Nabelschnurblut spenden
 
Sind die Hoffnungen berechtigt?

Nabelschnurblut spenden oder einlagern - viele Eltern hoffen, dadurch ihren Kindern oder anderen Menschen helfen zu können, falls diese einmal krank werden. Denn die im Nabelschnurblut enthaltenen Stammzellen gelten manchen Medizinern als wahre Alleskönner. Zu Recht? Eltern.de klärt auf.

Nabelschnurblut spenden oder einlagern - eine schwere Entscheidung!

Nabelschnurblut spenden: Sind die Hoffnungen berechtigt?

Stammzellen aus der Nabelschnur seien Lebensretter, Wunderheiler, Jungbrunnen für das Alter - so oder ähnlich klingt Werbung privater Nabelschnurbanken. Deshalb sollten Eltern das Blut aus der Nabelschnur nach der Geburt für ihr Kind einfrieren lassen. "Immer mehr fürsorgliche und aufgeklärte Eltern nutzen diese Chance", heißt es etwa in einer Broschüre eines privaten Anbieters.

Umsonst ist diese "Fürsorglichkeit" allerdings nicht. Durchschnittlich etwa 2.000 Euro kostet das Lagern des Blutes für die ersten 20 Jahre. Ganz schön viel Geld - zumal für viele Eltern eh' schon teure Anschaffungen wie Kinderwagen, Wickeltisch oder auch ein größeres Auto anstehen, wenn das Baby kommt. Die Angebote der privaten Blutbanken sind daher umstritten. Die Einen sprechen von einer Art "biologischen Lebensversicherung", die Anderen von einem "Geschäft mit der Angst".

Daneben gibt es auch die Möglichkeit, das Nabelschnurblut des eigenen Kindes zu spenden, damit es vielleicht anderen Menschen hilft.

Viele Eltern geraten deshalb ins Grübeln: Sollen Sie das Nabelschnurblut spenden oder einlagern? Sind das nicht eher vage Hoffnungen, die auf die Stammzellen gesetzt werden? Oder vergibt man eventuell leichtfertig eine Chance, dem eigenen Kind oder andereren Kranken zu helfen? Wir haben die wichtigsten Fakten zusammengetragen - klicken Sie einfach den jeweiligen Link:

Warum sind die Stammzellen aus dem Nabelschnurblut so besonders?

Stammzellen sind sozusagen die Zellfabrikanten unseres Körpers. Wenn sie sich teilen, bilden sie jeweils eine neue Stammzelle und eine andere, weiter entwickelte Zelle. Sie befinden sich zum Beispiel im Knochenmark. Im Körper von Ungeborenen wandern die blutbildenden Stammzellen am Ende der Schwangerschaft durch das Blut aus der Leber in das Knochenmark. Daher enthält auch die Nabelschnur besonders viele der wertvollen Zellen, von denen einige nach dem Abnabeln in der Nabelschnur zurückbleiben.

Weil sie noch sehr jung sind, sind Nabelschnurstammzellen für Medizin und Forschung besonders wertvoll: Sie sind besser verträglich und können viele verschiedene Zellarten bilden. Sie werden außerdem risikolos für Kind und Mutter direkt nach der Geburt entnommen, mithilfe von flüssigem Stickstoff eingefroren und sind dann bei Bedarf jederzeit verfügbar.

Wie kann ich Nabelschnurblut spenden oder einlagern?

Neben der Möglichkeit, das Blut für einen eventuellen Eigenbedarf einfrieren zu lassen, können Eltern das Blut auch - für sie kostenfrei - an öffentliche Blutbanken spenden. Dort steht es dann der Allgemeinheit zur Verfügung.

Aber: Während es in den meisten Geburtskliniken in Deutschland möglich ist, das Nabelschnurblut bei einer kommerziellen Nabelschnurblutbank einzulagern, bietet schätzungsweise nur etwa jede zweite der rund 900 Geburtskliniken die Möglichkeit, das Blut zu spenden. Der Grund: Den öffentlichen Nabelschnurbanken fehlt schlicht das Geld, um für jede Klinik eine Erlaubnis zu bekommen. Denn das Arzneimittelgesetz stellt hohe Anforderungen an die Entnahme, die Herstellung und den Transport der Zellen.

