Geburt
 
Zehn heikle Fragen zur Geburt – und zehn offene Antworten

Willkommen im Finale. Die Schwangerschaft nähert sich ihrem Ende. Im Prinzip weißt du ziemlich genau, was dich bei der Geburt erwartet. Bleiben ein paar allerletzte Fragen, die du deinem Arzt so vielleicht nicht stellen möchtest.

Schwangere schreibt Tagebuch
iStock, FatCamera

Darf ich meinen Mann aus dem Kreißsaal schicken?

Du darfst nicht nur, du solltest. Nämlich immer dann, wenn du das Gefühl hast, seine Anwesenheit tut dir nicht gut. Die Gründe können ganz unterschiedlich sein. Es gibt Frauen, die können sich nicht fallen lassen, solange ihre Männer im Raum sind. Der Beweis: Kaum hat er den Kreißsaal verlassen, geht die Geburt auf einmal schneller voran. Manchmal sind es unausgesprochene Beziehungskisten, die stören, oder einfach das Gefühl: "Du kannst mir jetzt nicht helfen. Bitte lass mich allein." Umgekehrt gilt: Auch er darf gehen, wenn er den Eindruck hat, dass er die Geburt nicht aushalten kann. In den allermeisten Fällen wird sich die Frage jedoch nicht stellen. Weil werdende Eltern es genießen, den anstrengenden, spannenden Moment der Geburt, die ersten Augenblicke mit Baby gemeinsam zu erleben.
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Ich bin nicht besonders tapfer. Kriege ich das wirklich hin mit der Geburt?

Wie viele Frauen im 15. Monat kennst du? Eben. Es ist noch kein Kind drin geblieben. Eine Geburt ist anstrengend, und es kann scheußlich weh tun, aber alle anderen Frauen vor dir haben es auch geschafft. Sogar deine Freundin Petra, die sonst eigentlich auch eher zur wehleidigen Sorte gehört.
Wichtig ist, sich nicht zu starr auf eine bestimmte Art der Geburt einzustellen. Wer offen ist für Abweichungen, wird nicht so leicht enttäuscht. Wie du mit den Wehenschmerzen umgehst, ist nämlich auch eine Frage der Tagesform. Bist du fit und ausgeschlafen, oder hat dich die Sommergrippe der letzten Woche doch ziemlich mitgenommen? Hebammen und Ärzte werden alles tun, dir die nächsten Stunden so angenehm wie möglich zu machen. Mit klugen Tipps und Beistand, der Mut macht. Mit alternativer Medizin wie Homöopathie, Aromatherapie oder Akupunktur. Mit verschiedenen Schmerzmitteln, allen voran der PDA. Es geht nicht darum, dogmatisch zu sein ("Nur eine natürliche Geburt ist eine gute Geburt!"), sondern darum, herauszufinden, was du jetzt wirklich brauchst. Wichtig: Bis eine PDA gesetzt ist und wirkt, vergeht mindestens eine halbe bis dreiviertel Stunde. Wenn die Hebamme davon überzeugt ist, dass dein Baby schneller auf die Welt kommt, als die Betäubung wirkt, wird sie dir das höchstwahrscheinlich sagen – oder diplomatisch vorgehen: Blut abnehmen und die Werte kontrollieren, dich an den Infusionstropf anschließen und dann gemeinsam mit dem überflüssigen Anästhesisten dein Kind begrüßen.

Keine Ahnung, welche die ideale Geburtsposition für mich ist – muss ich sie selbst auswählen?

Du musst nicht, aber du darfst. Fast alle modernen Geburtskliniken sind heute mit den entsprechenden Hilfsmitteln ausgestattet: einem breiten Bett, auf dem du auch zusammen mit dem Partner liegen kannst, Gebärhocker, Petzibällen, Seilen, Sprossenwänden, vielleicht sogar einer großen Badewanne zum Entspannen. Du allein entscheidest, wie dein Baby auf die Welt kommt. So viel zur Theorie. Praktisch ist eine Geburt ein Ereignis, das man sich nur schwer vorstellen kann und das sich überhaupt nicht planen lässt – vor allem nicht beim ersten Kind. Was die Sache noch ein bisschen schwieriger macht: Die ideale Geburtsposition gibt es nicht. Und auch wenn du den Gebärhocker im Vorbereitungskurs noch so großartig fandest, kann es sein, dass dich im Ernstfall Geburt keine zehn Pferde auf dieses Teil bringt. Vielleicht willst du jetzt doch lieber liegen, oder du kannst die Wehen beim Gehen besser aushalten. Du hast keine Generalprobe, das ist schade, aber eine Expertin, die dir helfen kann, die Richtung zu finden. Hebammen können von außen oft genauer erkennen, was der Frau, dem Baby, der Geburt jetzt gut tut, um besser voranzukommen.

