
 
Angst vor den Mitschülern

Kleine Streitigkeiten im Klassenzimmer kommen ab und an vor - kein Grund zur Sorge. Wenn Kinder jedoch Zielscheibe permanenter Übergriffe durch ihre Schulkameraden werden, sollten Eltern handeln.

Mobbing
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Inhalt: 
Was ist Schulmobbing?Schulmobbing hat viele FacettenWie entsteht Schulmobbing?Mein Kind - ein Mobbingopfer?WarnzeichenSchulmobbing - Und was dann?Sich die Mobber selbst vornehmen?Hilft ein Schulwechsel?

Hier ein verstecktes Federmäppchen, dort ein schlechter Scherz auf Kosten des Mitschülers: Kleine Hänseleien unter Klassenkameraden gehören zum Schulalltag wie die große Pause und das Zeugnis. Wenn sie auch oft harmlos und schnell vom Tisch sind: Zum Problem werden sie dann, wenn einzelne Kinder systematisch ausgegrenzt und schikaniert werden. Nach Ansicht von Experten wird bereits jedes zehnte Kind Opfer gezielten Mobbings in der Schule.

Was ist Schulmobbing?

Nicht jede kleine Feindseligkeit ist schon Mobbing

Wiltrud Richter, Schulpsychologin an den Nymphenburger Schulen in München und aktives Mitglied von KIBBS (Kriseninterventions- und Bewältigungsteam der bayerischen Schulpsychologen), sieht im Mobbing unter Schülern ein weithin unterschätztes Problem: "Viele Fälle von Schulmobbing sind nicht bekannt, es gibt eine hohe Dunkelziffer. Hinzu kommt, dass das Mobbing oft bagatellisiert und zu wenig ernst genommen wird." Weil die Opfer extrem leiden, schlichtweg nicht mehr gerne in die Schule gehen und ernsthaft erkranken können, muss das Problembewusstsein bei Eltern und Lehrern ihrer Ansicht nach wachsen: "Man darf nicht wegschauen. Eltern und Lehrer sollten hinsehen und das Problem beim Namen nennen."
Der Begriff Mobbing kommt aus dem Englischen und bedeutet soviel wie anpöbeln, fertig machen oder über jemanden herfallen. Geprägt wurde er in der Verhaltensforschung, erst später hat ihn die Schulpsychologie übernommen. Während der letzten Jahre fällt das Wort Mobbing immer dann, wenn es um verschiedene Formen psychischer Gewalt gegen Kollegen im Arbeitsleben geht. Nicht jede kleine Feindseligkeit in der Klasse verdient schon das Etikett "Schulmobbing". Psychologen und Experten sprechen nur dann von Mobbing, wenn ein oder mehrere Personen einen Mitschüler regelmäßig, andauernd und systematisch ausschließen und drangsalieren. Mit dem einzigen Ziel, den anderen "fertig zu machen".

Schulmobbing hat viele Facetten

Was aber steckt hinter dem Wort "Schulmobbing"? Entscheidend ist, dass die permanente Schikane viele Gesichter haben kann: Verbale Attacken wie hässliche Bemerkungen über die zu große Nase, Lästereien über die uncoole no-name-Jeans oder das Verbreiten böser Gerüchte über die Eltern gehören ebenso dazu wie Treten, Schlagen und das Bekritzeln oder Zerreißen von Heften, Büchern oder Kleidung. Eine Art stillschweigende Verachtung ist das psychische, so genannte "stumme Mobbing": Ein Mitschüler wird links liegengelassen, vor allen bloßgestellt und aus Gesprächen ausgeschlossen. Was folgt ist die schrittweise Ausgrenzung aus der Gruppe.

Wie entsteht Schulmobbing?

Der Auslöser für das Mobbing ist in den meisten Fällen ein unterschwelliger Konflikt, der die unterschiedlichsten Ursachen haben kann. Überforderung, Unterforderung oder ein gestörtes Klassenklima beispielsweise bieten besonders in der weiterführenden Schule den Nährboden für Konfrontationen. In der Grundschule ist Mobbing unter den Kindern eher selten, meint die Mobbing-Forschung: Kinder zwischen 6 und 10 Jahren vergessen schnell, es gibt kaum Fälle, in denen einzelne Kinder über einen längeren Zeitraum ausgeschlossen bleiben.