Mittlerweile kooperieren einige öffentliche und private Nabelschnurblutanken miteinander, um ihre Leistungen flächendeckender anbieten zu können - so zum Beispiel Vita 34 und die Deutsche Nabelschnurbank NKR. Auch bei einigen Blutbanken ist eine kombinierte Lösung möglich. Das heißt, Eltern können das Blut für ihr eigenes Kind einlagern und gleichzeitig in ein Spendenregister aufnehmen lassen. Bei Bedarf können sie ihr Einverständnis zu einer Spende geben und bekämen dann die Kosten nachträglich erstattet. Hier würde aber "von den Eltern oder später vielleicht dem Spender selbst kurzfristig eine Entscheidung gefordert, die sie offenbar vorher ohne Zeitdruck nicht treffen konnten oder wollten. Das ist ethisch und organisatorisch nicht akzeptabel", sagt Dr. Carlheinz Müller, ärztlicher Leiter des Zentralen Knochenmarkspender-Registers (ZKRD).

Welche Krankheiten werden mit den Stammzellen aus Nabelschnurblut behandelt?

Mit Stammzellen behandeln Ärzte heute über 70 verschiedene Krankheiten. Zurzeit werden sie fast ausschließlich zur Behandlung von Blutbildungs-Störungen eingesetzt, etwa der Leukämie.

Private Nabelschnurbanken werben aber oft mit zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des Nabelschnurblutes. Die daraus gewonnenen Stammzellen bilden nämlich nicht nur Blutkörperchen, sondern auch andere Gewebearten. Schon heute schaffen Forscher im Labor aus ihnen Herzklappen, Haut, Knochen oder Blutgefäße.

Die kommerziellen Blutbanken sind natürlich interessiert daran, solche Forschungen voran zu bringen - kein Wunder, dass sie klinische Studien über Therapien mit dem eigenen Nabelschnurblut fördern. So läuft in München derzeit eine Studie, in der jugendliche Diabetes-Patienten aus ihrem Nabelschnurblut gewonnene Stammzellen erhalten. Eine ähnliche Untersuchung aus den USA wies allerdings schon 2009 nach, dass sich durch diese Therapie weder Blutzuckerwerte noch Insulinbedarf eindeutig verbesserten.

Überhaupt ist der Weg vom Labor bis zu einer Behandlung von Menschen weit. Und inwieweit die Nabelschnurzellen wirklich für solche Einsätze geeignet sind, ist umstritten. Prof. Dr. Gesine Kögler, Leiterin der öffentlichen Nabelschnurblutbank in Düsseldorf, glaubt beispielsweise nicht daran: "In den tiefgefrorenen Präparaten von Nabelschnurblut haben wir in Düsseldorf bisher nur blutbildende Stammzellen in ausreichend hoher Anzahl nachgewiesen", sagt sie.

Was haben Kritiker eigentlich dagegen, das Nabelschnurblut zu spenden oder einzulagern?

Niemand weiß, wie lange sich die tiefgefrorenen Stammzellen halten

Die deutsche Arbeitsgemeinschaft für Knochenmark- und Blutstammzelltransplantation (DAG-KBT) schreibt in einer Stellungnahme aus dem Jahr 2008: "Die Wahrscheinlichkeit, dass bei einem Kind oder später beim Erwachsenen eigene Nabelschnurstammzellen zur Behandlung von Tumor- oder sonstigen Erkrankungen sinnvoll angewandt werden können, ist extrem gering." Andere europäische oder amerikanische Organisationen äußern sich ähnlich.

Auch die Statistik zeigt: In den vergangenen 20 Jahren haben Ärzte tausende Transplantationen von Nabelschnurblut aus öffentlichen Banken durchgeführt. Im Gegensatz dazu haben nur rund 200 Kinder ihr eigenes Nabelschnurblut bekommen. Das ist noch ein hoch geschätzter Wert - andere Angaben sprechen von höchstens 30 Fällen. Dabei lagern in privaten Blutbanken schätzungsweise etwa fünf Mal so viele Einheiten Nabelschnurblut wie in den öffentlichen.

Eigene Zellen sind nämlich in vielen Fällen nur sehr eingeschränkt für eine Behandlung geeignet, weil sie unter Umständen Spuren einer Krankheit bereits in sich tragen. Das ist zum Beispiel bei bestimmten Formen von Leukämie der Fall. Hier haben fremde Zellen sogar noch einen Vorteil: Sie bekämpfen die nach einer Chemotherapie eventuell im Blut verbliebenen Krebszellen.

Ein weiteres Argument vieler Kritiker: Die Nabelschnur ist keinesfalls die einzige Stammzellenquelle. Schon sehr viel länger gewinnen Ärzte diese Zellen auch aus Knochenmark oder Blut von Erwachsenen. Sollte ein Kind also im Laufe seines Lebens tatsächlich seine eigenen Stammzellen benötigen, könnten die eventuell auch dann noch entnommen werden.

