VG-Wort Pixel

Fehlgeburt Das schlechte Gewissen, weil man sich schlecht fühlt: Wie gehen Partner:innen damit um?

Fehlgeburt
© Yakobchuk Olena / Adobe Stock
Eine Fehlgeburt ist traumatisch, vor allem für die Frauen, die sie erleben. Doch auch die Partner:innen erleben diesen Verlust, wenn auch anders. Wie? Darüber haben wir mit einer Expertin gesprochen. 

Es ist ein Schock, wenn eine Schwangerschaft plötzlich und unvorhergesehen endet. Vor allem für die betroffenen Frauen, die nicht nur emotional mit dem Verlust umgehen müssen, sondern auch physisch, aber auch für die Partner:innen. Darüber, wie sich der Verlust für das andere Elternteil anfühlt, haben wir mit Psychologin und Expertin Sally Schulze gesprochen. Mit ihrer online Plattform MentalStark bietet sie Paaren mit Kinderwunsch psychologische Begleitung an und unterstützt auch bei Fehlgeburtserfahrungen.

Wie fühlt es sich an, etwas zu verlieren, das man noch nicht besessen hat?

"Natürlich ist es anders, ob etwas mit unserem Körper passiert oder nicht. Deshalb ist es auf der einen Seite für den Partner oder die Partnerin sehr abstrakt, weil sie es selbst nicht fühlen können. Auf der anderen Seite passiert einer Person, die sie lieben, gerade etwas furchtbares und die emotionale Verbindung ist natürlich dennoch da, sodass der Impuls helfen zu wollen riesig ist", erklärt Sally. Daher liege der Fokus in der Regel auf der werdenden Mutter. Darüber, wie sich das andere werdende Elternteil fühlt, wird weniger gesprochen. Doch natürlich ist auch bei den Partner:innen selbst die Bandbreite an Emotionen sehr groß. So gäbe es Partner:innen, die den Verlust recht schnell abhaken und im nächsten Monat von vorn starten wollen, andere fühlten sich total hilflos. "Emotionen sind so komplex– Alles kann und darf da sein. Manche Paare schwimmen auf einer ähnlichen Welle, andere kommen gar nicht aneinander ran."

Was kann helfen?

Sally empfiehlt hier: darüber sprechen. Vielleicht gibt es im Freundeskreis jemanden, der:die das auch erlebt hat und dem man seine Geschichte erzählen kann. Das helfe einerseits dabei, das Geschehene besser zu verarbeiten, aber gleichzeitig schaffe es auch ein kollektives Bewusstsein für dieses Thema vor allem auch unter Männern. "Wir müssen alle mehr dafür tun, dass wir sagen, wer wir sind und was wir brauchen. Immerhin werden mittlerweile Geschlechterrollen unabhängig vom körperlichen Geschlecht vergeben. Wir können uns selbst definieren."

Das Recht auf Traurigkeit

Die Partner:innen der betroffenen Frauen haben oft das Gefühl, dass ihre Emotionen keine Berechtigung haben, wenn es ihren Frauen so schlecht geht, erzählt Sally. "Vor allen in unseren Gruppengesprächen hätten viele Männer ein schlechtes Gewissen, weil sie denken, sie nehmen einer anderen Frau den Platz weg. Deswegen machen wir auch eine reine Gruppe für Männer beziehungsweise die Partner:innen." Denn natürlich fühlt sich die Person, die nicht schwanger war, anders und oft so, als wären ihre Gefühle nicht so berechtigt, nicht so von Bedeutung und im Zentrum. Und je nachdem, ob medizinischer Betreuungsbedarf bei der betroffenen Frau war, stimmt das auch. Aber sonst gilt hier dasselbe wie für die Person, die schwanger war: Man weiß nicht, welche Gefühle kommen und alle diese Gefühle sind berechtigt und haben einen Realitätsbezug, auch wenn keine da sind. Das kann auch sein.

Sally-Schulze
© Privat

Sally Schulze ist Diplompsychologin, approbierte Psychotherapeutin und Expertin für Frauenheilkunde. Sie hat vier Jahre als Psychologin Frauen mit drohender Frühgeburt und Eltern auf der Babyintensivstation der Uniklinik Frankfurt betreut. Schon als junge Psychologin wurde sie in die Facharztkonferenz der Uniklinik Frankfurt aufgenommen. Hier erarbeiten Spezialisten:innen verschiedener medizinischer Fächer individuelle Behandlungswege für komplizierte und ungewöhnliche "Fälle" mit Kinderwunsch. Sally ist die psychologische Expertin dieses Gremiums. An der Uniklinik hat sie auch zunächst ehrenamtlich als Psychologin Paare mit unerfülltem Kinderwunsch beraten. Bald schon konnte sie die vielen Anfragen von emotional belasteten Paaren nicht mehr abdecken. Aus diesem Bedarf heraus entstand die Idee für die Onlineplattform MentalStark. 

ELTERN

Mehr zum Thema