Mein Kind - ein Mobbingopfer?

Jedes Kind kann von Mobbing betroffen sein. Weil es meist um die Rangordnung in der Klasse geht, sind Kinder, die zum Beispiel nach einem Umzug oder einem Schulwechsel in eine feste Hackordnung hineingeraten, mögliche Opfer. Nach der Erfahrung von Schulpsychologin Wiltrud Richter spielen dabei auch bestimmte Persönlichkeitszüge eine Rolle: "Überangepasste, gutgläubige und unsichere Kinder werden häufiger als andere Kinder von ihren Schulkameraden gemobbt." Anfeindungen, so die Psychologin, richteten sich zudem häufig gegen Kinder, die sich in irgendeiner Form von der Masse abheben: "Besonders oft sind Schüler betroffen, die ein wenig anders sind als der Rest, beispielsweise durch eine andere Sprache, besonders gute oder schlechte Noten."

Warnzeichen

Generell gilt: Die betroffenen Kinder brauchen dringend Hilfe von außen. Meist leiden sie still vor sich hin und ziehen sich zurück, suchen den Fehler allein bei sich selbst. Sie sind nicht selten vollkommen unfähig, die Probleme selbstständig zu bewältigen. Zwar muss nicht jeder Krach in der Klasse den Eltern Anlass geben, in ihrem Kind ein Mobbingopfer zu sehen. Streiten ist wichtig – nur so lernen Kinder, Konflikte zu erkennen und zu lösen. Aufmerksam werden sollten Eltern allerdings, wenn sie Veränderungen bei ihrem Kind wahrnehmen. Warnsignale dafür, dass ein Kind gemobbt wird, sind:
  • Ihr Kind möchte immer häufiger nicht zur Schule gehen und klagt regelmäßig über Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Appetitlosigkeit oder Alpträume.
     
  • Der größte Anteil körperlichen Mobbings findet auf dem Schulweg statt. Wenn Ihr Kind plötzlich nicht mehr allein zur Schule gehen will, ist das möglicherweise ein Hinweis darauf, dass ihm körperliche Gewalt zumindest angedroht wird.
     
  • Ihr Kind wird plötzlich nicht mehr zu Geburtstagsfesten eingeladen und hat immer weniger Kontakte zu gleichaltrigen.
     
  • Der Sportunterricht macht ihrem Kind keinen Spaß mehr, weil kein Mitschüler es bei Mannschaftssportarten in seinem Team haben möchte.<
     
  • Ihr Kind wirkt seit einiger Zeit verschlossen und zieht sich mehr und mehr zurück, obwohl es zuvor immer aufgeschlossen und fröhlich war.
     
  • Die schulischen Leistungen fallen ab.
     
  • Das Selbstbewusstsein des Kindes sinkt merklich.
     
  • Ihr Kind kommt gar mit Verletzungen nach Hause.

Schulmobbing - Und was dann?

Wenn Eltern Auffälligkeiten bei ihrem Kind beobachten, sollten sie zunächst versuchen, behutsam nachzuforschen, ob in der Schule alles in Ordnung ist. Sprechen Sie mit Ihrem Kind über den Klassenzusammenhalt, die Pausen, die Schulstunden. Hören Sie aufmerksam zu - so der Rat von Wiltrud Richter: "Eltern sollten ihre Kinder ernst nehmen und das Problem auf keinen Fall ignorieren oder es dem Kind ausreden. Sich einen Überblick über das Geschehen zu verschaffen, ist extrem wichtig." Erste Anlaufstation für die Eltern betroffener Kinder ist der Klassenleiter. Er kann das Thema in der Klasse zur Sprache bringen und den Weg zur Konfliktlösung bahnen. Zusätzlich sollten Eltern Folgendes beachten:
  • Informieren Sie den Lehrer schnell und fordern Sie, dass gehandelt wird: Mobbingsituationen, die erst einmal verfestigt sind, sind schwer aufzulösen. Der Klassenleiter kann auch einen Schulpsychologen oder den Vertrauens- oder Beratungslehrer einschalten oder das Problem im Kollegenkreis thematisieren.
     
