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Geburtssituation Krise im Kreißsaal: Wo bringe ich mein Kind zur Welt?

Geburtssituation: Junge Mama hält ihr kleines Baby auf dem Arm
© kieferpix / Adobe Stock
Schwangere, die unter Wehen von Kliniken abgewiesen werden, weil die Kreißsäle überfüllt sind. Hebammen, die von einer Frau zur nächsten rennen. Immer mehr Geburtsstationen, die schließen. Zuwendung für Mutter und Kind? Nicht mehr so einfach zu bekommen. Wir wollten wissen, woher die „Kreißsaal-Krise“ rührt und wohin sie wohl noch führen wird.

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Die Geburtenrate steigt. 2021 waren es laut dem Statistischen Bundesamt 795.500 Babys in Deutschland und damit 2,9 Prozent mehr als im Vorjahr. Eine positive Nachricht, eigentlich. Vielerorts herrscht aber Hebammenmangel und viele Kreißsäle schließen oder haben zu wenig Personal. Je nach Region finden zwischen 10 und 50 Prozent der Schwangeren nach Angaben des Vereins Mother Hood e.V. keine Hebamme für die Schwangerschaftsvorsorge und/ oder das Wochenbett. Das hat unmittelbare Folgen für Schwangere, die in der Klinik entbinden wollen. Laut dem Deutschen Hebammenverband finden 98 Prozent der Entbindungen dort statt (Stand: 2022). Die Geburt im Kreißsaal der eigenen Wahl ist aber nicht mehr überall gewährleistet. Warum die Geburtshilfe in Deutschland in einer Krise steckt und welche Konsequenzen diese hat, erfährst du im Folgenden:

Die Geburt – ein teures Unterfangen für die freiberuflichen Hebammen

Woher rührt die Unterversorgung? Einer der Hauptgründe sind die schlechten Arbeitsbedingungen der freiberuflichen Hebammen. Bei einer Umfrage zum Welt-Hebammentag 2022 gaben 2.700 von 3.500 befragten Hebammen an, dass sie sofort wieder im Kreißsaal arbeiten würden, wenn sich die Arbeitsbedingungen verbessern würden. "Menschwerden muss in Deutschland unter menschlichen und höchsten Standards möglich sein. Denn schließlich ist es nicht egal, wie wir geboren werden", so DHV-Präsidentin Ulrike Geppert-Orthofer. Außerdem arbeiten 70 Prozent der Hebammen heute nur noch in Teilzeit, einige haben ihren Job komplett aufgegeben – das führt zu weiteren Engpässen bei der Betreuung.

"Gebärende sind heute überfüllten Kreißsälen ausgesetzt, werden weggeschickt und stark verunsichert, weil sie nicht wissen, wo und unter welchen Bedingungen sie ihr Kind auf die Welt bringen können. Zugleich werden Hebammen genötigt, in Stoßzeiten bis zu vier Gebärende gleichzeitig zu betreuen, doppelt so viele wie in anderen europäischen Ländern.", so Geppert-Orthofer weiter. "Ein Skandal und einem Land wie unserem unwürdig."

Nach Angaben des Krankenhaus Barometers 2020 sind in 51 Prozent der Krankenhäuser sogenannte Beleghebammen tätig. Für die Kliniken sind sie günstiges Personal, denn Beleghebammen rechnen ihre Leistung mit der Krankenkasse direkt ab. Aber sie kämpfen mit schwierigen Bedingungen: Die freiberuflichen Hebammen erwartet eine satte Berufshaftpflichtversicherungsprämie, zuletzt waren es im Jahr 2020 Kosten in Höhe von 9.098 Euro jährlich, wenn sie Geburtshilfe ausüben möchten. Ab dem 1. Juli 2021 erhöhte sich die Summe laut DHV sogar auf 10462,20 Euro. Dabei sei es egal, ob die Hebamme als Hausgeburts- oder Geburtshaushebamme nur wenige Geburten im Jahr betreut.  Ein teures Unterfangen, auf das sich immer weniger von ihnen einlassen wollen und können. 

