Rooming-in
 
Muss das Baby rund um die Uhr bei der Mutter sein?

24-Stunden-Rooming-in ist eine tolle Sache - wenn es gut funktioniert. Leider tut es das nicht in allen Geburtskliniken. Was noch besser laufen könnte, fragte ELTERN-Autorin Christiane Börger Professor Michael Abou-Dakn, Vorstand der "Babyfreundlichen Krankenhäuser" in Deutschland.

Was versteht man unter Rooming-in?

Rooming-in: Muss das Baby rund um die Uhr bei der Mutter sein?

Rooming-in hat sich in fast allen deutschen Kliniken durchgesetzt. Das heißt: Mutter und Baby werden nach der Geburt nicht mehr getrennt.

Doch so schön es ist, das Baby bei sich auf dem Zimmer zu haben - viele Frauen wünschen sich die Möglichkeit, ihr Kind zwischendurch auch mal abgeben zu können. Ein legitimer Wunsch? Darüber sprach ELTERN-Autorin Christiane Börger, selbst zweifache Kaiserschnitt-Mutter, mit Professor Michael Abou-Dakn. Abou-Dakn ist Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe am St.-Joseph-Krankenhaus, Berlin Tempelhof sowie Vorstand der "Babyfreundlichen Krankenhäuser" in Deutschland - und absoluter Verfechter des 24-Stunden-Rooming-in!

Rooming-in - wirklich rund um die Uhr?

Dr. Michael Abou-Dakn
Dr. Michael Abou-Dakn

Meine beiden Jungs kamen per Notkaiserschnitt zur Welt, beide Male war ich danach ziemlich fertig. Und hatte das Gefühl, ich könne mich vor Schmerzen und Erschöpfung gar nicht richtig um mein Baby kümmern. Aber es ins Stationskinderzimmer abgeben? Irgendwie habe ich das Gefühl, das darf man heute nicht mehr, sonst ist die Bindung gleich verkorkst ... Sehen Sie das auch so?
Michael Abou-Dakn: Ganz ehrlich? Für ein Neugeborenes ist es immer besser, bei der Mutter zu sein als irgendwo anders. Es gibt keine Alternative, erst recht nicht ein überbelichtetes, geschäftiges Kinderzimmer. Die ersten Lebenstage sind so wichtig für das Urvertrauen eines Kindes. In dieser Zeit sollte ein Baby erfahren, dass seine Eltern immer und sofort da sind, wenn es etwas braucht. Und das klappt am besten, wenn es ganz dicht bei Mama und idealerweise auch bei Papa ist. Aber natürlich wird die Bindung nicht unrettbar beschädigt, wenn man sein Kind zwischendurch mal abgibt.

Noch vor 20 Jahren lagen die Babys in sterilen Bettchen im Säuglingszimmer und wurden der Mutter nur zum Füttern gebracht. Dass das ein ziemlicher Quatsch war, leuchtet mir ein. Aber warum muss man gleich ins absolute Gegenteil verfallen und jeder Mutter 24 Stunden am Tag Hautkontakt verordnen? Es gibt Mütter, die wollen einfach mal in Ruhe duschen.
Das sollen sie ja auch. Die Schwestern können das Baby im Bettchen kurz zu sich nehmen. In der Regel ist ja auch der Vater mal da. Wenn jedoch eine Mutter ihr Baby lieber mehr im Kinderzimmer hätte als bei sich, ist das ein Alarmsignal. Hat eine Mutter nach einer komplizierten Geburt keine Kraft für ihr Baby, dann braucht sie etwas anderes als ein Säuglingszimmer für ihr Kind.

Und das wäre?
Krankenschwestern, Hebammen und Ärzte, die die Mutter bemuttern, nicht das Baby. Auf vielen Wochenstationen wollen die Kinderkrankenschwestern die Babys betütteln, weil sie sich dadurch selber gut fühlen. Es macht ja auch mehr Spaß, ein Baby zu versorgen als eine erschöpfte Mutter. Aber die kommt am besten wieder zu Kräften, wenn man ihr ein paar Tricks beim Wickeln und Baden zeigt, sich Zeit für die ersten Stillversuche nimmt, ihr eine Massage anbietet.