  • Planen Sie das Gespräch mit dem Lehrer sorgfältig und überlegen Sie, was Sie von der Schule erwarten. Am Gespräch sollten außerdem beide Eltern teilnehmen.
     
  • Bleiben Sie sachlich, wenn Sie die Vorfälle schildern. Schuldzuweisungen an den Lehrer sind kontraproduktiv. Setzen Sie sich mit ihm in dasselbe Boot – und entwickeln Sie zusammen konkrete Strategien.
     
  • Vergewissern Sie sich bei Ihrem Kind, dass der Lehrer tatsächlich etwas unternommen hat. Wenn nicht, werden Sie immer wieder vorstellig und schalten Sie notfalls den Direktor der Schule ein. Er ist verpflichtet, für das Wohl Ihres Kindes zu sorgen. Notfalls können Sie sich auch direkt an einen Schulpsychologen wenden.
     
  • Außerdem kann es sinnvoll sein, ein Mobbing-Tagebuch zu führen: Darin werden die einzelnen Vorfälle schriftlich dokumentiert. So kann der Mobbing-Verlauf im Nachhinein immer wieder rekonstruiert werden.

Sich die Mobber selbst vornehmen?

Bei allen Schritten, die die Eltern unternehmen, sollten sie mit viel Fingerspitzengefühl vorgehen, um es für ihr Kind nicht noch schlimmer zu machen. Darum: Auf keinen Fall mit den Tätern selbst sprechen! Ihr Kind könnte unter noch größeren Druck geraten, wenn diese merken, dass es zu schwach ist, sich selbst zu wehren. Auch die Eltern der Mobber sind nicht die richtigen Ansprechpartner: Sie werden ihr Kind schützen wollen und sein Fehlverhalten auf diese Weise indirekt unterstützen. Und schließlich: Eltern sollten die Schuld nicht bei ihrem Kind suchen! Kein Kind hat das Recht, ein anderes zu terrorisieren. Wiltrud Richter: "Viel zu häufig wird die Schuld in der Empfindlichkeit der Opfer gesucht. Das ist der falsche Weg. Mit pädagogischer Nachsicht für die Täter kommt man in konkreten Mobbingfällen nicht weiter." Die Botschaft: Jedes Kind ist auf seine Weise liebenswert und verdient es, mit Respekt behandelt zu werden.

Hilft ein Schulwechsel?

Wenn sich die Lehrer überfordert fühlen und sich das Verhalten der Mobber nicht durchschlagend ändert, heißt die letzte Alternative für viele Eltern: Schulwechsel. Man muss sich allerdings vor Augen halten, dass das Problem damit nicht gelöst, sondern lediglich an einen anderen Ort verschoben wird. In der neuen Klasse ist das Kind wiederum Außenseiter, muss sich erst einfügen und anpassen - eine neue potentielle Mobbing-Klippe, die das Kind umschiffen muss. Darum sollten die Eltern in jedem Fall zunächst alle angesprochenen Möglichkeiten zur Konfliktbewältigung ausschöpfen, um ihrem Kind einen Verbleib auf der alten Schule zu ermöglichen. Die wichtigste Aufgabe besteht darin, das Kind soweit zu stärken, dass es sich selbst wehren kann und ein größeres Selbstvertrauen gewinnt. Nein sagen lernen, heißt die Devise. Ein Selbstsicherheitstraining beim Schulpsychologen kann ein erster Schritt sein.

Bücher zum Thema Mobbing auf dem Schulhof:

Karl Gebauer:
Mobbing in der Schule
Walter, 14,90 Euro

Francoise Alsaker:
Quälgeister und ihre Opfer. Mobbing unter Kindern und wie man damit umgeht.
Huber, 29,95 Euro

Jo-Jacqueline Eckhardt:
Mobbing bei Kindern. Erkennen, helfen, vorbeugen.
Urania, 12,95 Euro

Informationen im Internet:

www.kidsmobbing.de
www.mobbing-zentrale.de
www.schueler-gegen-mobbing.de
Ein Forum, eingerichtet von Alexander Hemker, einem Hamburger Schüler, der jahrelang unter Mobbing litt. Hier tauschen sich Mobbing-Opfer aus und finden Tipps, um damit fertig zu werden.