Geburt
 
Ein guter Anfang?

Nie sind Babys sicherer zur Welt gekommen als heute. Und noch nie stand die Geburtshilfe so in der Kritik. Bei all dem bleibt die Geburt das aufregendste, intimste, individuellste Erlebnis, das man sich vorstellen kann – oft mit Hindernissen verbunden, aber fast immer mit glücklichem Ausgang, wie die Mütter in unserer Geschichte erzählen.

Geburt: Ein guter Anfang?
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Ein Kind auf die Welt zu bringen ist heute ein ziemlich großes Ding. Eine große Freude, eine große Erwartung, eine große Verantwortung. Während die körperlichen Abläufe die gleichen sind wie in der Steinzeit, haben sich Bewusstsein und Gesellschaft weiterentwickelt. Eine Geburt ist heute kein Schicksal mehr, in das sich die Frau ergeben muss. Sondern ein Ereignis, das man selbst in der Hand haben will. Nicht mehr und nicht weniger. Fragt man werdende Mütter und Väter, was ihnen besonders wichtig ist, stehen die folgenden Wünsche meist ganz oben auf der Prioritätenliste: Eine sichere Geburt. Eine normale Geburt. Eine Geburt mit erträglichen Schmerzen. Eine Geburt mit starker Begleitung. Eine selbstbestimmte Geburt.
Schauen wir uns das mal genauer an:
 

Eine sichere Geburt

Ein gesundes Baby, eine unversehrte Mutter – das ist der Herzenswunsch aller, die ein Baby erwarten. Rein zahlenmäßig lässt sich da nur Gutes über die deutsche Geburtshilfe sagen. Wenn wir die Säuglings- und Müttersterblichkeit anschauen, und daran wird die Sicherheit der Geburtshilfe offiziell gemessen, so sind die Zahlen mehr als beruhigend. Nur sehr wenige Mütter und Babys sterben bei uns noch rund um die Geburt. Im Jahr 2015 waren es 3,3 Säuglinge je 1000 Lebendgeborene und weniger als vier Mütter je 100 000 Lebendgeburten. Zum Vergleich: Noch 1980 lag die Müttersterblichkeit bei knapp 20 pro 100 000.
Die Fachwelt ist dennoch beunruhigt. So sehen der Deutsche Hebammenverband, die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), aber auch private Initiativen wie Mother Hood oder der Verein "Normale Geburt" die Geburtshilfe in einer Krise: Ärzte und Hebammen in deutschen Geburtskliniken seien maßlos überlastet, teilweise sei eine sichere Versorgung nicht mehr gewährleistet. Reihenweise schließen die Kreißsäle – weil Hebammen fehlen oder weil die Abteilungen einfach nicht profitabel genug sind. Seit 1990 haben rund 500 Geburtsstationen dichtgemacht, das entspricht einem Rückgang um 40 Prozent.
Die Nachteile liegen auf der Hand: Immer mehr Frauen müssen weite Wege für die Geburt in Kauf nehmen, immer häufiger hat die Wunschklinik keinen Platz mehr. Laut Angaben der DGGG musste im vergangenen Jahr jede dritte Klinik in Deutschland mindestens einmal eine Frau unter der Geburt abweisen, meist aus Hebammen- und Platzmangel.

Eine normale Geburt

Die Zahlen sprechen für sich: Bei ihrem ersten Kind wünschen sich 95 Prozent der Frauen eine normale Geburt, und das heißt: keinen Kaiserschnitt, und auch sonst möglichst keine medizinischen Maßnahmen. Tatsächlich jedoch werden bei 90 Prozent aller Geburten routinemäßig "Interventionen" durchgeführt. Das kann das Legen eines venösen Zugangs oder ein Dauer-CTG sein, aber auch das Öffnen der Fruchtblase oder ein Dammschnitt.
Zurzeit besonders im Fokus: der inflationäre Einsatz von Wehenmitteln, die die Geburt beschleunigen. Weil in den Leitlinien zur Geburtshilfe steht, dass sich der Muttermund ab Einsetzen der Wehen etwa einen Zentimeter pro Stunde öffnen sollte, wird gern mal nachgeholfen. Dabei ist diese Faustregel für manche Frauen völlig unrealistisch. Die Weltgesundheitsorganisation hat sie deshalb in ihren neuen Empfehlungen wieder zurückgenommen. Auch die deutschen Leitlinien zur Geburtshilfe werden in der neuesten Fassung wahrscheinlich dahingehend umformuliert. Ein Schritt in die richtige Richtung.
 
