Medikamente
 
In der Schwangerschaft besser ohne Arznei gesund werden?

Darf ich während der Schwangerschaft Medikamente nehmen? Oder muss ich etwa bei Kopfschmerzen auf Paracetamol verzichten? Nein, meint die Pharmakologin und Prof. Dr. Heidi Foth. Erfahren Sie mehr in unserem Interview zu Medikamenten in der Schwangerschaft.

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Vorsicht bei diesen Wirkstoffen während der Schwangerschaft!

Medikamente: In der Schwangerschaft besser ohne Arznei gesund werden?

Es stimmt schon: Einige Wirkstoffe sollten Schwangere nach Möglichkeit nicht benutzen. In unserer Bildershow sehen Sie welche Medikamente diese enthalten - und auch einige Beispiel-Produkte:
Frau Foth, warum sollte man mit Medikamenten während der Schwangerschaft vorsichtig sein?
Weil Schwangere möglichst wenige Einflüsse durch körperfremde Stoffe haben sollten. Insgesamt weiß man noch zu wenig darüber, wie Medikamente exakt auf Schwangerschaften wirken. Auch der Einfluss auf die Entwicklung des Ungeborenen ist nicht bis ins letzte Detail klar. Allerdings muss man den wenigsten Frauen wirklich raten, vorsichtig zu sein. Die meisten werdenden Mütter stellen sich bewusst um und sind eher übermäßig besorgt. Was nicht nötig ist: Bei Medikamenten gibt es nicht nur Schwarz und Weiß! Die Forschung testet heute viel umfangreicher als früher und weiß mehr. Mit Bedacht und Fachkenntnis ausgewählt sind viele Arzneien in Ordnung.
Wann sollte eine Frau auch während der Schwangerschaft Medikamente nehmen?
Immer dann, wenn sie eine Erkrankung hat, die sie beeinträchtigt. Dazu gehören Infektionskrankheiten oder Stoffwechselkrankheiten, Schmerzzustände oder Krampfleiden, aber auch starke Übelkeit. Die Mutter sollte so gesund und ausgeglichen sein wie möglich, das ist für die Entwicklung des Babys am besten. Wichtig ist nur, dass gut überlegt wird, welches Medikament in Frage kommt.
Aber wo genau ist die Grenze? Der eine Arzt meint, Schmerz müsse eine Schwangere aushalten, der andere will lindern ...
Für Gynäkologen ist es tatsächlich schwer zu fassen, wie stark Krankheitssymptome eine Patientin belasten (sind es beispielsweise nur leichte oder starke Kopfschmerzen in der Schwangerschaft). Deshalb ist es wichtig, dass beide ausführlich darüber sprechen - dass die Schwangere ihr Leiden beschreibt und der Arzt ihr zuhört. Wenn er unsicher ist, sollte er auch ruhig einen Kollegen um seine Meinung fragen. Leider ist für Arzt-Patienten-Gespräche immer weniger Zeit. Trotzdem: Darauf müssen Schwangere pochen, wenn es ihnen schlecht geht.

 

Diese Wirkstoffe lieber nicht

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Keine Gefahr bei diesen Medikamenten in der Schwangerschaft

Nach Meinung der meisten Ärzte können Medikamente, die die folgenden Wirkstoffe enthalten, in der Schwangerschaft unbesorgt eingenommen werden:
 

Diese Wirkstoffe gelten als unbedenklich

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Stoffe können eine unerwünschte Wirkung haben!