Was passiert, wenn mir die Fruchtblase mitten im Supermarkt platzt?

Einen Blasensprung kann man weder voraussagen noch aufhalten. Allerdings ist er vor der Käsetheke relativ selten: Weil nur jede zehnte Geburt mit einem Blasensprung beginnt und die meisten Hochschwangeren keine Lust auf Shopping haben. Spektakulär ist, wenn das Fruchtwasser in einem Schwall abgeht. Je nachdem, wo die Fruchtblase reißt (weiter oben oder unten) und wie fest das Babyköpfchen im Becken sitzt, kann das Fruchtwasser auch nur tröpfeln. Dann stellt sich eher die Frage: Ist das jetzt ein Blasensprung (lässt sich mit Lackmuspapier aus der Apotheke klären)? Eine geplatzte Fruchtblase bedeutet: Es wird Zeit für die Klinik oder den Anruf bei der Hebamme. Vorsicht ist geboten, wenn das Köpfchen des Babys den Ausgang zum Muttermund nicht richtig abdichtet (kontrolliert der Frauenarzt bei den Vorsorgeuntersuchungen). Dann kann die Nabelschnur eingeklemmt werden. In diesem Fall: auf den Rücken legen, zwei Kissen unter den Po schieben und einen Krankenwagen rufen, damit du liegend transportiert wirst. Vor der Käsetheke: Ab in den Vierfüßlerstand. Peinlich? Versprochen: Nach einem Blasensprung sind dir solche Etikette-Feinheiten egal.

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Ist auch garantiert zu jeder Tages- und Nachtzeit ein Kreißzimmer für mich frei?

Logisch, dass du es am liebsten schriftlich hättest: Wenn dein Kind auf die Welt kommt, steht der wunderschöne Kreißsaal mit Blick auf den Garten zur Verfügung. Und die Badewanne. Nur kann dir das leider niemand garantieren. Wenn eine Klinik fünf Kreißsäle hat, wird ziemlich sicher einer frei sein, auch bei dreien sind die Chancen gut. Rein rechnerisch. Außer, es kommen sechs Schwangere mit Wehen gleichzeitig. Angst, dass man das Baby auf dem Flur kriegen muss, braucht trotzdem niemand zu haben. Ein freies Bett ist im Krankenhaus nie ein Problem, und ein leeres Zimmer findet sich im Zweifelsfall auch. Keine Panik: Ärzte und Hebammen werden alles tun, dass du trotzdem eine schöne Geburt hast.

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Und was, wenn es das Kind so eilig hat, dass es im Auto auf die Welt kommt?

Dann bist du ein Opfer der Statistik. Schließlich erblickt im Schnitt nur eines von 160 000 Babys in Deutschland das Licht der Welt im fahrbaren Untersatz. Ein Drama ist die Geburt im Auto nicht – es ist höchstens ein bisschen eng und unbequem. Gut zu wissen: Zur Erstversorgung des neuen Erdenbürgers brauchst du weder warmes Wasser noch eine Schere für die Nabelschnur, all das lässt sich auf später verschieben. Wichtig ist lediglich, dass das Baby nach der Geburt warm eingepackt auf Mamas Bauch oder Busen liegen darf.

Woran merke ich, dass es jetzt tatsächlich losgeht, mit der Geburt?

