Vaterschaft
 
"Hier spricht dein Papa!"

Die meisten Männer sind hin- und hergerissen, wenn sie Vater werden. Und zuerst wissen sie oft mit der Schwangerschaft ihrer Partnerin nicht viel anzufangen. Franziska Groß hat ihren ganz persönlichen Erfahrungsbericht geschrieben.

Alltag mit einem werdendem Vater: Erster Monat

Während ich mit dem positiven Schwangerschaftstest in der Hand im Badezimmer einer Freundin in einer fremden Stadt stehe, kauft Tim gerade 800 Kilometer entfernt eine CD für seinen Freund Achim ein. "Hallo, hallo, es hat geklappt! Es hat geklappt! Ich bin schwanger!", brülle ich in den Hörer. Die Kassen des Elektrofachmarkts piepsen entfernt. Tim atmet leise. "Storno Kasse 16", schreit eine Frauenstimme. "Wo steht denn Metallica?", fragt ein Mann. Tim sagt nichts. Das Handy rauscht. Tim sagt immer noch nichts. "Hey! Ich bin schwanger! Freu dich gefälligst!" befehle ich. "Ja, schön, toll!", sagt Tim. Schweigt. Und sagt dann: "Erinnerst du dich vielleicht noch, ob Achim die neue Cardigans schon hat?"

Alltag mit einem werdendem Vater: Zweiter Monat

Seit drei Wochen weiß ich, dass ich schwanger bin. Tim weiß es auch. Als er mich nach meinem Besuch bei der Freundin vom Flughafen abholte, knabberte er leicht an meinem Ohr, küsste schüchtern meinen Mund und streichelte dann kurz, ganz kurz über meinen Bauch. "Da isses jetzt drin, oder?", fragte Tim. "Woanders wär' auch unpraktisch", sagte ich. Dann wechselten wir für die nächsten zwei Wochen das Thema und taten so, als ob alles so ist, wie es war. Aber natürlich ist alles anders. Wir bekommen ein Kind! Wir gründen eine Familie! Wir haben unsere Gene gemischt, einen sich selbst in rasender Geschwindigkeit vermehrenden Zellhaufen kreiert und werden in ziemlich genau neun Monaten das Ergebnis dieser Vereinigung schreiend und sabbernd in unseren Armen halten! Alles wird so dermaßen anders werden, dass wir im Moment nicht in der Lage dazu sind, über diese Veränderungen zu sprechen. Abends sitzt Tim in seinem Zimmer und spielt Gitarre. Ich sitze in meinem Zimmer und höre zu, während ich so tue, als ob ich ein Buch lese. Irgendwann schlafe ich ein. Noch viel später klettert Tim zu mir ins Bett. Er legt von hinten seinen Arm um mich und hält meinen Bauch fest. Ich tue so, als ob ich es nicht merke.

Alltag mit einem werdendem Vater: Dritter Monat

Bei seinem ersten Besuch bei der Frauenärztin redet Tim so viel, dass es mir unangenehm ist. Macht er immer, wenn er nervös ist. Während ich meine Unterhose ausziehe und auf den Stuhl klettere, erzählt Tim von seinem Handballverein. Während Frau Dr. Zisch ein Kondom über den Ultraschallstab zieht und das Ganze mit Gel einreibt, quatscht Tim von der Bestsellerliste. Und während das Gerät dann vorsichtig in mir rumrührt, es auf dem schwarz-weißen Monitor zu grisseln beginnt und Frau Zisch ihren Blick konzentriert, sagt Tim gerade "... und dann habe ich mir überlegt, mal wieder einen Ausflug mit dem Fahrrad zu machen ..." "Pssst" sagt Frau Zisch. "Da ist es." Tim verstummt. Wir gucken. Wir staunen. Was da ist, ist ein winziges kleines Wesen, kleine Ärmchen, kleiner Kopf, kleiner Bauch, das sich gerade ein bisschen bewegt. In der Mitte schlägt sanft das Herz. Mehr Flügelflattern als richtiges Pumpen. Mehr dibdibdib als bummbummbummbumm. Tim schweigt, sieht zum ersten Mal sein Kind und grinst. Und das Grinsen hört überhaupt nicht mehr auf. Tim grinst, während ich mich anziehe, er grinst, während wir uns verabschieden und er grinst auf dem Nachhauseweg. Seine Mundwinkel kommen den ganzen Tag nicht mehr runter, dazu sagt er fast kein Wort. Erst spät, ganz spät am Abend ein Kommentar: "Du, ich hab mir da heute Nachmittag so ein paar Bücher und Hefte gekauft. Wir müssen jetzt mal anfangen mit dem Schwangerschaftsöl und sollten unbedingt ein bisschen regelmäßiger schlafen", klärt er mich auf. Dann zieht er mein Schlafanzugoberteil hoch und betrachtet fachmännisch meinen Bauch. "Ich denke, man sieht schon etwas", sagt er. "Ich glaube, es handelt sich um einen spitzen Bauch, vermutlich wird es deshalb ein Junge. Wobei - diese Theorien sind natürlich sehr umstritten", sagt er. Grinst wieder und legt seine Hand fest auf meinen eventuell durch eine Wassermelone am Nachmittag etwas aufgeblähten, im Grunde aber definitiv noch sehr flachen Bauch.