Was können falsch verordnete oder dosierte Medikamente in der Schwangerschaft anrichten?
Denken Sie an Contergan - ein Fall, der die ganze Forschung verändert hat! Hier hat der zugrunde liegende Wirkstoff im entscheidenden Moment der frühen Schwangerschaft das Wachstum der Gliedmaßen verhindert. Einige Schmerzmittel schließen zu früh ein spezielles Blutgefäß, das das Ungeborene bis zur Geburt aber dringend braucht. Andere hemmen Botenstoffe, die die Mutter zur Wehenbereitschaft braucht oder verhindern die Blutgerinnung. Stoffe können an kleinen Ecken ansetzen und eine große, unerwünschte Wirkung haben.Kann ein falsches Medikament während der Schwangerschaftoder eine Überdosierung das Ungeborene töten?
Im Prinzip ja. Aber das passiert nur in äußersten Extremfällen. Solche Tragödien geschehen nur, wenn die Mutter zum Beispiel einen Selbstmordversuch mit Drogen oder starken Beruhigungsmitteln unternimmt. Oder wenn sie in Lebensgefahr schwebt und hoch wirksame Mittel braucht, um zu überleben - etwa nach einem Unfall oder bei schwerer Krankheit.
Was kann andererseits eine unbehandelte Krankheit der Schwangeren auslösen?
Das Ungeborene ist auf einen ausgewogenen Wach- und Schlafrhythmus, gesunden Blutdruck, gute Blutqualität und richtige Ernährung der Mutter angewiesen. Stimmt etwas davon nicht, und reicht die Energie der Mutter nicht aus, um die Erkrankung selbst zu bewältigen, kann das der Entwicklung des Kindes schaden. Bei schweren Leiden wie Asthma, Diabetes oder HIV wird deshalb die Mutter grundsätzlich behandelt, um dem Kind die Krankheit oder deren Folgen zu ersparen.
Gibt es auch harmlosere Erkrankungen, die die Entwicklung des Kindes beeinträchtigen?
Ja. Dazu gehören etwa einige Grippeviren, unter denen das Kind genau so leidet wie die Mutter. Oder schweres Schwangerschafts-Erbrechen: Hier gibt die Mutter im schlimmsten Fall nicht mehr genug Elektrolyte und Nährstoffe an das Kind weiter. Auch in solchen Fällen sollte man handeln - allerdings erst in zweiter Linie mit Medikamenten. Oft hilft schon eine Tasse Tee ans Bett oder eine Umstellung auf kleinere Mahlzeiten und ein weniger hektischer Alltag, um die Selbstheilungskräfte der Mutter zu stärken. Und die sind natürlich das Beste.
Wie sicher sind Medikamente heute auf Nebenwirkungen geprüft?
Seit Contergan und dem Inkrafttreten des Arzneimittelgesetzes 1978 wird nach den besten Verfahren geprüft, die bekannt sind. Zunächst testet man neue Wirkstoffe im Reagenzglas, neuerdings mit mehreren aufwändigen Sicherheitsdurchläufen. Dann werden sie an Tieren angewendet, wo ihr kurzfristiger und langfristiger Einfluss auf die Schwangerschaft beobachtet wird. Wurde keine schädliche Wirkung beobachtet, folgen Beobachtungen am Menschen. Zunächst an Männern, dann an nicht schwangeren Frauen. Frauen erhalten ein Medikament auch während der Schwangerschaft erst, wenn fest steht: Es ist wirksam und sicher.
Sind Beobachtungen aus Tierexperimenten denn zuverlässig?
Es gibt viele Ähnlichkeiten zwischen der menschlichen Schwangerschaft und der von Ratten und Kaninchen. Aber auch Unterschiede, etwa bei den Schwangerschaftshormonen, der Form der Gebärmutter oder der Belastung mit sozialem Stress. Trotz aller Mühe kann man also nicht alles im Vorfeld überprüfen und es bleibt ein Bereich der grundsätzlichen Unsicherheit.

 

Eine Schwangere mit ihren Beschwerden alleine zu lassen ist nicht mehr zeitgemäß

Wie gut kennen sich niedergelassene Gynäkologen, speziell ältere, mit der Wirkung von Medikamenten während der Schwangerschaft aus? Das Studium ist ja schon etwas her ...
Unser Gesundheitssystem schreibt Ärzten Fortbildung vor, damit sie stets auf dem neuesten Stand der Forschung bleiben. Jede Schwangere kann also darauf vertrauen, dass ihr Arzt weiß, was grundsätzlich möglich ist. Andererseits kann kein Mensch den Überblick über alle Arzneimittelwirkungen haben - das Fachwissen wird ja immer breiter. Bei einem Arzt, der im Zweifelsfall zum Telefon greift und sich von einem Experten beraten lässt, sind Schwangere also bestimmt in den besseren Händen. Wobei das Wichtigste immer noch ein gutes Vertrauensverhältnis ist. Ihm entspringen die besten Heilungschancen.

Falls es sich um einfache, aber belastende Beschwerden wie Kopfweh oder Übelkeit handelt: Wie soll sich die Frau verhalten, wenn der Stammapotheker übervorsichtig ist und von allen Medikamenten während der Schwangerschaft abrät?
Dann ist das nicht gerade zeitgemäß. Trotzdem sollte man dann kein Apotheken-Hopping beginnen. Das raubt nur Zeit, Energie und bringt verwirrende Ratschläge. Lieber dann doch einen Arzt aufsuchen und sagen: Ich brauche ein Medikament - auch in der Schwangerschaft.

Was, wenn eine Frau vielleicht schädliche Medikamente eingenommen hat, weil sie nichts von der Schwangerschaft wusste?
In der Regel passiert nichts. Ungefähr bis zur fünften Woche gilt die Alles-oder-Nichts-Regel. Das heißt, die Schwangerschaft verkraftet solche Störeinflüsse - und davon gibt es mehr als Medikamente - oder eben nicht. Ist dem Ungeborenen bislang nichts geschehen, sollte man sich keine Sorgen mehr machen. Es reicht, bei der Vorsorgeuntersuchung zu sagen, dass man diese Arzneien genommen hat - wenn der Arzt dann auch keine Bedenken äußerst, kann man das Ganze abhaken.

Ist der Rat, in am besten gar keine Medikamente während der Schwangerschaft zu nehmen, also überholt?
Eine Schwangere mit ihren Beschwerden alleine zu lassen ist nicht mehr zeitgemäß. Jeder Mensch hat ein Recht auf eine ausgefeilte, medikamentöse Behandlung. Die Gruppe derer, die unbedacht alles Mögliche schlucken, ist ohnehin nur klein. Sie besteht vorwiegend aus Suchtkranken oder psychisch Kranken, die in der Schwangerschaft aber sowieso eine besondere Behandlung brauchen. Viel größer ist die Gruppe der bewussten, sehr vorsichtigen Mütter. Denen würde ich sogar im Gegenteil an einigen Stellen zu mehr Gelassenheit raten.

Wenn Sie es genau wissen wollen: Lexikon statt Beipackzettel

Detailliertere Informationen als der Beipackzettel bietet die Rote Liste, ein Verzeichnis aller in Deutschland und der EU zugelassenen Arzneien. Sie ist leider teuer: Die aktuelle Fassung von 2008 kostet 78 Euro, ältere Jahrgänge sind aber günstiger (zum Beispiel die Ausgabe 2007 für 19,50 Euro). Dafür klassifiziert sie verdächtige Medikamente nach ihrem Risiko für Schwangere nach 11 Gruppen. Deren Bedeutung:

  • Gr. 1-3: "Bei umfangreicher Anwendung am Menschen hat sich kein Verdacht auf eine für den Embryo giftige oder Missbildungen hervorrufende Wirkung ergeben."
  • Gr. 4-6: "Ausreichende Erfahrungen über die Anwendung beim Menschen liegen nicht vor."
  • Gr. 7: "Es besteht eine giftige oder Missbildungen hervorrufende Wirkung für den menschlichen Embryo im ersten Schwangerschaftsdrittel."
  • Gr. 8: "Es besteht eine giftige oder Missbildungen hervorrufende Wirkung für den menschlichen Fetus im zweiten und dritten Schwangerschaftsdrittel."
  • Gr. 9: "Es besteht für den Menschen das Risiko von Komplikationen oder Schädigungen bei der Geburt."
  • Gr. 10: "Es besteht das Risiko unerwünschter hormonspezifischer Wirkung auf das Ungeborene beim Menschen."
  • Gr. 11: "Es besteht das Risiko krebserregender Wirkung."

Kostenlose Beratung zum Thema "Medikamente in der Schwangerschaft":

Schwangere, die regelmäßig bestimmte Medikamente einnehmen müssen (etwa Antirheumatika, Antiepileptika oder Psychopharmaka) und werdende Mütter, die unsicher sind, welche Mediakemte aus ihrem heimischen Apothekenschrank sie jetzt noch verwenden dürfen, können sich beim Beratungszentrum für Embryonaltoxologie in Berlin (www.embryotox.de) kostenlos beraten lassen. Die Beratung ist möglich per Online-Fragebogen auf der Website oder telefonisch unter Tel. 030/30 30 -81 11 (montags bis freitags von 9:00 bis 12:30 Uhr und mit Ausnahme von Mittwoch auch nachmittags von 13:30 bis 16:00 Uhr).

Zwar gehen bei den Experten dort täglich circa 50 bis 70 Anfragen von werdenden Eltern, Ärzten oder Hebammen ein, trotzdem werden rund 95 Prozent dieser Fragen noch am selben Tag beantwortet. "Im Idealfall führen wir ein Dreier-Gespräch", erläutert Dr. Christof Schäfer vom Beratungszentrum die Strategie. "Dabei ruft uns etwa der Frauenarzt im Beisein der Schwangeren an und stellt das Telefon laut, so dass alle Fragen beantwortet werden können und es nicht zu Missverständnissen bei der Weitergabe von Informationen kommt."