Frühgeburt
 
Moderne Medizin hilft, die Schwangerschaft zu erhalten

Frühgeburt - rund neun Prozent aller Kinder in Deutschland teilen dieses Schicksal. Doch nicht nur die medizinische Versorgung und damit die Überlebenschancen solcher Frühchen sind in den letzten Jahren besser geworden - heute kennen die Ärzte auch zahlreiche Verfahren, damit es gar nicht erst so weit kommt.

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Wann gilt ein Baby als Frühchen?

Frühgeburt: Moderne Medizin hilft, die Schwangerschaft zu erhalten

Kinder, die mehr als drei Wochen vor dem errechneten Termin das Licht der Welt erblicken, gelten als Frühgeburt. Dank des medizinischen Fortschritts stehen die Chancen für die meisten von ihnen gut, auch ohne Spätfolgen zu überleben. Doch vor allem Kinder, die vor 32 Schwangerschaftswochen auf die Welt kommen oder ein sehr geringes Geburtsgewicht (unter 1.500 Gramm) aufweisen, haben trotz aller Bemühungen manchmal mit schwerwiegenden Komplikationen zu kämpfen. Deshalb versuchen die Ärzte stets, eine Frühgeburt zu verhindern beziehungsweise so lange wie möglich hinaus zu zögern. Und dazu stehen ihnen mittlerweile verschiedene Methoden zur Verfügung.

Was sind die Auslöser einer Frühgeburt?

Auch vermeintlich harmlose Beschwerden können eine Frühgeburt ankündigen

Frühgeburten können mehrere Ursachen haben: Etwa eine Veränderung am Gebärmutterhals - seien es Myome oder die Nachwirkungen einer früheren Gewebeentnahme ("Konisation"). Auch eine zu große Menge an Fruchtwasser kann zu einer Frühgeburt führen, ebenso wie hormonelle Störungen oder eine vorzeitige Ablösung der Plazenta. Ein beträchtliches Risiko für eine Frühgeburt haben daneben Raucherinnen – ein weiterer Grund für Schwangere, die Finger vom Glimmstängel zu lassen! Eine Erkrankung oder Fehlbildung des Kindes kommt ebenfalls als Auslöser in Frage, und auch Mehrlingsschwangerschaften dauern oftmals nicht die vollen 40 Wochen – unter anderem, weil der Uterus dabei überdehnt werden kann. Die Muskelrezeptoren melden dann eine weiter fortgeschrittene Schwangerschaft, der Körper reagiert mit dem Wehenmittel Oxytozin. Bei Frauen, die bereits mehrere Fehlgeburten erlitten haben, ist dagegen meist der Gebärmutterhalskanal geweitet, so dass seine Haltefunktion frühzeitig nachlassen kann - auf den sich öffnenden Muttermund antwortet die Gebärmutter dann mit Wehen.

Manchmal wird die Geburt jedoch auch bewusst früher herbeigeführt - etwa bei einer lebensbedrohlichen Erkrankung der Mutter, wie beispielsweise dem HELLP-Syndrom. Und auch wenn das Kind im Mutterleib nicht mehr ausreichend versorgt wird, entscheiden Ärzte manchmal, das Baby vorzeitig auf die Welt zu holen.

Heute weiß man jedoch, dass die häufigste Ursache von Früh- oder schlimmstenfalls sogar späten Fehlgeburten (nach zwölf Schwangerschaftswochen und mehr) vaginale Infektionen sind. "Wir können davon ausgehen, dass mindestens ein Drittel, wahrscheinlich aber sogar die Hälfte aller Frühgeburten durch eine solche Infektion ausgelöst wird", sagt Professor Erich Saling. Seit den 90er-Jahren arbeitet der namhafte Experte an dem nach ihm benannten "Erich Saling-Institut für Perinatale Medizin" an einem "Frühgeburten-Vermeidungsprogramm" – übrigens auch begleitet von ELTERN (Ausgabe 12/1993).