Mutter mit Neugeborenen
© oceandigital / iStock

Nichtsdestotrotz ist in den vergangenen Jahren die Bewerberzahl für das Hebammenstudium gestiegen. Für das Schuljahr 2019/ 2020 waren es 14 Prozent mehr, wie das Statistische Bundesamt mitteilt. Der seit Jahren anhaltende Fachkräftemangel wird dadurch allerdings nicht behoben werden können.

Die Geburtsstationen und die Frage der Rentabilität

Die Geburtsstationen stehen selbst unter enormen finanziellen Druck. Immer wieder müssen sie sich die Frage stellen: Sind wir rentabel? Das Korsett ist eng geschnürt: Nur viele Geburten und möglichst wenig Personalkosten können ihre Existenz sichern. So laufen oftmals drei bis vier Geburten gleichzeitig in der Klinik ab – in etwa 20 Prozent der Fälle mit nur einer Hebamme (DHV, 2021). Dass immer weniger von ihnen dazu bereit sind, ist nur zu gut verständlich.

Das Ideal einer Eins-zu-Eins-Betreuung, das in Ländern wie Großbritannien oder Norwegen tatsächlich praktiziert wird, ist hierzulande in weite Ferne gerückt. Zwar ist die Zahl der fest angestellten Hebammen in Kliniken in den letzten Jahren gestiegen, allerdings arbeiten etwa drei Viertel von ihnen in Teilzeit. Die kleinen Geburtsstationen können sich nicht genügend fest angestellte Kräfte leisten. Und die, die gerne welche einstellen würden, finden oftmals keine. So mussten sich in den vergangenen Jahren viele kleine Geburtsstationen dem wirtschaftlichen Druck ergeben – und weitere werden folgen. Das wiederum erhöht den Druck auf die Geburtsstationen in den Ballungsräumen, die auch vermehrt über Engpässe klagen.

Die Folgen bekommen jetzt immer mehr werdende Mütter direkt zu spüren

Schwangere müssen lange suchen, um eine betreuende Hebamme zu finden. Sie müssen lange Anfahrten zum nächsten Kreißsaal in Kauf nehmen. In den Großstädten häufen sich die Fälle, in denen Mütter kurz vor der Entbindung noch abgewiesen werden, weil schlichtweg alle Plätze belegt sind oder das Personal nicht ausreicht. 

Frau vor Entbindung im Klinikzimmer
© RyanJLane / iStock

Und diejenigen, die Ihr Baby im Wunsch-Kreißsaal bekommen? Sie müssen davon ausgehen, die Aufmerksamkeit der Hebamme mit zwei bis drei weiteren entbindenden Frauen zu teilen. Kein Wunder, dass immer mehr besorgte Stimmen laut werden und sich werdende Mütter zu Recht fragen, ob die Gesundheit von Mama und Baby auch wirklich in guten Händen ist.

Werden Frauen unter Wehen abgewiesen, wenn der Kreißsaal voll belegt ist?

"Wir weisen eine Frau nur dann ab, wenn wir zu hundert Prozent sicher sind, dass wir sie und ihr Kind nicht in Gefahr bringen – also zu einem Zeitpunkt der Geburt, der es definitiv noch zulässt. Damit diese Fälle gering bleiben, gibt es Tage, an denen wir die Klinik für Krankentransporte von Patientinnen mit Frühgeburten sperren. Für diese sind dann andere Kliniken in der Umgebung zuständig. Das passiert wirklich nur dann, wenn wir ohnehin schon viele Geburten haben und unsere Kapazität für kritische Fälle nicht ausreicht. Im Übrigen müssen wir diese Entscheidung sehr genau bei der Gesundheitsbehörde begründen", erzählt uns Dr. Holger Maul schon 2018, ehemals war er der Leiter der Geburtshilfe am Marienkrankenhaus in Hamburg.
"Wenn der Muttermund bereits mehrere Zentimeter geöffnet ist und es die Verfassung der Gebärenden nicht mehr zulässt, sie in eine andere Klinik zu verlegen, dann liegt es an uns, die Rahmenbedingungen für eine Geburt – trotz eines voll belegten Kreißsaals – bestmöglich zu schaffen. Dann kommt es schon vor, dass wir in ein normales Klinik- oder Untersuchungszimmer ausweichen müssen. Das ist ja auch nicht weiter tragisch, denn eine Geburt kann mit dem nötigen medizinischen Equipment und professioneller Betreuung genauso gut außerhalb des eigentlichen Kreißsaals stattfinden", so der Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe weiter.

