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Lotusgeburt Natürliches Abnabeln: der sanftere Weg?

Baby in gelbem Jäckchen mit Plazentatasche
© Pande / Adobe Stock
Bei der Lotusgeburt bleibt das Baby mit der Plazenta verbunden, bis die Nabelschnur von allein abfällt. Wie das genau funktioniert und welche Vorteile die Befürworter:innen sich davon versprechen.

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Lotusgeburt: Das klingt so schön blumig! Dabei hat sie mit der hübschen Lotusblüte überhaupt nichts zu tun.

Der Name soll vielmehr auf eine Frau namens Claire Lotus Day zurückgehen. Eine US-Amerikanerin, die in den 1970er Jahren bei der Geburt ihres Kindes die Nabelschnur nicht hat durchtrennen lassen – und dies auch publik machte. Erste belegte Hinweise für Lotusgeburten stammen von 2004 aus Australien.

Was ist eine Lotusgeburt?

Kurz gesagt: eine Entbindung ohne aktive Abnabelung. Normalerweise klemmen die Geburtshelfer:innen unmittelbar nach der Geburt die Nabelschnur ab, um sie dann mit einer Schere oder einem Skalpell zu durchtrennen. Wenn er oder sie möchte, übernimmt auch der anwesende Partner oder die Partnerin diese Aufgabe.

Bei der Lotusgeburt findet diese Trennung nicht statt. Stattdessen wird einfach abgewartet, bis sich die Nabelschnur samt Plazenta (Mutterkuchen) von selbst vom Baby löst. Das kann zwischen drei und zehn Tage dauern. So wie nach dem Schnitt der kleine Rest der Nabelschnur schließlich auch austrocknet und abfällt.

Wie läuft eine Lotusgeburt genau ab?

Der Geburtsprozess an sich unterscheidet sich erst einmal nicht von anderen Geburten. Das auf die Welt gebrachte Baby wird allerdings nicht abgenabelt, sondern bleibt über die Nabelschnur mit der Plazenta verbunden. Ist auch die Nachgeburt abgeschlossen, kommt der Mutterkuchen zum Abtropfen in ein Sieb. Später wird er gewaschen und in Mulltücher gewickelt.

Nach 24 Stunden beginnt dann die Konservierung des abgestorbenen Gewebes: Die Plazenta wird dafür dick mit Salz und Kräutern eingerieben und in ein frisches Mulltuch gelegt. Weil in den ersten Tagen immer wieder Flüssigkeit austritt, müssen Tücher, Salz und Kräuter ein- bis zweimal am Tag gewechselt werden.

Damit die austrocknende Plazenta unkompliziert mit dem Baby umhergetragen werden kann, nutzen die Mütter selbstgenähte Plazentataschen, die auch online zu kaufen sind. 

Was soll das bringen?

Befürworter:innen und Frauen, die sich für diese Methode entschieden haben, halten sie im Vergleich mit der üblichen Prozedur, die Nabelschnur durchzuschneiden, für weniger traumatisch für das Kind.

Sie versprechen sich davon folgende Vorteile:

  • Bessere Durchblutung des Neugeborenen
  • Bessere Versorgung mit Eisen und Hämoglobin
  • Geringeres Gelbsucht-Risiko
  • Schnelleres und besseres Abheilen des Nabels
  • Robusteres Immunsystem des Kindes
  • Entspanntere, nicht so gestresste Babys nach der Geburt
  • Bessere Feinmotorik von Lotus-Babys
  • Leichtere Gewichtszunahme
  • Engere Bindung zum Kind

Welche Risiken oder Nachteile birgt eine Lotusgeburt?

Viele Ärztinnen und Ärzte sowie Kliniken, die von der Methode abraten und sie daher nicht durchführen, warnen vor der erhöhten Infektionsgefahr, die das tote Gewebe des Mutterkuchens für das Neugeborene darstellt – vor allem bei nicht sachgemäßer Anwendung:

  • Wird die Plazenta nicht ausreichend getrocknet und konserviert, könnten sich Fäulniskeime, Bakterien und Viren auf das Baby übertragen.
  • Bei jeder Positionsveränderung, sei es beim Wickeln, Tragen oder Füttern, kann ein zu starkes Ziehen außerdem zu Verletzungen am Nabel führen.
  • Stammzellen aus dem Nabelschnurblut lassen sich bei einer Lotusgeburt nicht entnehmen.

Was sagt die Wissenschaft dazu?

Dass sie bislang kaum etwas dazu sagen kann! Es existieren weltweit bis heute keine Studien, die Lotusgeburten nach wissenschaftlichen Standards mit der üblichen Entbindungsmethode inklusive aktiver Abnabelung vergleichen.

