Geburtssituation
 
Krise im Kreißsaal: Wo bringe ich mein Kind zur Welt?

Schwangere, die unter Wehen von Kliniken abgewiesen werden, weil die Kreißsäle überfüllt sind. Hebammen, die von einer Frau zur nächsten rennen. Immer mehr Geburtsstationen, die schließen. Zuwendung für Mutter und Kind? Nicht mehr so einfach zu bekommen. Wir wollten wissen, woher die „Kreißsaal-Krise“ rührt und wohin sie wohl noch führen wird.

Artikelinhalt
Mutter mit Neugeborenen
iStock, oceandigital

Die Geburtenrate steigt. Eine positive Nachricht, eigentlich. Vielerorts herrscht aber Hebammenmangel und viele Kreißsäle schließen. Das hat unmittelbare Folgen für Schwangere, die gerne in der Klinik entbinden wollen. Die Geburt im Kreißsaal der eigenen Wahl ist nicht mehr überall gewährleistet. Warum die Geburtshilfe in Deutschland in einer Krise steckt und welche Konsequenzen diese hat, erfährst Du im Folgenden:
 

Die Geburt - ein teures Unterfangen für die freiberuflichen Hebammen

Woher rührt die Unterversorgung? Einer der Hauptgründe sind die schlechten Arbeitsbedingungen der freiberuflichen Hebammen. Sie machen rund 80 Prozent der in Deutschland tätigen Hebammen aus. Viele von ihnen arbeiten als sogenannte Beleghebammen in den Kliniken und sind an rund 20 Prozent aller Geburten beteiligt (im Schichtsystem und in Eins-zu-Eins-Betreuung). Für die Geburtshäuser sind sie günstiges Personal, denn Beleghebammen rechnen ihre Leistung mit der Krankenkasse direkt ab. Aber sie kämpfen mit schwierigen Bedingungen:

  • Falls bei der Geburt etwas schief gehen sollte, müssen sie haften. Die freiberuflichen Hebammen erwartet eine satte Berufshaftpflichtversicherungsprämie von etwa 7.600 Euro ab Juli 2017, wenn sie direkt bei der Entbindung helfen. Ein teures Unterfangen, auf das sich immer weniger von ihnen einlassen wollen und können.
  • Vor allem weil sie ohnehin schon schlecht vergütet werden (im Schnitt erhalten sie weniger als 10 Euro netto pro Stunde) und dabei ein viel zu hohes Arbeitspensum bewältigen müssen. Zwar können sie Anspruch auf ein Zuschlag zur Zahlung der Haftpflichtversicherung erhalten, allerdings ist dieser an Bedingungen geknüpft, die viele von ihnen nicht eingehen wollen (unter anderem ist eine Mindestanzahl an Geburten pro Jahr vorgeschrieben).
  • Zu all dem kommen jetzt auch noch neue Forderungen vom Verband der Krankenkassen auf die Beleghebammen zu. Diese könnten, sofern sie durchgesetzt werden, das Aus für das Belegsystem bedeuten und die Geburtssituation in Deutschland weiter verschärfen.

So gerät der Hebammen-Beruf immer weiter ins Abseits. Die Bewerberzahlen sinken zunehmend. Parallel gehen in den nächsten Jahren viele Geburtshelfer in Rente. Und die Zahl derer, die tatsächlich noch Geburtshilfe leisten wollen, gehen immer weiter zurück. Viele Hebammen möchten sich auf Geburtsvorbereitung und die Wochenbettbetreuung konzentrieren. Das alles sind keine guten Aussichten für die Kreißsäle.
 

Die Geburtsstationen und die Frage der Rentabilität

Die Geburtsstationen stehen selbst unter enormen finanziellen Druck. Immer wieder müssen sie sich die Frage stellen: Sind wir rentabel? Das Korsett ist eng geschnürt: Nur viele Geburten und möglichst wenig Personalkosten können ihre Existenz sichern. So laufen oftmals drei bis vier Geburten gleichzeitig im Kreißsaal ab – mit nur einer Hebamme. Dass immer weniger von ihnen dazu bereit sind, ist nur zu gut verständlich. Das Ideal einer Eins-zu-Betreuung, das in Ländern wie Großbritannien oder Norwegen tatsächlich praktiziert wird, ist hierzulande in weite Ferne gerückt. Zwar ist die Zahl der fest angestellten Hebammen in Kliniken in den letzten Jahren gestiegen, allerdings arbeiten etwa drei Viertel von ihnen in Teilzeit. Die kleinen Geburtsstationen können sich nicht genügend fest angestellte Kräfte leisten. Und die, die gerne welche einstellen würden, finden keine. So mussten in den letzten Jahren viele kleine Geburtsstationen sich dem wirtschaftlichen Druck ergeben - und weitere werden folgen. Das wiederum erhöht den Druck auf die Geburtsstationen in den Ballungsräumen, die jetzt auch vermehrt über Engpässe klagen.  
 