Alltag mit einem werdendem Vater: Vierter Monat

Die Schwangerschafts-Kümmer-Aufteilungs-Regeln im Moment gehen so: Ich creme morgens den Bauch ein, Tim abends. Ich trage das Ding mit mir rum, Tim trägt die Einkäufe. Ich schlafe lange, Tim auch. Ich gehe arbeiten und sorge so dafür, dass wir genügend Elterngeld einfahren, Tim macht Montag Nachmittag frei und versucht, unseren ungeborenen Braten in eineinhalb Jahren in einer Krippe der Umgebung unterzubringen. Flirten mit den Kindergärtnerinnen ist in diesem Fall erlaubt. Ich verkneife mir Sushi, stattdessen backt Tim Pizza. Ich denke mir jeden Tag circa zehn neue Vornamen aus, Tim sagt immer "Nein" und hat sich dafür immerhin schon einen einzigen einfallen lassen. Den finde ich natürlich blöd. Ich gehe ein Mal im Monat zur Frauenärztin. Tim mit seinem Kumpel Axel ein Mal in der Woche Biertrinken. Ich schlafe immer im Bett, Tim mit Fahne, Schnupfen oder nach Dönergenuss im Wohnzimmer auf dem Sofa. Ich bin schwanger und sauglücklich. Tim langsam auch. Vermute ich.

Alltag mit einem werdendem Vater: Fünfter Monat

Gestern habe ich also wieder das bekommen, was Tim einen "Hormonanfall" nennt, wobei ich dem nicht unbedingt zustimmen möchte. Denn die Anfälle sind durchaus begründet. Es sind von seiner Seite her vermeidbare Verärgerungen meinerseits. Blitzschnelle Wutausbrüche über dreckige Taschentücher, die er am Telefontisch liegen lässt. Intensive Schreiattacken, wenn er mal wieder vergisst, den stinkenden Biomüll herunter zu tragen, obwohl er es mir am Morgen versprochen hat. Mittel- bis schwerdramatische Szenen, wenn er nicht auf die Sekunde pünktlich zum Abendessen, im Kino oder zum Scrabblespielen vor dem Einschlafen erscheint. Dann passiert folgendes: Ich schreie und stampfe mit dem Fuß auf den Boden. Tim versucht mich zu beruhigen. Ist nett. Aber das ist ja nun wirklich ein billiger Trick. Ich bleibe beim Anfall. Er bleibt nett. Ich will nicht nachgeben und brülle weiter. Er hält durch. Lächelt, beruhigt, will schlichten. Noch eine Attacke. Und ich bin stärker. Irgendwann gibt Tim auf, wird selbst wütend, nennt mich eine "unkalkulierbare Bruthenne und schreit zurück, bevor er eingeschnappt um die Ecke biegt. Fünf Minuten schmollen auf beiden Seiten. Dann werde ich weich. Und anhänglich. Ich will Liebe. Und versuche, seine Wut niederzuschmusen. Verlange Schwangerschaftsnachsicht. Sage "Hormone halt".

