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Alltagstaugliche Tipps für Väter und Mütter

Leseprobe aus: Jedes Kind kann lesen und schreiben lernen

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Leseprobe aus: Jedes Kind kann lesen und schreiben lernen

LRS - eine kurze Einführung

"Die Ursachen
Im Prinzip kann jedes Kind schreiben und lesen lernen. Doch wie die Ergebnisse von Schulvergleichstests wie IGLU und PISA zeigen, schafft es die Schule nicht, allen Kindern ein solides Fundament im Lesen und Schreiben zu vermitteln, weil zu wenige Lehrkräfte über eine solide Ausbildung in den notwendigen sprachwissenschaftlichen Grundlagen und das methodisch-didaktische Knowhow verfügen. Zu viele Kinder und Jugendliche erfassen das System unserer Buchstabenschrift unzureichend, machen dadurch zu viele Fehler und erleben das Lesen nicht als etwas Positives. Die Folgen sind Ärger mit der Schule, schlechte Noten in Deutsch und den Fremdsprachen, häusliche Auseinandersetzungen, Verlust des Selbstbewusstseins und der Lernfreude, Sitzenbleiben, Nachhilfe, Schulangst bis zur Schulverweigerung.

Früher nannte man das Problem 'Legasthenie' und verstand darunter eine Krankheit, die man sein ganzes Leben mit sich herumschleppt, was sich zum Glück als nicht haltbar erwiesen hat. Die Autorin hat in vielen, vielen Fällen während ihrer Arbeit mit Betroffenen erlebt, dass Kinder und Jugendliche sehr wohl lesen und schreiben lernen können.

Immer wieder werden im Zusammenhang mit Lese- und Rechtschreibversagen Gespenster einer lebenslangen Gehirnanomalie oder genetische Defekte beschworen. Heute werden sie 'bewiesen' durch die Beobachtungen bei Leseaktivitäten mithilfe von bildgebenden Verfahren (z. B. MRT). Doch können solche Beobachtungen nicht ohne Weiteres als Ursachen verwendet werden, Schon vor 130 Jahren erwies sich die Übertragung von Sprachausfällen Erwachsener nach Unfällen auf die Probleme von Kindern, die den Code des alphabetischen Schriftsystems nicht knacken können, als falsch.

Die Ursachen und Auswirkungen sind sehr verschieden. Es gibt, wie Untersuchungen belegen, viele Kinder, die trotz Hör-, Seh-, Intelligenz- oder Bewegungsauffälligkeiten problemlos im Schulalltag lesen und rechtschreiben lernen. Um es gleich vorweg klarzustellen: Selbst gravierende Probleme beim Lesen- und Schreibenlernen sind für mich keine Krankheit im medizinischen Sinn, die man, wie man früher dachte, an bestimmten Symptomen erkennen kann. Bei Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten (im Folgenden abgekürzt als LRS) geht es zunächst um eine erwartungswidrige Entwicklung der Schriftsprache, ausgelöst durch fehlende oder unpassende Vorstellungen des Kindes über unser alphabetisches Schriftsystem.

Probleme beim Erwerb der Schriftsprache verschwinden jedoch nie von allein, wie manche Lehrkräfte meinen, wenn sie besorgte Eltern mit der Aussicht vertrösten, dass der Knoten irgendwann schon von allein platze. Nein, im Gegenteil, die Situation verschlechtert sich drastisch, wenn das Kind merkt, dass es versagt. Es gibt auch keine 'Legasthenie'-typischen Fehler, wie man früher glaubte: Viele Kinder vertauschen in ihrer Lese-/Schreibentwicklung Buchstaben, weil ihnen die Schreibrichtung noch nicht geläufig ist und sie sich darauf konzentrieren, das Gehörte in Buchstaben zu übersetzen.

Kinder kommen mit den unterschiedlichsten Vorstellungen über Schrift in die Schule. Einige Kinder können schon fließend lesen und schreiben, eine Reihe von ihnen benötigt jedoch differenzierte, auf sie abgestimmte, methodisch-didaktisch sinnvolle Lernangebote, gezielte individuelle Zuwendung und mehr Zeit, damit sie erfolgreiche Leser und Schreiber werden können. Hürden, die den Zugang erschweren, entstehen meist in einem Zusammentreffen von unzureichenden schulischen Bedingungen, methodisch-didaktischen Mängeln, fehlendem Lernerfolg und falscher Reaktion der Umwelt. Je früher geholfen wird, desto weniger droht Gefahr, dass sich aus einem Entwicklungsrückstand im Lernen ein ernstes, umfassendes Lern- und Verhaltensproblem entwickelt.