Und wenn es das Bedürfnis der Mutter ist, nach den Strapazen der Geburt einfach mal vier Stunden am Stück zu schlafen?
Dann sage ich ihr, dass sie das ohne ihr Baby erst recht nicht tun wird. Es gibt Untersuchungen, die zeigen: Mütter, die ihr Baby bei sich haben, schlafen besser als die, die ihr Baby abgeben. Der Grund: Mit einem Ohr horchen sie immer nach draußen. Ist das mein Baby, das da gerade weint? Werden mir die Schwestern mein Baby bringen, wenn es Hunger hat? Da schläft man nicht vier Stunden am Stück.

Das stimmt, die Erfahrung habe ich auch gemacht. Ich habe beide Kinder genau einmal für ein paar Stunden abgegeben. Das eine kam frisch gefüttert zu mir zurück ("Bei Ihnen kommt ja noch keine Milch"), dabei wollte ich unbedingt, dass das Stillen klappt. Das andere wurde von der Kinderschwester gebadet ("Ein richtiges Wellnessprogramm für Ihr Baby!") und roch gar nicht mehr nach meinem Baby.
Solche Geschichten höre ich täglich aus der Praxis, sie sind unglaublich. Und zeigen: Das Konzept des 24-Stunden-Rooming-in gehört zwar inzwischen zum Standard in deutschen Kliniken. Aber es wird vielerorts noch nicht richtig verstanden. 24-Stunden-Rooming-in bedeutet, den Eltern ihre volle Autonomie und Kompetenz zuzugestehen und sie nicht mit solchen Aktionen zu untergraben. Nach meiner Meinung sollten die Kinderzimmer auf den Wochenstationen abgeschafft werden! Die Schwestern oder Hebammen sollen den jungen Familien in ihren Zimmern zur Seite stehen, ihnen die Babysprache erklären und ihnen zeigen, wie man auf die Bedürfnisse der Kleinen richtig reagiert, ohne die eigenen Bedürfnisse zu vernachlässigen.

In der Regel sind die Mütter aber ziemlich allein in ihren Zimmern. Ist ja toll, dass es auf vielen Wochenstationen Einzelzimmer gibt - aber dadurch fällt auch nicht so schnell auf, wenn jemand mit seinem Baby nicht klarkommt.
Da bin ich ganz Ihrer Meinung. Viele Klinikverwaltungen denken: Wenn wir kein Kinderzimmer mehr brauchen, können wir auch das dazugehörige Personal abbauen. Das Gegenteil ist der Fall: Die individuelle Betreuung im Zimmer braucht sogar mehr Helfer, sonst fühlen sich die Mütter tatsächlich allein gelassen.

Aber ist es nicht eine Illusion, zu glauben, dass bei den heutigen Sparzwängen neue Stellen geschaffen würden?
Das mag sein, aber es tun sich andere Chancen auf. Zum Beispiel sind die Väter heute so offen wie nie zuvor. Sie wollen nicht nur bei der Geburt dabei sein, sondern auch in der ersten Zeit danach. Wir müssen sie mit ins Boot holen, zum Beispiel mehr Familienzimmer anbieten. Sind Mutter, Vater und Kind zusammen, fühlen sich alle weniger überfordert. Ansonsten sieht mein langfristiges Zukunftsszenario so aus: Nach einer ambulanten Geburt gehen alle so schnell wie möglich nach Hause und werden dort von Hebammen, Schwestern oder Familienhelferinnen und Ärztinnen begleitet - so zurückhaltend wie möglich, so intensiv wie nötig. Denn so gut eine Wochenstation auch sein mag, der Krankenhausbetrieb bleibt ein echter Störfaktor für eine junge Familie, die gerade erst zusammenwächst.