Und noch ein Lichtblick: Die Kaiserschnittrate ist in den vergangenen Jahren bei uns nicht mehr angestiegen, bei der jüngsten Erhebung des Statistischen Bundesamtes zeigte sich sogar ein Rückgang von 32,2 auf 30,5 Prozent.

Eine Geburt mit erträglichen Schmerzen

Die Sache mit den Geburtsschmerzen ist eine sehr individuelle, jede Frau erlebt sie anders. "Man kann davon ausgehen, dass ungefähr jede sechste Frau so gut wie keine Schmerzen bei der Geburt empfindet, wohingegen ebenfalls jede sechste Frau große Qualen erleidet, und zwei Drittel aller Frauen den Schmerz irgendwo dazwischen erleben", schreibt Dr. Wolf Lütje, Chefarzt einer Geburtsklinik in Hamburg, in seinem Buch "Vertrauen in die natürliche Geburt" (Kösel, 14,99 Euro).
So unterschiedlich Frauen den Wehenschmerz empfinden, so unterschiedlich können sie mit ihm umgehen. Die eine weiß schon vor der ersten Wehe, dass sie ganz sicher eine PDA will, die andere begegnet den Wehen mit Selbsthypnose oder Aromatherapie. Das eine kann so gut funktionieren wie das andere.
Fest steht jedenfalls: Heroisches Leiden ist nicht mehr gefragt. Etwa jede dritte werdende Mutter entscheidet sich heute für eine PDA, bei der der Unterleib betäubt wird. Immer häufiger kommt auch Lachgas zum Einsatz. Interessant: Oft entscheidet sich erst unter der Geburt, ob und welche Schmerzmittel eine Frau wirklich braucht. Etwa 50 Prozent der Gebärenden, die unter den Wehen nach Schmerzmitteln verlangen, hatten dies im Vorfeld strikt abgelehnt.

Eine Geburt mit starker Begleitung

So eine Entbindung ist eine fragile Angelegenheit. Sie läuft, solange alles im Gleichgewicht ist. Kommen aber Unsicherheit, Angst, das Gefühl des Ausgeliefertseins hinzu, gerät alles ins Wanken. Am besten lässt sich das alles mit einer 1:1-Betreuung im Kreißsaal vermeiden. Mehrere Studien zeigen: Je besser die Begleitung, desto weniger Interventionen und Kaiserschnitte gibt es. Deshalb wird der deutsche Hebammenverband nicht müde, immer wieder zu fordern: Mehr Hebammen in die Kreißsäle! Denn von der Ein-zu-eins-Betreuung sind wir hierzulande weit entfernt. In Stoßzeiten müssen sich Hebammen schon mal um drei, vier oder fünf Frauen gleichzeitig kümmern. Das ist eine Zumutung – für die werdende Mutter, aber auch für die Hebamme.
 

Eine selbstbestimmte Geburt

Immer häufiger kommen Frauen mit einem Geburtsplan in den Kreißsaal. Zigfach gibt es diese Pläne als PDF-Vorlagen im Internet. Von der Klamottenauswahl bis zur Schmerztherapie, von der Intimrasur bis zum Kaiserschnitt – bis ins kleinste Detail kann die Frau hier ihre Wünsche und Vorstellungen aufschreiben. Das hat durchaus sein Gutes. Zu wissen und zu formulieren, was man sich für die Geburt wünscht, schafft Klarheit für alle Beteiligten, gibt einem die Möglichkeit, mitgestalten zu können, und erhöht auch die Chancen auf ein schönes Geburtserlebnis.
Andererseits: Es ist ein Irrglaube, eine Geburt bis ins Detail durchplanen zu können. Oder um es mit Wolf Lütje zu sagen: "Letztlich ist man während der Geburt immer auch ein Stück weit ausgeliefert: sich selbst, der Gebärmutter, den Wehen, den Umständen im Kreißsaal, seinen Emotionen, der Dauer, der Anstrengung… Da bleibt die Selbstbestimmung oft auf der Strecke. Am Ende bleibt nur Haltung, Demut und Hingabe an diese gewaltige Herausforderung."
Fachliche Beratung: Susanne Steppat, Präsidiumsmitglied im deutschen Hebammenverband; Dr. Wolf Lütje, Chefarzt der Geburtsklinik am Evangelischen Amalie Sieveking-Krankenhaus Hamburg