Der Grund: Durch Hormone während der Schwangerschaft oder die Einnahme der Pille verändert sich oft das Immunsystem von Frauen, sie werden anfälliger für Infektionen. Auch kommt es im feuchten Scheidenmilieu häufig zu Veränderungen: Die Zahl der dort ansässigen Milchsäurebakterien, der so genannten Lactobazillen, neigt dazu, abzunehmen. Da diese Mikroorganismen für das saure Milieu sorgen, das Keime bereits im Scheideneingangsbereich abwehrt, können sich dann Erreger schneller ausbreiten. Steigen diese bis in den Gebärmutterhals, können sie dort und an den Eihäuten Entzündungen hervorrufen.

Im schlimmsten Fall durchdringen sie sie sogar und bedrohen das Ungeborene direkt. Doch selbst, wenn sich "nur" die Eihäute entzünden, werden diese dadurch zunehmend schwächer. Mögliche Folgen: Ein Blasensprung. Damit nicht genug, entstehen während dieses Prozesses auch bestimmte Hormone, die Prostaglandine. Diese machen den Gebärmutterhals weicher und können vorzeitige Wehen auslösen. Es droht eine Frühgeburt

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Welche Warnsignale gibt es vor einer Frühgeburt?

Auch Stress kann im schlimmsten Fall eine Frühgeburt mit verursachen!

Schwangere sollten sehr aufmerksam auf die Signale ihres Körpers achten. Denn oft gibt er im Vorfeld deutliche Hinweise, das eine Frühgeburt drohen könnte. Werden diese rechtzeitig erkannt und richtig gedeutet, lässt sich das Schlimmste oft noch abwenden. Deshalb gilt bei Blutungen, Bauchschmerzen, anhaltendem Durchfall oder Fieber: lieber einmal zu oft zum Arzt als einmal zu wenig! Der Arzt wird zunächste den Muttermund abtasten und prüfen, ob er noch geschlossen ist. per Ultraschall wird er dann die Länge des Zervixkanals messen: Ist er für die jeweilige Schwangerschaftswoche zu kurz, droht eine Frühgeburt. Immerhin in einem Drittel der Fälle kann der Arzt nach einer solchen Untersuchung Entwarnung geben. Aber: Setzen bereits vorzeitige Wehen ein oder wurde ein Blasensprung bemerkt, sollte die Schwangere keine Zeit verlieren und umgehend ins Krankenhaus fahren.

Daneben sollte während der Schwangerschaft auch vermeintlich harmlosen Beschwerden erhöhte Aufmerksamkeit gezollt werden. So wurde bereits mehrfach ein Zusammenhang zwischen einer Frühgeburt und einer Parodontitis-Erkrankung festgestellt. Ging man lange davon aus, dass diese Erreger eine Frühgeburt auslösten, so sehen Ärzte heute in einer Zahnfleischentzündung eher ein Warnsignal: Das Immunsystem der Frau ist in diesen Fällen oftmals stark beansprucht und unter Umständen nicht mehr in der Lage, die wirklich gefährlichen Erreger in der Scheide abzuwehren.

Bekannt ist, dass auch übermäßiger Stress zu vorzeitigen Wehen und unter Umständen zu einer Frühgeburt führen kann. Immerhin 65 Prozent der Frauen, die Symptome einer verfrühten Geburt zeigten, gaben einer Untersuchung aus dem Jahre 1995 zufolge an, unter Stress zu leiden. Die Zusammenhänge sind bis heute noch nicht ganz geklärt. Fest steht aber, dass auch Stress sich negativ auf das Immunsystem auswirkt. Forscher vermuten daher, dass eine zu große Belastung ebenfalls wieder Infektionen begünstigt. Deshalb sollten Sie es ernst nehmen, wenn Ihr Arzt Ihnen zur Schonung rät.