Und wenn er mich dann nach ein paar Minuten Reue in den Arm nimmt, schäme ich mich ein bisschen, wie sehr man sogar ein ungeborenes Kind in einer Partnerschaft schon instrumentalisieren könnte. Wobei - auf die Idee käme ich natürlich nie.

Alltag mit einem werdendem Vater: Sechster Monat

Dass unser Kind ein Junge wird, bedauere ich ein ganz kleines bisschen, denn eine Tochter hätte Tim vergöttert und hofiert, ein Sohn muss vermutlich vor allem gut Handballspielen lernen. Ansonsten nimmt der Stolz des Erzeugers dieses strampelnden Etwas in mir drin mit jedem Fußtritt gegen die Bauchdecke zu. Manchmal liegt Tim stundenlang mit dem Kopf nach oben in meinem Schoß und wartet, dass der Bauch bebt. Dabei spricht er mit einer komischen lautsprecherverzerrten Stimme. "Hallo, Sohn! Ich bin dein Papa! Ich freue mich sehr, wenn du raus kommst! Üb' schon mal kräftig boxen da drin! Denn das Leben hier draußen ist hart! Aber wir passen auf dich auf. Hallo Sohn, hier spricht dein Papa!" Immerzu brabbelt Tim solchen Blödsinn gegen meine Bauchdecke und es fällt mir schwer, mich auf das Buch zu konzentrieren, das ich einen knappen halben Meter weiter oben zu lesen versuche. "Geht's auch ein bisschen leiser?!" zicke ich. Tim flüstert im Lautsprecherton weiter. "Deine Mutter ist schwierig. Aber sie funktioniert, wenn man sie mit Apfelringen, Küssen hinter die Ohrläppchen oder Hitchcock-Filmen besticht. Im Moment funktionieren auch Nutellabrötchen", flüstert Tim unserem Sohn in seine Höhle zu. Ich muss lachen. Der Bauch wackelt. Das Kind tritt. Und Tim schläft irgendwann erschöpft mit der Nase in meinem schon sehr seltsam verzerrten Bauchnabel ein.

Alltag mit einem werdendem Vater: Siebter Monat

Also WIR haben jetzt fast keinen Sex mehr. Bei anderen Paaren scheint das anders zu sein. Bei uns ist es so. Ich habe theoretisch natürlich schon Lust, aber irgendwie reicht diese Lust nicht dazu aus, die Sache auch wirklich anzugehen. Mein Bauch bremst und ich bleibe auch am Sonntag Morgen lieber wie ein dicker Käfer auf dem Rücken liegen, anstatt mich für zugegeben spaßbringende, aber auch akrobatische Turnübungen zu motivieren. Das schlimme ist: Obwohl ich also selbst keine Lust auf Sex habe, finde ich es eine mittlere Unverschämtheit, dass es Tim anscheinend genauso geht. Manchmal sage ich: "Ich täte jetzt gerne mit dir schlafen." Dann sagt Tim: "Oh ja, ich auch." Und dann lesen wir beide weiter Zeitung. Seit Tim außerdem irgendwo gehört hat, dass es ein Gesetz der Natur ist, dass auch der Testosteronspiegel des Mannes während der Schwangerschaft seiner Frau runter geht, damit er nicht in Versuchung kommt, sie zu betrügen und stattdessen für sie sorgt, macht er sich anscheinend überhaupt keine Sorgen mehr über unser lahm gelegtes Sexualleben. Im Grunde mache ich mir die natürlich auch nicht. Wobei manchmal ... Aber er sagt immerhin, dass er mich mit Bauch wunderschön und sehr attraktiv findet. Ich glaube ihm das. Wobei es dann ja irgendwie unlogisch ist, dass er nicht ... Ach, lassen wir das. Vielleicht ist es einfach nur so, dass im Moment ganz andere Dinge zwischen uns wichtig sind. Und das darf dann auch mal eine Zeit lang so sein.

