Neu geboren
 
Die erste Stunde nach der Geburt

Ein liebevoller Blick, eine zarte Berührung - es braucht Zeit, bis die Mutter begreift: Das ist mein Baby! Dazu die glücklichste Erschöpfung des Lebens. Wie reagieren Körper und Seele der Frau in den allerersten Minuten als Mutter?

Mutter und Neugeborenes
iStock, mustafagull

Geschafft! Weich und warm und noch nass liegt das Neugeborene auf dem Bauch seiner Mutter. Sein Duft ist wie eine Glückswolke. Und doch: Viele Frauen empfinden in der ersten Stunde mit dem Kind weit weniger Muttergefühle als in der Schwangerschaft. Was sie spüren, ist zuerst einmal nur Erleichterung. Ruhe nach dem aufwühlenden Sturm der Wehen. Euphorie, weil endlich nichts mehr wehtut. Bis das Glück ganz und gar Platz hat, brauchen fast alle Frauen ein bisschen Zeit. Zu viel ist auf sie eingestürzt, was sie erst einmal verkraften müssen. Ganz oft sind es deshalb die Väter, die beim ersten Blick auf das Kind Rührungstränen in den Augen haben. So manche Frau wundert sich, wie nüchtern sie ihr Neugeborenes betrachtet. Alles dran? Wem sieht es ähnlich? Warum sind die Fingernägel so blau?

Noch ist die Geburt nicht zu Ende

Nach der ersten Betrachtung des Kindes fordert wieder der eigene Körper Aufmerksamkeit. Das ist nur zu verständlich, wenn man weiß, was sich jetzt innerhalb von kürzester Zeit verändert:

  • Wird das Baby geboren, ist die Frau sofort um etwa fünf Kilo leichter. Zum Gewicht des Kindes kommt noch Fruchtwasser dazu, das bei der Entbindung abfließt.
  • Wenn sich die Plazenta löst - ungefähr fünf Minuten bis zwei Stunden nach der Geburt - entsteht in der Gebärmutter eine etwa handgroße Wunde. Das weiche Gewebe blutet. Allerdings weit weniger heftig, als viele denken: Es sind nur etwa 300 Milliliter. Eine Blutmenge, die der Körper aus dem Vorrat, den er in der Schwangerschaft geschaffen hat, leicht ausgleichen kann.
  • Die Gebärmutter zieht sich rasch zusammen, wenn sie das Kind freigegeben hat. Sie schrumpft von der Ausdehnung eines Medizinballs auf die Größe einer Honigmelone. Das wirkt wie ein Druckverband auf die offenen Gefäße des Uterus.
  • Die Bänder, die die Gebärmutter halten, sind noch weit gedehnt und schnurren erst allmählich auf die richtige Länge zurück. Deshalb fühlt sich so kurz nach der Geburt innen alles etwas wackelig an.
  • Herz, Leber, Magen, Lunge - bis vor kurzem noch von der prallen Gebärmutter nach oben gedrängt, haben die Organe mit einem Mal wieder viel Raum. Das ist erleichternd, aber noch ein bisschen fremd, als wäre alles nach unten gerutscht.
  • Der Endorphinspiegel bleibt auch nach der Geburt auf schwindelnden Höhen. Endorphine sind Schmerzmittel, die der Körper selbst bildet. Sie machen hellwach.
  • Das Wehenhormon Oxytozin kreist ebenfalls weiter im Blut. Es sorgt für Nachwehen der Gebärmutter, damit sie kleiner wird. Außerdem weckt dieser Stoff Muttergefühle: Er hilft der jungen Mutter, ihr Baby anzunehmen und alle Kräfte zu mobilisieren, um das Kleine zu beschützen.

Einfach nur Ruhe nach der Geburt

Nach einer komplikationsfreien Geburt muss erst mal gar nichts getan werden.

Frauen wünschen sich einfach nur Ruhe, wenn das Baby glücklich auf der Welt ist. Sie empfinden es als äußerst unangenehm, wenn sie auch jetzt noch fremde Hände an sich dulden müssen. Bei etwa 90 von 100 Geburten ist es durchaus möglich, der jungen Familie auch in einem Klinik-Kreißsaal Intimität zu gönnen. Die Hebamme und der Arzt sollten sich zurückziehen. Denn die ersten zärtlichen Worte fürs Baby, die geflüsterten Liebesbotschaften an die junge Mutter, der "Seit-fünf-Minuten-Vater" brauchen keine Zeugen. Getan werden muss nach einer komplikationsfreien Geburt zunächst fast nichts. Das Baby ist bei seinen Eltern am besten aufgehoben - Waschen, Wiegen, Messen, Anziehen haben Zeit. Auch einen Dammriss muss der Arzt nicht sofort nähen. Einzig die Plazenta sollte umgehend, nachdem sie sich gelöst hat, untersucht werden. Die Hebamme kontrolliert, ob der Mutterkuchen vollständig ist, denn Reste, die im Uterus verbleiben, können Nachblutungen verursachen. Viele junge Eltern wundern sich, wie groß die Plazenta ist. "Mir dagegen kommt sie klein vor, wenn ich mir vorstelle, was sie alles leistet", sagt Hebamme Ute Krippner aus Bad Mergentheim, die seit 20 Jahren als Geburtshelferin arbeitet. Der Mutterkuchen wiegt etwa 500 Gramm oder hat meist ziemlich genau ein Sechstel des Geburtsgewichts des Kindes. Er ist weich und glitschig und gleitet ohne Schmerz aus dem Geburtskanal. Wenn die jungen Eltern wollen, dürfen sie die Plazenta betrachten. Oder lieber doch nicht? Dann untersucht die Hebamme das Organ dezent im Hintergrund.