Eltern.de-Tipp: Vor diesem Hintergrund macht der Rat an Schwangere, auf sich und ihre Gesundheit zu achten, noch mehr Sinn. Eine gesunde, ausgewogene Ernährung beispielsweise stärkt nicht nur das Immunsystem, sondern auch das vaginale Milieu. Und Sport in Maßen hilft, Stress abzubauen.

Was kann der Arzt gegen eine drohende Frühgeburt tun?

Keine Angst: Eine Früh- oder Fehlgeburt ist heute kein unabwendbares Schicksal mehr - die Ärzte haben eine Vielzahl von Methoden entwickelt, mit denen die Schwangerschaft erhalten werden kann. Dabei setzen sie möglichst frühzeitig an. So entwickelte etwa Professor Saling einen einfachen Selbsttest für Schwangere: Mit Hilfe eines speziellen Handschuhs (Infos und Bestellmöglichkeiten unter www.saling-institut.de. Die Kosten werden offiziell nicht von Krankenkassen übernommen, trotzdem lohnt es sich, nachzufragen) kann die Frau so ganz einfach selber den pH-Wert am Scheideneingang feststellen – am besten zwei Mal wöchentlich. Die Überlegung dabei: Bemerkt sie eine Veränderung, kann sofort eingegriffen werden – im Idealfall noch bevor sich überhaupt Erreger ansiedeln. Zwar sind auch die Frauenärzte mittlerweile für das Thema sensibilisiert und widmen diesem Bereich bei den Vorsorgeuntersuchungen große Aufmerksamkeit. Aber zwischen den einzelnen Untersuchungsterminen liegen nun mal meist um die vier Wochen – und je schneller eingegriffen wird, umso besser. Denn der gesamte Prozess von einer Infektion bis zur Früh- oder gar Fehlgeburt dauert nur wenige Wochen. Wobei manche Schwangere es sicher auch beunruhigend findet, wenn sie ständig nach Keimen fahnden soll.

Egal, ob durch die Schwangere oder den Frauenarzt - sobald eine Veränderung des Scheidenmilieus festgestellt wird, können entsprechende Maßnahmen ergriffen werden. Solange die Frau noch keine Infektion hat, wird man versuchen, das natürliche saure Milieu wieder herzustellen, indem man mehr Lactobazillen ansiedelt und eventuell noch mit einem Milchsäurepräparat nachhilft, das in die Scheide eingeführt wird. Nach etwa zwei bis acht Tagen hat sich bei fast 80 Prozent aller Schwangeren der pH-Wert dann wieder normalisiert.

Liegt bereits eine Infektion vor, steht deren Bekämpfung im Mittelpunkt - entweder durch eine lokale Behandlung mit entsprechenden Medikamenten, oder gegebenenfalls auch mit Hilfe von Antibiotika. Zu dieser Maßnahme wird jedoch im Normalfall erst dann gegriffen, wenn die Erreger tatsächlich bereits in den Gebärmutterhals aufgestiegen sind.

Sind wiederholte Frühgeburten Schicksal?

TMV: Kaum Risiken für Mutter und Kind

Leider haben manche Frauen bereits mehrere Früh- oder späte Fehlgeburten hinter sich. "In solchen Fällen kann man davon ausgehen, dass sich die Voraussetzungen, die in den vorherigen Schwangerschaften zu einer Frühgeburt geführt haben, auch künftig wiederholen", erklärt Professor Saling. Liegt eine Störung des Scheidenmilieus vor, kann die Frau natürlich bereits mit dessen Stärkung, etwa durch die Anreicherung mit Lactobazillen, beginnen, wenn sie eine erneute Schwangerschaft plant.