Eine Untersuchung vom Australian College of Midwives begleitete 2017 drei Lotusgeburten, die University of Michigan zusammen mit dem C.S. Mott Children's Hospital in Ann Arbor/USA zwischen 2014 und 2017 insgesamt sechs Lotusgeburten. Alle liefen komplikationslos ab. Es kam zu keinen Infektionen und die Mehrzahl der Mütter sagten aus, sie würden sich im Falle einer weiteren Schwangerschaft wieder für die Lotusgeburt entscheiden. Doch die extrem geringe Anzahl der beobachteten Fälle hat nur sehr wenig Aussagekraft. Es ist in jedem Fall noch weitaus mehr Forschungsarbeit nötig, um wirklich belastbare Bewertungen dazu abgeben zu können.

Forschende in Italien kommen mit ihrer Untersuchung der derzeitigen Sachlage jedenfalls zu dem Schluss: "Die Praxis der Lotusgeburt ist aus wissenschaftlicher sowie aus logisch-rationaler Sicht nicht ratsam". Auch staatliche Gesundheitsstellen in Australien stellen fest, dass sie die Lotusgeburt wegen fehlender empirischer Daten nicht empfehlen können. Zugleich fordern sie, dass Frauen, die sich für dieses Geburtsritual entschieden haben, bestmögliche und fachkundige ärztliche Beratung und Begleitung erfahren sollen.

Es gibt jedoch auch Kliniken, die mit ihren speziell ausgestatteten Stationen regelrecht um werdende Eltern werben, wie zum Beispiel das Lotus Birth Center am Royal London Hospital in England. 

Vom Deutschen Hebammenverband e. V. wiederum heißt es, Hebammen "müssen sich an evidenzbasiertes Wissen und die Empfehlungen der Fachgesellschaften halten." Das bedeutet: "Sie sind als Leistungserbringerin zur umfänglichen Aufklärung verpflichtet, damit Frauen befähigt sind, informiert Entscheidungen zu treffen. Im Falle von sog. „Lotusgeburten“ ist es daher besonders wichtig, über das bestehende Infektionsrisiko aufzuklären (insbesondere wenn die Überwachung durch die Hebamme nicht kontinuierlich über 24 Std. erfolgen kann)." 

Verzögertes Abnabeln – ein guter Kompromiss?

Viele halten die Lotusgeburt für esoterischen Humbug. Schließlich findet nach dem Auspulsieren der Nabelschnur keinerlei Blut- und Nährstoffaustausch über die Nabelschnur mehr statt. Ein späteres Durchtrennen der Nabelschnur hingegen – und zwar um bis zu drei Minuten – bringt dem Kind tatsächlich gesundheitliche Vorteile, darüber herrscht auch in medizinischen Fachkreisen Einigkeit. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt in einer Richtlinie seit 2014 daher das verzögerte Abnabeln für Neugeborene wie auch für Frühgeborene, die selbstständig atmen.

Dazu muss man wissen, dass es fürs Abnabeln unterschiedliche Zeitpunkte gibt:

  • Sofortabnabelung: unmittelbar nach der Geburt
  • Frühabnabelung: etwa 1,5 bis 2 Minuten nach der Geburt
  • Spätabnabelung: erst nach dem vollständigen Auspulsieren der Nabelschnur, das heißt, bis kein Blut aus der Plazenta mehr in der Nabelschnur fließt ("pulsiert").

Während bei der Sofortabnabelung eine größere Menge Blut in der Nabelschnur zurückbleibt und sich die kindlichen Eisenspeicher daher nicht optimal füllen, bedeutet eine verzögerte Abnabelung praktisch eine Bluttransfusion direkt aus der Plazenta. Nicht nur das Blutvolumen, auch der Ferritinspiegel (Depot-Eisen) ist bei später abgenabelten Kindern um gut ein Drittel höher als bei sofort abgenabelten, was einer Anämie in den ersten Lebensmonaten vorbeugt und eine optimale neurologische und kognitive Entwicklung ermöglicht.

Die gute Eisenversorgung scheint laut einer schwedischen Studie für verbesserte feinmotorischen Fähigkeiten und eine höheren Sozialkompetenz dieser Kindern verantwortlich zu sein. Für diesen Effekt braucht es aber keine Lotusgeburt, da reichen bereits ein paar Minuten Wartezeit vorm Abnabeln.

Du möchtest einen Rat?

Hast du dich für eine Lotusgeburt entschieden, besprich unbedingt rechtzeitig mit deiner Hebamme, ob sie dich dabei begleiten wird. Denn eine gute Betreuung, gerade auch nach der Geburt, und Hilfe im Umgang mit der am Baby hängenden Plazenta sind enorm wichtig. Übrigens: Hier verrät Hebamme Jana Friedrich 10 wertvolle Tipps zur Geburt. Und begib dich auf die Suche nach einem Geburtshaus oder einer Klinik, die dieser Methode offen gegenübersteht.

Zum Termin bringst du dann am besten gleich ein passendes Sieb, Gefäß und eine Tasche für die Plazenta mit.

Quellen:

ELTERN

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