Außerdem weiß niemand genau, wie lange die tiefgefrorenen Stammzellen aus der Nabelschnur sich halten. Viele Forscher gehen zwar davon aus, dass sie auch nach mehreren Jahrzehnten noch verwendet werden können. Das gilt aber nur, wenn keine Temperaturschwankungen, zum Beispiel durch Öffnen der Lagerungstanks, entstehen.

Das eigene Nabelschnurblut kann meinem Kind im schlimmsten Fall also gar nicht helfen?

Eltern, die das Nabelschnurblut spenden, haben später keinen Anspruch darauf!

Kein schöner Gedanke - aber einer, dem Eltern sich stellen sollten. Die deutsche Arbeitsgemeinschaft für Knochenmark- und Blutstammzelltransplantation sagt in ihrer Stellungnahme ganz klar: "Mütter von gesunden Neugeborenen und ihre Familien sollen wissen, dass es nach dem heutigen Stand des Fachwissens kein Versäumnis darstellt, das Nabelschnurblut des Kindes nicht einzufrieren. Wer diese Maßnahme im individuellen Fall durchführen lassen will und sie selbst finanziert, sollte über ihren derzeit spekulativen Charakter sachlich korrekt aufgeklärt sein."

Und auch das ist wichtig zu wissen: Eltern, die das Nabelschnurblut ihres Kindes spenden, haben später keinen Anspruch auf dieses Blut! Sie können zwar bei medizinischer Notwendigkeit ihr Transplantant bei der Spenderbank anfordern - erhalten werden sie es aber nur, wenn es noch verfügbar ist und kein anderer Patient es dringender benötigt.

Außerdem enthält Nabelschnurblut häufig gar nicht genug Stammzellen, um wirksam einen fremden Erwachsenen damit zu behandeln. Öffentliche Blutbanken verwerfen daher das Blut in einem Drittel bis der Hälfte der Fälle oder stellen es der Forschung zur Verfügung.

Zwar werden für eine Therapie des Kindes selbst zwar weniger Zellen benötigt, weil es hier nicht zu einer Abstoßung der Zellen kommt. Ob die eingelagerte Menge jedoch für die Behandlung ausreicht, kann niemand im Voraus sicher sagen.

Andererseits können unter Umständen kranke Geschwister von privat eingelagerten Zellen profitieren. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind die Zellen eines Bruders oder einer Schwester verträgt, liegt bei 1:4. Allerdings bieten auch öffentliche Blutbanken an, das Blut gerichtet zu lagern, also zum Beispiel für ein leukämiekrankes Geschwister - und das für die Eltern kostenfrei.

Wo kann ich das Nabelschnurblut spenden?

Es gibt derzeit sieben öffentliche Nabelschnurbanken:

Wo kann ich das Nabelschnurblut einlagern?

Hier die Adressen der privaten Nabelschnurblutbanken:

Was kostet es, das Nabelschnurblut zu spenden oder einzulagern?

Das Lagern in öffentlichen Nabelschnurbanken ist für Eltern kostenlos. Die Preise der privaten sind unterschiedlich. Im Moment ist das Angebot von Seracell am günstigsten: Das Unternehmen verlangt sechs Euro pro Monat und einmalig 290 Euro zum Zeitpunkt der Geburt. Am anderen Ende der Preisspanne kommen bei einem Zeitraum 25 Jahren rund 3.000 Euro zusammen.

Wo erhalte ich weitere Infos, wenn ich Nabelschnurblut spenden oder einlagern möchte?

Achtung: Wer im Internet unabhängige Informationen sucht, muss aufpassen. Hinter vielen Auftritten verbirgt sich nämlich vor allem eines: Werbung. So behauptet beispielsweise "nabelschnurblut-experten.de" von sich selbst, das Thema von allen Seiten zu beleuchten. Doch tatsächlich finden sich eher einseitige Informationen. Kein Wunder, steckt doch hinter dem Internetauftritt eine private Nabelschnurbank. Wer genau hinschaut stößt am Ende des Impressums auf den Hinweis: "Mit freundlicher Unterstützung von Vita 34".

Ähnlich sieht das bei "nabelschnurblut4you.de" und vielen weiteren Internetseiten aus. Und auch der seriös klingende Verein "Bundesverband für Gesundheitsinformation und Verbraucherschutz - Info Gesundheit e.V. (BGV)" wirbt in seinen angeblich unabhängigen Informationsbroschüren auffällig für Produkte von Pharmaunternehmen - und für Vita 34! Die Stiftung Warentest sagt deshalb über den BGV: "Es deutet einiges darauf hin, dass dies keine neutrale Verbraucherinformation, sondern verkappte PR ist."

Neutrale Informationen finden Interessierte dagegen zum Beispiel bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung