Sanfte Geburt
 
"Hättest du nicht noch ein bisschen durchhalten können?"

Die Bloggerin Nele Tabler war eine begeisterte Anhängerin der sanften Geburt. Trotzdem kamen ihre beiden Kinder per Kaiserschnitt zur Welt. Für sie war das okay - nicht aber für ihre einstigen Mitstreiterinnen. Deren unterschwelliger Vorwurf: Sie hätte als Mutter versagt. Hier lesen Sie Ihre Abrechnung - wir sind gespannt auf Ihre Kommentare!

Warum eine Mutter das Konzept der sanften Geburt kritisiert:

Sanfte Geburt: "Hättest du nicht noch ein bisschen durchhalten können?"

"Bevor meine Kinder zur Welt kamen, hätte ich mich selbst in Richtung 'Öko-Feminismus' eingeordnet, so richtig mit selbstgebackenem Brot und allem. Deshalb fand ich das Konzept der so genannten sanften Geburt total einleuchtend, also möglichst natürlich, ohne PDA und selbstverständlich nicht im Operationssaal. Das liegt sicher auch daran, dass es in meiner Familie auch einige schlimme Geschichten gibt. Ich habe zum Beispiel eine Tante, die per Zange zur Welt kam und dadurch schwerstbehindert war.

Meine Tochter habe ich trotzdem im Krankenhaus bekommen. Ich wohnte damals ziemlich abseits. Ein Geburtshaus gab es in meinem Wohnort nicht, eine Hausgeburt war ebenfalls nicht möglich. Und mein Frauenarzt wollte auf keinen Fall, dass ich ins Provinzkrankenhaus gehe. Deshalb hat er mich gleich in eine Uniklinik eingewiesen. Als das Baby dann bereits zehn Tage übertragen war, war klar, dass etwas passieren musste. Ich bin die Treppen in der Klinik rauf und runter gelaufen - hab' alles getan, was man angeblich tun soll, um Wehen auszulösen. Das war schon bald lächerlich - es passierte nichts, überhaupt nichts!

Da habe ich Panik bekommen. Und ich glaube, auch die Ärzte hatten Sorge, dass etwas passieren könnte, wenn die Kleine zu lange in mir bleibt. Ich selbst hatte auch das Gefühl: Es muss jetzt etwas geschehen. So ist am Ende die Entscheidung für den Kaiserschnitt gefallen. Das war für mich aber okay. Ich habe mich in der Klinik gut aufgehoben gefühlt und auch gar nicht zum Kaiserschnitt gedrängt.

Nach der Geburt war ich zunächst vor allem erleichtert, dass meine Tochter gesund war. Mir ging es nach dem Kaiserschnitt auch wirklich gut. Klar, toll gefühlt habe ich mich nicht - aber ich konnte gut mit den Geschehnissen leben. Bis die ersten Besuche kamen. Plötzlich fielen Bemerkungen wie 'Ach, hättest du nicht doch noch ein bisschen durchhalten können' - natürlich nicht direkt als Vorwurf, sondern vordergründig besorgt. Aber unterschwellig klang es doch vorwurfsvoll. Eine meiner Freundinnen hat auch gemeint: 'Du hättest mich ja anrufen können. Ich wäre doch gekommen und hätte noch drei Tage Händchen gehalten, bis die Geburt losgegangen wäre.'

Ich wollte über all das eigentlich auch gar nicht reden, sondern einfach nur die Tatsache genießen, dass ich jetzt Mutter war und mein Kind gesund zur Welt gekommen. Trotzdem begann ich nach einer Weile zu zweifeln: Vielleicht hätte ich mich doch nicht von meinem Arzt überreden lassen sollen, so früh ins Krankenhaus zu gehen? Und hätte ich noch länger durchhalten können und der Kaiserschnitt wäre vermeidbar gewesen? Im ersten Jahr nach der Geburt konnte ich das noch ganz gut verdrängen. Nur phasenweise kamen solche Gedanken hoch - etwa, wenn eine andere Frau von ihrer Geburt erzählt hat.

Als ich das zweite Mal schwanger war, hatte ich mich einerseits schon darauf eingerichtet, dass es wieder zu einem Kaiserschnitt kommen könnte. Andererseits hatte ich schon gehofft, es würde diesmal anders laufen. Unter der Geburt hatte ich dann aber nicht einmal mehr die Möglichkeit, mich bewusst zu entscheiden - das mussten andere für mich tun. Die Fruchtblase war geplatzt, irgendwann steckte das Kind fest, und ich war total weggetreten.

Dieses Mal gab es keine blöden Kommentare. Ich denke, alle waren froh, dass wir beide, mein Sohn und ich, überlebt hatten. Denn auch ich wäre fast gestorben. Mein Sohn wurde im September geboren, doch ich kam erst Anfang Dezember aus dem Krankenhaus. Zwischendurch war ich mal drei oder vier Tage zuhause, doch dann bin ich zusammengebrochen und musste wieder zurück in die Klinik. Was die Ärzte da veranstaltet haben, weiß ich bis heute nicht. Es gibt jedoch einen Bericht, nachdem sie es tatsächlich fertig gebracht haben, bei dem Kaiserschnitt Plazentareste zu vergessen. Es gibt Ärzte, die zu mir sagen, das sei nicht möglich. Aber ich hatte irgendeine Vergiftung, die nicht erkannt wurde.

