Experten-Interview
 
"Ein Event, das man nicht verpassen darf"

Gebären ist heute auch Lifestyle, Weltanschauung. Was macht das mit Eltern? Ein Gespräch mit Professorin Lotte Rose, die an der Frankfurt University of Applied Science zu Geburtskultur und Kindheitsthemen forscht.

Experten-Interview: "Ein Event, das man nicht verpassen darf"
iStock, AleMoraes244

Sie sagen, die Geburt habe sich heute zu einem Lifestyle-Event entwickelt. Wie kommt das?

Der wichtigste Grund ist wohl, dass das Kinderkriegen seit den 1960er-Jahren kein Zufall mehr ist. Frauen können selber darüber entscheiden, ob sie eine Familie gründen wollen. Das ist natürlich gut, hat in den vergangenen Jahren aber auch eine ungeheure Aufladung des Themas bewirkt: Plötzlich brauche ich ein Motiv fürs Kinderkriegen, und ich trage eine große Verantwortung für die richtigen Entscheidungen rundherum. Ich muss die Geburt gestalten, mich verantwortungsvoll darauf vorbereiten. Sie ist zum Stilelement geworden.

Alles wird minutiös geplant, erwartet wird das grandiose Ereignis. Die Enttäuschung ist oftmals vorprogrammiert.

Ein Phänomen der individualisierten Erlebnisgesellschaft. Jeder von uns sucht nach Höhepunkten im Leben, da kann man sich gar nicht entziehen. Hochzeit, Taufe, Einschulung – die Geburt ordnet sich in die Reihe der Life-Events gut ein. Gerade auch Väter werden mit diesem magischen Versprechen in die Kreißsäle gelockt. In den Geburtsvorbereitungskursen heißt es immer: Väter dürfen dieses einzigartige und kostbare Glückserlebnis auf keinen Fall verpassen. Es sei durch nichts zu ersetzen.
 

Sie meinen, das stimmt gar nicht?

Es ist eine wahnwitzige Überfrachtung des Geburtsereignisses. Aber das kann man niemandem persönlich vorwerfen. Es ist ein kultureller Umbruch, der viele Facetten hat. Kliniken verkaufen sich heute wie Wellness-Hotels, nur um möglichst viele Kundinnen anzuwerben.
 

Also der Rat, sich ganz genau zu überlegen, welche Klinik man sich für die Geburt aussucht?

Das sehe ich wiederum auch kritisch. Weil dieser Rat unterstellt: Informier dich, bereite dich vor, wähle gut aus, dann hast du alles in der Hand. Aber eine Geburt ist zu großen Teilen Schicksal. Wenn wir diese Ohnmacht wieder anerkennen, kann das entlastender sein als das Streben nach Selbstbestimmung.