Die Folgen? Die bekommen jetzt immer mehr werdende Mütter direkt zu spüren

Frau vor Entbindung im Klinikzimmer
iStock, RyanJLane

Schwangere müssen lange suchen, um eine betreuende Hebamme zu finden. Sie müssen lange Anfahrten zum nächsten Kreißsaal in Kauf nehmen. In den Großstädten häufen sich die Fälle, in denen Mütter kurz vor der Entbindung noch abgewiesen werden, weil schlichtweg alle Plätze belegt sind oder das Personal nicht ausreicht. Und diejenigen, die Ihr Baby im Wunsch-Kreißsaal bekommen? Sie müssen davon ausgehen, die Aufmerksamkeit der Hebamme mit zwei bis drei weiteren entbindenden Frauen zu teilen. Kein Wunder, dass immer mehr besorgte Stimmen laut werden und sich werdende Mütter zu Recht fragen, ob die Gesundheit von Mama und Baby auch wirklich in guten Händen ist. "Geburtshilfe darf nicht nur unter ökonomischen Gesichtspunkten geplant werden, denn jede Geburt braucht Zeit und  individuelle Begleitung“, betont Martina Klenk, Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes in einer Pressemitteiliung zum Internationalen Hebammentag.

Werden Frauen unter Wehen abgewiesen, wenn der Kreißsaal voll belegt ist?

"Wir weisen eine Frau nur dann ab, wenn wir zu hundert Prozent sicher sind, dass wir sie und ihr Kind nicht in Gefahr bringen – also zu einem Zeitpunkt der Geburt, der es definitiv noch zulässt. Damit diese Fälle gering bleiben, gibt es Tage, an denen wir die Klinik für Krankentransporte von Patientinnen mit Frühgeburten sperren. Für diese sind dann andere Kliniken in der Umgebung zuständig. Das passiert wirklich nur dann, wenn wir ohnehin schon viele Geburten haben und unsere Kapazität für kritische Fälle nicht ausreicht. Im Übrigen müssen wir diese Entscheidung sehr genau bei der Gesundheitsbehörde begründen", erzählte uns Dr. Holger Maul, ehemals Leiter der Geburtshilfe am Marienkrankenhaus in Hamburg. "Wenn der Muttermund bereits mehrere Zentimeter geöffnet ist und es die Verfassung der Gebärenden nicht mehr zulässt, sie in eine andere Klinik zu verlegen, dann liegt es an uns, die Rahmenbedingungen für eine Geburt - trotz eines voll belegten Kreißsaals – bestmöglich zu schaffen. Dann kommt es schon vor, dass wir in ein normales Klinik- oder Untersuchungszimmer ausweichen müssen. Das ist ja auch nicht weiter tragisch, denn eine Geburt kann mit dem nötigen medizinischen Equipment und professioneller Betreuung genauso gut außerhalb des eigentlichen Kreißsaals stattfinden", so der Chefarzt weiter.

 

Wohin wird das alles führen?

Was bei all der Ungewissheit bleibt: Frauen haben „während der Schwangerschaft, bei und nach der Entbindung Anspruch auf ärztliche Betreuung sowie auf Hebammenhilfe einschließlich der Untersuchungen zur Feststellung der Schwangerschaft und zur Schwangerenvorsorge”, SGB V, Art. 1, § 24d, Ärztliche Betreuung und Hebammenhilfe.
 
Aber wie wird diese in Zukunft aussehen? Wird die Geburt in ein paar Jahren eine rein medizinische Angelegenheit, in der Hebammen keine Rolle mehr spielen? Werden Frauen sich verstärkt für Alleingeburten entscheiden?

"Die Situation, wie sie zurzeit ist, ist wirklich unbefriedigend, sowohl für mich als Hebamme als auch für die betroffenen Frauen. Ich kann dann auch verstehen, wenn die begleitenden Männer teilweise durchdrehen. Solange die Vergütung für den Hebammen-Beruf weiterhin so schlecht bleibt und das Arbeitspensum so hoch, wird sich die Lage nicht entspannen können. Wir Hebammen sind einfach am Limit! Das zeigt sich auch an den vielen Burnout-Fällen. Und wenn dann auch noch das Belegsystem abgeschafft wird, wonach es zurzeit aussieht, dann wäre das eine echte Katastrophe", resümiert Hebamme Kathrin Vogg vom Klinikum rechts der Isar in München, wo derzeit zwar kein Personalmangel herrscht, aber die Angst vor der Schließung weiterer kleinerer Kliniken natürlich da ist. "Alles, was ich jetzt den Schwangeren raten kann: Bitte auf jeden Fall im Krankenhaus Eurer Wahl rechtzeitig anmelden, aber bitte nicht gleich in mehreren, weil das erleichtert es uns in der Planung auch nicht. Bitte wirklich nur dort, wo Ihr auch tatsächlich gebären wollt."

 

Mehr Informationen zum Thema

Landkarte Unterversorgung
Deutscher Hebammenverband

Weitere Hintergründe zum Thema und neueste Entwicklungen kannst Du den Seiten des Deutschen Hebammenverbands und des Vereins Motherhood entnehmen. Sie bieten auch Möglichkeiten, sich für die Hebammenarbeit und eine selbstbestimmte Geburt stark zu machen und aktiv zu werden. 

Die Landkarte der Unterversorgung und die Landkarte der Kreißsaalschließung auf der Homepage des Deutschen Hebammenverbands zeigen genau, in welchen Gebieten Deutschlands keine Hebammen mehr zu finden sind, beziehungsweise wo Kreißsäle schließen. Das sind nicht gerade wenig - und viele weitere Einträge werden sicher noch hinzukommen.