Übungswehen hat man schließlich schon eine ganze Weile vorher, viele Frauen, ohne sie groß zu spüren. Die Geburt deines Kindes wirst du trotzdem nicht verbummeln. Der Unterschied zwischen einer Vor- und einer Geburtswehe ist etwa so groß wie zwischen einem Radausflug zum Baggersee und der Tour de France. Gewissheit bringt der Test in der Wanne. Verschwinden die Wehen im Wasser, heißt das: Fehlalarm! Werden sie stärker, muss man sie ernst nehmen. Zeit für die Klinik wird es, wenn die Wehen alle fünf bis zehn Minuten kommen – oder wenn du dich sicherer und wohler fühlst, wenn Profis in der Nähe sind.
Geburtsbeginn - geht es jetzt los?

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Das Baby schiebt sich auf die Welt. Und was ist mit dem Inhalt meines Darms?

Den schiebt das Baby vor sich her. Klingt peinlicher, als es ist, denn für Hebammen gehört Stuhlgang im Kreißsaal zum Berufsrisiko wie der Geschäftsbrief für die Sekretärin. Um "es" trotzdem zu vermeiden, wurde früher vor der Geburt routinemäßig ein Einlauf gemacht, entweder durch eine Darmspülung mit lauwarmem Wasser oder ein Klistier. Heute überlässt man die Entscheidung den Frauen. Sinnvoll ist der Einlauf vor allem dann, wenn der Darm sehr voll und verstopft ist (das können Hebammen tasten). Denn alles, was in Mamas Unterleib Platz braucht, macht dem Baby den Weg nach draußen schwerer. Weitere Indikation für den Einlauf: Wenn es dir sehr peinlich ist, deine Darmfunktion während der Presswehen nicht im Griff zu haben (hast du nicht!). Die Geburt geht schleppender voran, wenn man nicht loslassen und pressen kann, weil die Angst vor einem Malheur zu groß ist. Wie unangenehm so ein Einlauf ist, ist Ansichtssache: Es fühlt sich im Prinzip genauso an wie ein normaler Durchfall – nur eben mit Wehen. Apropos Durchfall: Etwa 20 Prozent aller Frauen haben einen, bevor es losgeht mit der Geburt. Womit sich die Sache mit dem vollen Darm von allein erledigt.

Was passiert, wenn ich eine grässliche Zimmergenossin kriege?

Keine Frage, es ist eine dumme Situation: Die ersten Stunden, Tage nach der Geburt sind besonders intime Momente – und die sollst du dann mit einer wildfremden Person teilen. Ein Einzelzimmer scheint die Lösung, aber das ist (selbst wenn du privat versichert bist oder bereit wärst, kräftig zuzuzahlen) nur dann möglich, wenn auch tatsächlich eines frei ist. Deshalb versuchen die meisten Kliniken, Frauen zusammenzulegen, die passen (ähnlicher Bildungsstand, gleiche Nationalität). Das kann funktionieren (und aus dem geteilten Wochenbett wird eine Freundschaft fürs Leben), muss aber nicht. Du kannst versuchen, der unangenehmen Nachbarin (die dich vermutlich auch nicht mag) auszuweichen, indem du dich ins Stillzimmer oder in den Aufenthaltsraum zurückziehst. Oder du packst dein Baby und gehst nach Hause. Das ist nämlich fast immer problemlos möglich.

Kann mich jeder hören, wenn ich im Kreißsaal schreie?

Eine ehrliche Antwort? Ja. Zwar sind Wände und Türen in den meisten Kreißsälen relativ dick, aber wenn sich eine Gebärende kurz vor dem Finale die Seele aus dem Leib stöhnt und schreit, hilft der beste Schallschutz nichts. Es gibt Frauen, die während der Geburt fluchen wie Pferdekutscher, andere bejammern das Elend dieser Erde und gar nicht so selten wird nach den Menschen gerufen, die schon immer für Pflaster und Tränen zuständig waren – den eigenen Eltern. Tröstlich: Das Personal im Krankenhaus ist es gewohnt, dass Frauen während der Geburt die Contenance verlieren; und bei der Schicksalsgenossin im Nebenzimmer kannst du ebenfalls mit Verständnis rechnen. Einzig die Männer sind mitunter überrascht, wie laut eine Geburt sein kann. Keine gute Idee: der Lust am Schreien und Stöhnen nicht nachzugeben. Wer den Mund aufmacht und rauslässt, was da an Zorn und Tönen raus will, öffnet sich damit in jeder Beziehung.