Postpartale Depression
 
"Aber eigentlich müsste ich doch glücklich sein..."

Die Strapazen der Geburt sind überstanden und die junge Mutter hält ihr Neugeborenes überglücklich im Arm. So stellt man es sich vor. Die Wirklichkeit sieht aber oft ganz anders aus. Statt großer Freude und unermesslichem Glück verspüren viele Frauen nach der Geburt große Angst und Unsicherheit.

Postpartale Depression: "Aber eigentlich müsste ich doch glücklich sein..."

Während der Schwangerschaft hat man Zeit, sich an den Gedanken des Mutterseins zu gewöhnen - denkt man. Und plötzlich ist er da, der Nachwuchs. Mit seiner Ankunft verändert sich alles. Nichts ist mehr, wie es war. "Geht es dem Kind gut? Werde ich alles richtig machen? Wie soll ich das alles schaffen?" Fragen, die verunsichern, Ängste, die beunruhigen. Das kann bis hin zur Abwehrhaltung gegenüber dem Baby gehen.
Viele frisch entbundene Frauen sind alles andere als glücklich über ihre neue Rolle als Mutter. Die Welt steht auf dem Kopf und alles ist grau in grau. Dieses seelische Tief nennt man "Heultage" oder "Baby-Blues".
Wenn Du folgende Fragen mit "ja" beantworten kannst, gehörst Du wahrscheinlich zu den etwa 50 bis 80 Prozent der Mütter, die meist zwischen dem 4. Und 10. Tag nach der Geburt ihres Kindes in dieses emotionale Loch fallen.

  • Bist Du seit der Geburt Deines Kindes äußerst sensibel und leicht reizbar?
  • Fließen häufiger scheinbar grundlos die Tränen?
  • Fühlst Du Dich mit der neuen Situation überfordert?
  • Leidest Du unter Kopfschmerzen und Müdigkeit?

In den ersten Tagen sind Tränen völlig normal

Viele Frauen stellen zu hohe Erwartungen an sich. Sie wollen eine perfekte Mutter sein. Und das sofort. Dieser Druck löst nicht gerechtfertigte Schuldgefühle aus. Es dauert eine gewisse Zeit, sich in die neue Rolle einzuleben und sich mit ihr anzufreunden und die sollte sich jede junge Mutter zugestehen.
Wer unter Babyblues leidet, muss sich dafür nicht schämen. Es ist ein normaler Zustand, und ihn verschweigen zu wollen, schadet eher. Oft hilft es bereits, ganz offen über seine Gefühle zu sprechen: mit dem Partner, mit Freunden oder Frauen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Scheue Dich auch nicht, die betreuende Hebamme oder Arzt um Hilfe zu fragen!
Entlastung ist das A und O", sagt Birgit Rotter, Hebamme in Berlin. "Deswegen besorge ich den Wöchnerinnen eine Haushaltshilfe. Diese muss von der Krankenkasse genehmigt werden, die Vorlage eines Attestes ist erforderlich. Durch die Unterstützung einer Haushaltshilfe kann der Erschöpfungszustand eventuell abgefedert und die Depression gestoppt werden. Ich versuche, den Tag der jungen Mutter anders zu strukturieren: sie soll sich schonen und den Haushalt auch mal Haushalt sein lassen. Wichtig ist die Aufklärung des familiären Umfeldes. Die Familienangehörigen müssen begreifen, dass es sich hier um eine Krankheit handelt, die ernst genommen werden muss."
Die Hebamme hat in der Zeit während und nach der Schwangerschaft gelernt, die Frau einzuschätzen, ihr Verhalten zu deuten. Sie erkennt, wann ihre Hilfe als Hebamme nicht mehr ausreicht und verweist dann auf psychologische Fachdienste: "Beim Psychologischen Dienst in Berlin hat man zum Beispiel die Möglichkeit, mit Fachkräften ein sortierendes Gespräch zu führen, und zwar kostenlos", erläutert Birgit Rotter.

Wann ist es eine Depression?

Bei den meisten betroffenen Frauen klingt der "Baby-Blues" nach einigen Tagen wieder ab. Intensivieren sich aber die Symptome (ausgeprägte depressive Verstimmung, Verlust von Interessen, Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, Ambivalenz gegenüber dem Kind) ist es ganz wichtig, einen Facharzt aufsuchen. Wenn die schlechte Stimmung länger als zwei Wochen anhält, kann sich daraus eine dauerhafte Depression entwickeln.
Wenn die Betroffene den Alltag gar nicht mehr bewältigen kann, werden auch Psychopharmaka verabreicht," berichtet Dr. med. Ralph Kästner von seinen Erfahrungen an der Frauenklinik der LMU München. "Hilfreich ist aber der Austausch mit Gleichgesinnten. Eltern-Kind-Kurse, Erziehungsberatungsstellen oder Krabbelgruppen sind geeignet, um sich mit den Tiefen des Mutterseins auseinanderzusetzen."

Wo finde ich Hilfe?

Eine postpartale Depression ist gut behandelbar. Bei der Suche nach geeigneten Anlaufstellen (Psychotherapeuten, Fachkliniken) werden betroffene Frauen von der Hebamme oder dem behandelnden Arzt unterstützt.
Zusätzlich kannst Du Dich über das Internet informieren:
Schatten & Licht - Krise nach der Geburt e.V.
Deutscher Hebammenverband e.V.
Deutsches Bündnis gegen Depression e.V.