Bei zwei und mehr früheren Schwangerschaften, die vorzeitig zu Ende gingen, ergreifen viele Mediziner heute jedoch stärkere Maßnahmen. Eine davon ist etwa die Cerclage: Bei dieser relativ harmlosen Operation wird der Gebärmutterhals durch eine Schlinge verengt. Dadurch soll es den Erregern erschwert werden, aufzusteigen. Aber: eben nur erschwert, nicht verhindert. Dementsprechend ist die Rate an Früh- oder Fehlgeburten nach einer Cerclage immer noch deutlich höher als bei einem anderen Eingriff: dem Totalen Muttermundverschluss (TMV). Diese Operation wird erwogen, wenn eine Frau bereits mehr als eine Früh- oder Fehlgeburt zwischen zwölf und 32 Schwangerschaftswochen erlitten hat. Das klingt vielleicht etwas drastisch, ist aber doch ein Eingriff, der, von Spezialisten durchgeführt, kaum Risiken für Mutter und Kind birgt - dafür aber viele Schwangerschaften erhält. Beim TMV wird der Muttermund komplett verschlossen, außerdem wird das die Wunde umgebende, oberflächliche Gewebe zwecks besserer Heilung vorher abgeschliffen.

Oft wird diese Operation schon im Zeitraum zwischen zwölf und 16 Schwangerschaftswochen durchgeführt. Rund 80 Prozent der Schwangerschaften konnten so Studien zufolge erhalten werden – und das bei Frauen, die nach vorherigen Schwangerschaften nur zu 17 Prozent lebende Kinder geboren hatten. Natürlich ist es ratsam, einen solchen Eingriff nur in einer dafür spezialisierten Klinik durchführen zu lassen - und davon gibt es mittlerweile eine ganze Reihe. Eine Liste finden Sie hier.

Ein TMV kann selbst dann noch eine Frühgeburt verhindern, wenn die Infektion bereits fortgeschritten ist. Dabei handelt es sich um einen so genannten späten Totalen Muttermundverschluss. Da in diesen Fällen der Muttermund oft schon aufgeweicht ist und sich die Fruchtblase manchmal bereits in die Scheide vorgewölbt, wird diese zunächst vorsichtig zurückgeschoben und dann erst der Muttermund verschlossen. Parallel dazu wird häufig auch mit Antibiotika behandelt. Immerhin 40 Prozent der Schwangerschaften können auch in diesem späten Stadium noch erhalten werden.

Kann ich nach einem TMV noch eine natürliche Geburt haben?

Vielen Frauen jagt der Gedanke an einen totalen Muttermundverschluss auch deshalb so viel Angst ein, weil sie fürchten, dann auf jeden Fall einen Kaiserschnitt vornehmen lassen zu müssen. Dabei ist das Gegenteil der Fall. "Wir Ärzte empfehlen nach einem TMV sogar eine Geburt auf natürlichem Wege, weil sich der vorher operierte Muttermund dann besser zur alten Form zurück bildet", beruhigt Professor Saling. Etwa drei bis vier Wochen vor dem errechneten Geburtstermin wird die Naht dazu unter örtlicher Betäubung wieder geöffnet. Ebenfalls beruhigend: Es ist kein Problem, mehrere Schwangerschaften hintereinander per TMV zu erhalten.

Wie kann dem Baby geholfen werden, wenn die Frühgeburt nicht aufzuhalten ist?

Trotz aller medizinischen Bemühungen kommt es immer wieder vor, dass der Prozess zu weit fortgeschritten ist, um die Schwangerschaft weiter aufrecht zu erhalten. Doch selbst dann können Spezialisten heute noch eine Menge für Sie und Ihr Baby tun. Erich Saling: "Das Ziel ist dann, dem Kind möglichst gute Startbedingungen zu verschaffen." Dazu wird beispielsweise die Lungen-Reifung des Ungeborenen beschleunigt, in dem der Mutter Nebennierenrinden-Präparate verabreicht werden. Parallel dazu erhält sie stationär wehenhemmende Mittel, um die Geburt so hinauszuzögern - natürlich in einer Klinik mit Frühgeborenen-Intensivstation, damit das Kind sofort optimal versorgt werden kann.