Wohin wird das alles führen?

Was bei all der Ungewissheit bleibt: Frauen haben „während der Schwangerschaft, bei und nach der Entbindung Anspruch auf ärztliche Betreuung sowie auf Hebammenhilfe einschließlich der Untersuchungen zur Feststellung der Schwangerschaft und zur Schwangerenvorsorge”, SGB V, Art. 1, § 24d, Ärztliche Betreuung und Hebammenhilfe.
 
Aber wie wird diese in Zukunft aussehen? Wird die Geburt in ein paar Jahren eine rein medizinische Angelegenheit, in der Hebammen keine Rolle mehr spielen? Werden Frauen sich verstärkt für Alleingeburten entscheiden, eine Variante, bei der sie auf jegliche Hilfe medizinischer Geburtshelfer:innen verzichten?

"Die Situation, wie sie zurzeit ist, ist wirklich unbefriedigend, sowohl für mich als Hebamme als auch für die betroffenen Frauen. Ich kann dann auch verstehen, wenn die begleitenden Männer teilweise durchdrehen. Solange die Vergütung für den Hebammen-Beruf weiterhin so schlecht bleibt und das Arbeitspensum so hoch, wird sich die Lage nicht entspannen können. Wir Hebammen sind einfach am Limit! Das zeigt sich auch an den vielen Burnout-Fällen. Und wenn dann auch noch das Belegsystem abgeschafft wird, wonach es zurzeit aussieht, dann wäre das eine echte Katastrophe", resümiert Kathrin Vogg, ehemalige Hebamme vom Klinikum rechts der Isar in München.
Denn die Diskussion um neue Forderungen vom Verband der Krankenkassen zu Beleghebammen könnten, sofern durchgesetzt, das Aus für das Belegsystem bedeuten und die Geburtssituation in Deutschland weiter verschärfen. "Alles, was ich jetzt den Schwangeren raten kann: Bitte auf jeden Fall im Krankenhaus Eurer Wahl rechtzeitig anmelden, aber bitte nicht gleich in mehreren, weil das erleichtert es uns in der Planung auch nicht. Bitte wirklich nur dort, wo Ihr auch tatsächlich gebären wollt", so Vogg, heutige Beleghebamme in Friedberg weiter.

Mehr Informationen zum Thema

Weitere Hintergründe zum Thema und neueste Entwicklungen kannst Du den Seiten des Deutschen Hebammenverbands und des Vereins Mother Hood entnehmen. Sie bieten auch Möglichkeiten, sich für die Hebammenarbeit und eine selbstbestimmte Geburt stark zu machen und aktiv zu werden. 

Die Landkarte der Unterversorgung und die Landkarte der Kreißsaalschließung auf der Homepage des Deutschen Hebammenverbands zeigen genau, in welchen Gebieten Deutschlands keine Hebammen zu finden sind, beziehungsweise wo Kreißsäle schließen oder kurzzeitig geschlossen werden mussten. Das sind nicht gerade wenig – und viele weitere Einträge werden sicher noch hinzukommen.

Landkarte Unterversorgung
© Deutscher Hebammenverband

Ralf, die Hebamme

Geburtssituation: Reporter Ralf schaut sich die Situation der Hebammen genauer an.
© RTL

Über ein Jahr lang hat sich Ralf Herrmann mit dem Thema Geburt und Geburtshilfe auseinandergesetzt. Dabei hat er Geburten im Kreißsaal einer Klinik erlebt, war bei Praxiskursen des Hebammen-Studiums dabei und hat eine Schwangere auch ganz persönlich zu Hause begleitet. Ob es der TV-Reporter am Ende tatsächlich schafft, als Hebamme einem Kind auf die Welt zu helfen, seht ihr am 07.07.2022 um 20:15 Uhr bei „Ralf, die Hebamme“ bei RTL.

Verwendete Quellen: Ärzteblatt, Mother Hood e.V., Deutsches Krankenhaus Institut, Statistisches Bundesamt, Bundesgesundheitsministerium, Deutscher Hebammenverband

ELTERN

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