Alltag mit einem werdendem Vater: Achter Monat

Die wichtigste Rolle in meiner Schwangerschaft spielt Tim als Stützstrümpfe-Anziehgehilfe. Während ich alle anderen Dinge notfalls auch ohne ihn erledigen könnte, ist es dieser eine Moment jeden Morgen, der Moment des Strümpfe-auseinander-ziehens-und-mindestens-über-die-Zehen-und-den-ersten-Fußballen-Stülpens, der ohne ihn absolut nicht zu bewältigen wäre. Das Ganze geht so: Ich wache auf, dusche, lasse meine Schwangerschafts-Vitamine-Brausetablette ins Glas fallen und wackele mit dem Glas in der Hand zurück ins Schlafzimmer. Ich schiebe Tim auf eine Hälfte, versuche ihn dabei zu wecken und lege mich selbst mit den Beinen in der Luft wie ein träger Käfer daneben. "Tim, los geht's!" rufe ich dann. Tim taumelt sich mit halboffenen Augen nach oben. Ich reiche ihm die Strümpfe. Er checkt intuitiv wortlos die Richtung und die Fersenlage und beginnt mit einem lauten "Goaaaaaaarrrgggg!" den Strumpf vorne auseinander zu ziehen. Wir brauchen zwei, drei Versuche, bis der Strumpf über meine Fußspitzen springt und ich ihn dann von da mit einem lauten "Arrrrrrrrghhhhhhh!" weiter nach oben streifen oder besser gesagt zerren kann. Dann das Gleiche am anderen Bein. Am Ende kippt Tim erschöpft zur Seite weg zurück aufs Bett. Ich flüstere "Groahjaaaaa! Schönen Tag, mein Held" in sein Ohr, verteile einen Kuss und verschwinde in die Arbeit.

Alltag mit einem werdendem Vater: Neunter Monat

Langsam wird Tim ungeduldig. Er fürchtet, dass ich bei anhaltender Umfang-Zunahme nicht mehr in unsere Altbau-Toilette passen könnte, deren sich nach innen öffnende Tür man nur etwa 50 Zentimeter weit aufmachen kann, da der Türrahmen dann an das später eingebaute Waschbecken stößt. Außerdem leidet er an Realitätsverlust. Letztens habe ich heimlich zugehört, wie er mit einem Freund telefonierte: "Ganz toll bei der Franzi, außer am Bauch hat sie nirgendwo zugenommen, alles noch total beim Alten! Sieht sehr schön aus!" Liebe macht blind.

Alltag mit einem werdendem Vater: Zehnter Monat

Die Krankenhaustasche steht gepackt im Flur. Der Wickeltisch ist aufgebaut. Der Kinderwagen parkt im Flur unten. Tim fährt nur noch Fahrrad, weil er Angst hat, in der U-Bahn den entscheidenden Anruf zu verpassen. Er hat einen Spickzettel mit den heißesten Tipps aus dem Schwangerschaftskurs in der Hosentasche und die Krankenhausnummer ein Mal an jede Tür unserer Wohnung gespickt. Morgens flüstert er "Wie wär's mit heute?" in meinem Bauchnabel. Abends schiebt er ein: "Es ist toll hier draußen, wir warten auf dich!" hinterher. Wir, also Tim und ich, reden dafür jetzt eher weniger. Irgendwie kann ich mich nicht mehr richtig auf ihn konzentrieren. Meine ganze Aufmerksamkeit gehört dem Bauch. Ich bin nicht mehr besonders nett zu Tim, nicht mal mehr richtig gemein. Letztens hat er sich beschwert. Ich habe versucht, die Sache zu erklären. Habe gesagt, dass die Priorität gerade woanders liegt. Und dass er jetzt geduldig zurückstecken muss. "Ja, ja, ich weiß schon, das wird jetzt 18 Jahre so bleiben!", hat Tim traurig geseufzt.

"Nein, nein, nur noch ein paar Tage", versuchte ich zu trösten. Sicher bin ich mir da allerdings nicht. Eher gespannt. Und ich freue mich riesig darauf, wenn das Kind in ein paar Tagen draußen ist und Tim bei der Prioritätenverschiebung endlich auch selbst aktiv mitmachen kann.

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