Bei etwa einer von 150 Geburten löst sich die Plazenta nicht von selbst. In diesem Fall muss der Arzt nachhelfen. Er löst sie mit der Hand von der Gebärmutterwand. Für den Eingriff bekommt die Frau eine kurze Vollnarkose, weil im Anschluss immer auch eine Ausschabung nötig ist. Ausschabung heißt: Mit einem Spezialinstrument entfernt der Arzt die Schleimhautauskleidung der Gebärmutter. So ist sicher, dass keine Gebärmutterreste im Uterus verbleiben. Es gibt kein genaues Zeitmaß dafür, wie lang die junge Familie nach der Geburt noch im Kreißsaal bleibt. Rein medizinisch betrachtet, ist die Entbindung abgeschlossen, wenn die Nachgeburt da ist, der Damm versorgt wurde, das Kind seinen ersten Check auf der Welt hinter sich hat. In vielen Entbindungsstationen und in den Geburtshäusern sowieso bestimmen die Eltern, wann sie den Kreißsaal verlassen möchten.

Aufgehoben im Schutzraum Kreisssaal

Der Platz, an dem das Kind geboren wurde, ist ein besonderer. Auch dann, wenn das erste Nest nicht in privater Umgebung ist. Auf der Wochenstation dagegen hat einen die Welt wieder. Dort gehen Besucher ein und aus, Essenswagen klappern, die Zimmernachbarin will begrüßt werden. Im Kreißsaal ist die Familie abgeschirmt. Der junge Vater gehört selbstverständlich dazu. Auf den heute üblichen großen Kreißbetten ist sogar genug Platz, dass auch er sich zur Mutter und zum Baby legen und ein bisschen ruhen kann. Längst hat man in den Krankenhäuser auch verinnerlicht, wie wichtig das erste Anlegen nach der Geburt ist. Zu wünschen wäre nur noch, dass die helfenden Hände zurückhaltender sind. Ein gesundes Baby braucht kaum Unterstützung beim ersten Kontakt mit der Brust seiner Mutter! Abwarten ist deshalb viel besser als zupacken. Denn jedes Baby hat vom ersten Augenblick seines Lebens an seinen eigenen Rhythmus. Manche suchen mit erstaunlicher Zielstrebigkeit rasch die Brust, andere brauchen Zeit, um sich zu akklimatisieren. Dann tut das Kleine durch Saugbewegungen kund, dass es so weit ist. Jetzt umschließt sein Mündchen die Brustwarze, oft finden die Augen des Babys den Blick der Mutter. Spätestens in diesem Moment durchströmt die Mutter ein Glücksgefühl: Beim Stillen ist sie wieder wie eins mit ihrem Baby.

Nähen hat Zeit

War bei der Geburt ein Dammschnitt nötig oder riss das Gewebe ein, muss die Wunde versorgt werden. Allerdings hat das keine Eile. Bei einem kleinen Riss kann man sogar oft ganz aufs Nähen verzichten. Die meisten Frauen können unmittelbar nach der Geburt an dieser Stelle einen zusätzlichen Eingriff schlecht ertragen. Aber etwa eine Stunde später haben sie für den Eingriff wieder Nerven. Die Naht macht meist der Arzt, aber auch die Hebamme darf den Damm versorgen. Damit die Stiche auszuhalten sind, reicht häufig eine Sprühanästhesie, wie man sie beim Zahnarzt vor der Spritze bekommt. Wenn die Frau es aber lieber möchte, ist auch eine umfassendere Betäubung möglich. Der nähende Geburtshelfer sollte genau erklären, was er tut. Viele Frauen wünschen sich eine Verschnaufpause während dieser Prozedur. Sie tut gut – denn nach der Geburt sind die Frauen zwar auf einem seelischen Hoch, körperlich aber ausgepowert. Erzwungenes Stillhalten führt oft zu einem Zittern der Beine, das kaum unter Kontrolle zu bekommen ist.