Später habe ich versucht, das alles so weit wie möglich zu verdrängen. Aber es blieb ein Gefühl der Trauer. Wobei die wirkliche Trauer erst viele Jahre später kam - erst zu dem Zeitpunkt, an dem völlig klar war, dass ich keine weiteren Kinder mehr bekommen werde. Und mir auf einmal klar wurde, dass ich keine Geburt mehr erleben werde, wie ich sie mir erträumt hatte. Die Wucht dieser Trauer hat mich vollkommen überrascht. Ich hatte eigentlich gedacht, dass das Thema für mich völlig abgeschlossen war.

Aber ich merke, dass ich selbst heute noch sehr allergisch auf alles reagiere, was mit einer Geburt zu tun hat. Und ich bin mittlerweile überzeugt, dass es auch an den vor allem weiblichen Verfechterinnen der sanften Geburt liegt, dass ich wie so viele Kaiserschnitt-Mütter noch immer damit hadere, meine Kinder nicht auf natürlichem Wege bekommen zu haben. Weil die oft sehr einseitig reagieren - und argumentieren. Wenn sie zum Beispiel kaum zu akzeptieren scheinen, dass ein Kaiserschnitt lebensrettend sein kann. Oder wenn sie völlig unterschlagen, dass auch heute noch eine Geburt per Saugglocke oder Zange unter Umständen die Alternative zum Kaiserschnitt sein kann – und dass auch diese Methoden Risiken bergen!

Und dann diese Aufzählung, welchen Risiken Kaiserschnitt-Kinder ausgesetzt seien: Diabetes, Adipositas und natürlich eine gestörte Bindung zur Mutter, die selbstverständlich Stillprobleme hat. Da scheint es absehbar, dass das Kind später zum Psychowrack wird. Und wer ist schuld daran? Natürlich die Mutter, denn sie hat den Kaiserschnitt ja vornehmen lassen! Vor allen Dingen das macht mich wütend: Dass Schwangeren und Müttern mit jeder Entscheidung, die sie treffen, stets eine solche Verantwortung aufgebürdet wird. Nicht genug damit, wird von ihnen sogar verlangt, sich gegen Strukturen zu stellen, die mit verantwortlich sind für die vielen Kaiserschnitt. Wie zum Beispiel die Tatsache, dass ein Kaiserschnitt für eine Klinik finanziell lohnender ist als eine natürliche Geburt. An den Strukturen selbst wird jedoch nichts geändert - trotzdem macht man es den Müttern zum Vorwurf, wenn sie sich diesen schließlich beugen

Wieso glaubt eigentlich bei einer Schwangerschaft jeder, er könne da reinreden - und zwar nicht nur der Partner oder vielleicht noch die eigene Mutter, sondern selbst völlig Fremde in der Straßenbahn? Wieso fühlt sich für eine schwangere Frau jeder irgendwie zuständig? Da ist es kein Wunder, dass wir Frauen uns verunsichern lassen: Überall im Internet findet man ebenso viele wie widersprüchliche Informationen. Und wenn einem dann noch jeder ungefragt seine Meinung aufdrückt, weiß man am Ende vor lauter vermeintlichen Informationen überhaupt nicht mehr, welche Entscheidung die richtige für einen ist.

Damit wir uns nicht missverstehen: Selbstverständlich sind die Kaiserschnitt-Raten hierzulande zu hoch. Ich finde es auch absurd, wenn ein Kaiserschnitt mit Rücksicht auf den Terminkalender der Klinik oder den Plänen der Eltern gemacht wird. Und es war unheimlich wichtig, dass die sanfte Geburt damals von der Frauenbewegung thematisiert wurde, weil die Geburt in den Krankenhäusern immer technischer behandelt wurde.

Trotzdem: Letztlich muss diese Entscheidung jede Frau für sich selbst treffen. Wofür sie sich dann entscheidet, geht mich nichts an - selbst wenn ich ihre Gründe nicht nachvollziehen kann! Deshalb wünsche ich mir, dass alle - die Ärzte in den Kliniken, aber auch die Hebammen und die Anhänger der sanften Geburt -, eine Schwangere so neutral wie möglich über alle möglichen Geburtsformen aufklären. Und dass die dann für sich selber entscheiden kann - und ihre Entscheidung akzeptiert wird.

Im Großen und Ganzen habe ich mittlerweile auch den Eindruck, dass das geschieht. Und dass die ganz radikalen Verfechter der sanften Geburt im Grunde eine Minderheit sind – allerdings eine relativ laute, vor allem im Internet. Die Frauen dagegen werden meinem Empfinden nach jedoch zunehmend entspannter - und das ist gut so! Wir haben zwar alle weiterhin Vorstellungen, wie die Geburt ablaufen sollte - aber wenn es anders kommt, dann ist das auch okay. Hauptsache, am Ende sind Mutter und Kind gesund!

Deshalb mein Rat als zweifache Mutter an andere Frauen: Nehmt keinen Rat an! Informiert euch gut und umfassend, aber lasst euch nichts einreden. Sondern macht, was sich für euch richtig anfühlt."

Der Stein des Anstoßes zur Kritik an Vertretern der sanften Geburt:

Auch in ihrem Blog "Karnele" thematsiert Nele Tabler ihren Ärger über die mangelnde Feinfühligkeit mancher Verfechter der sanften Geburt, die sie bei dem Kampf um ihr eigentlich sinnvolles Anliegen auf Kosten der Mütter übers Ziel hinausschießen lässt. Stein des Anstoßes war dabei eine Kampagne des "Arbeitskreises Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft e. V." (AKF) zur Senkung der Kaiserschnittraten in Deutschland, die einmal mehr in einem ziemlich bevormundenden und gerade Kaiserschnittmüttern ein schlechtes Gewissen verursachenden Ton verfasst war.