Die in diesem Buch beschriebenen Maßnahmen sind erfolgreich

(...) Wenn Sie die Ratschläge dieses Buches beherzigen, sind Sie dem Ziel, Ihrem Kind wirksam und erfolgreich zu helfen, bereits einen großen Schritt näher gekommen. Dieses Buch beinhaltet jedoch kein fertiges Trainingsprogramm und auch keine Alternative zum Förderunterricht oder einer Therapie. Was es will, ist:

  • informieren über die vielfältigen Verursachungsmöglichkeiten von Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten (im Folgenden als LRS abgekürzt),
  • beraten über Wege, wie Eltern ihr Kind gegen schlechte Noten, verhauene Diktate und Ärger mit der Schule unterstützen
  • helfen durch geeignete, langjährig erprobte Vorschläge für häusliche Förder- und Übungsmöglichkeiten, die zudem das kindliche Selbstwertgefühl und die Lernmotivation aufbauen.

Es muss jedoch betont werden, dass es kein Schnellverfahren gibt, um die Schwierigkeiten verschwinden zu lassen. Der Weg zur Schriftsprache kostet Zeit, Anstrengung und Geduld, sichert aber das Glück und die Zukunft Ihres Kindes.

Wo steht mein Kind?

Zum Einstieg einige Fragen zur aktuellen Situation Ihres Kindes:

Lesen: Mein Kind

  • buchstabiert beim Lesen leise ein Wort vor (z. B. be-a-el-el, ge-e-ha-te) und hat Schwierigkeiten, das gemeinte Wort (Ball, geht) zu erkennen;
  • lautiert Wörter vor (b-a-l-l, g-e-t) und braucht zu lang, bis es das Wort als Ganzes entschlüsselt;
  • ist unsicher in der Leserichtung (mal von rechts, mal von links);
  • erkennt häufig vorkommende Wörter nicht wieder (ein, die, wir);
  • liest sehr langsam;
  • versteht den Inhalt des Gelesenen auf Nachfragen nicht/teilweise/richtig;
  • liest nicht freiwillig/freiwillig.

Schreiben: Mein Kind

  • kennt die Buchstaben: in Druckschrift , Großbuchstaben, Gemischt Groß-/Klein-, Anfangsschrift, vereinfachter Ausgangsschrift, lateinischer Ausgangsschrift, Schulausgangsschrift;
  • beherrscht die Laut-Buchstaben-Zuordnungen nur teilweise;
  • ist in seiner Schreibrichtung noch unsicher;
  • hat eine verkrampfte Schreibhaltung, hält die Zeilen nicht ein;
  • hat Probleme beim Abschreiben;
  • schreibt gern/ungern Geschichten.

Rechtschreiben: Mein Kind

  • macht viele Fehler in geübten Wörtern;
  • schreibt unvollständige Wörter, in denen meist Vokale fehlen (hnd Hand);
  • versucht zu schreiben, wie es spricht (aein, Schbigel);
  • macht trotz häuslichen Übens viele Fehler in geübten Diktaten;
  • schreibt ohne Punkt und Komma.

Lern- und Arbeitsverhalten: Mein Kind

  • kann sich beim Schreiben nur schwer konzentrieren;
  • versucht, Hausaufgaben zu verdrängen, oder braucht viel zu lange;
  • schafft die Aufgaben nur mit Unterstützung;
  • wirkt mutlos, wenig motiviert

Schulische Situation: Die Lehrkräfte

  • beobachten die schriftsprachliche Entwicklung meines Kindes und fördern es gezielt nach einem Förderplan;
  • vertrösten mich, dass sich der Rückstand in der Lese- und Schreibentwicklung meines Kindes von allein gebe;
  • haben mein Kind eine Klasse zurückgestuft, ohne dass es nennenswerte Fortschritte macht.

Häusliche Situation: Mein Kind

  • hat ein angegriffenes Selbstwertgefühl;
  • hält sich für dumm;
  • verschweigt Arbeiten;
  • lehnt häusliches Üben ab.

Treffen auf Ihr Kind mehrere der angeschnittenen Probleme zu, dann können Ihnen die Ratschläge dieses Buches sicherlich mit Erfolg helfen.

Hat zusätzliches häusliches Üben oder Nachhilfe keine erkennbare Verbesserung gebracht und reagiert Ihr Kind gereizt, aggressiv oder zieht es sich zurück, so sollten Sie die Alarmzeichen ernst nehmen, die Hinweise in den einzelnen Kapiteln beachten und professionelle Beratung suchen.

Zusammenfassung

  • Auch gravierende Probleme beim Lesen und Schreiben sind keine 'Krankheiten'!
  • Fehler beim Schreiben beruhen auf einem mangelnden Verständnis unseres Schriftsystems, dem abgeholfen werden kann.
  • Kinder mit Lese- und Rechtschreib-Schwierigkeiten brauchen differenzierte Lernangebote, die genau zu ihnen passen.
  • Der erste Schritt für eine erfolgreiche Lernstrategie besteht immer in einer Analyse der bestehenden Situation: Wo steht mein Kind im Lernprozess?"

Zur Autorin

Beltz kinderkinder: Alltagstaugliche Tipps für Väter und Mütter

Ingrid Naegele, Lehrerin und Diplompädagogin, hat das "Institut für Lernförderung" in Frankfurt gegründet, in dem nach ihrem FIT-Förderkonzept gearbeitet wird. Sie beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten und hat Handbücher für Lehrer und Eltern herausgegeben.