Namensgebung
 
So finden Sie den richtigen Vornamen für Ihr Baby

Lasse? Korbinian? Julius? ELTERN-Redakteurin Sabine Grüneberg über ihre wochenlange Qual der Wahl. Plus: alle Infos, wie Sie Ihren Wunschnamen finden, und die beliebtesten Vornamen des vergangenen Jahres.

Namensgebung: So finden Sie den richtigen Vornamen für Ihr Baby

Eines der anstrengendsten Dinge an meiner Schwangerschaft war die Namenssuche. Nicht, dass es mir an Auswahl gemangelt hätte. Das Lexikon, das der Kindsvater anschleppte, bot mehr als 8.000 Möglichkeiten. Ich kapitulierte auf Seite 106 bei Crispinus, "der Kraushaarige". Hinzu kam, dass sich mein Mann überhaupt keine Gedanken zu machen schien. Dafür war er gut im Ablehnen. Emanuelle? "Klingt wie eine ostdeutsche Stripperin." Julius? Erinnert an Lateinunterricht." Astrid? "Dann wird es für deine schwäbischen Verwandten nur 'Arschtritt' heißen." So kamen wir nicht weiter.
Wir setzten uns ein Ultimatum: Siebter Monat, 30. Schwangerschaftswoche. Da sollte er mir eine Liste mit seinen Favoriten präsentieren, bis dahin wollte auch ich auf die Suche gehen.

Wo findet man Namen?

Ganz einfach: überall. Im Kino, wenn der Abspann läuft, in Zeitschriften, auf Buchrücken. Hatte ich einen Favoriten, testete ich ihn bei Ikea. Als dort innerhalb von zwei Stunden der dritte Noel aus dem Smaland abgeholt werden wollte, war klar: Ein Noel wird unser Kind nicht.
Schön fand ich die Idee, einen Namen aus der Familie zu nehmen. Eine Freundin hatte aus den Namen ihrer Mutter, Groß- und Urgroßmütter einen Namen für ihre Tochter gebildet: Aus den Anfangsbuchstaben von Renate, Anna, Josefine und Armgard wurde Raja.

Wer darf mitreden?

Dass sowohl Jungen als auch Mädchen so heißen können, fand ich nicht schlimmm

Vorsicht mit der voreiligen Preisgabe des Favoriten - er wird schnell zerredet. Ich konnte es irgendwann nicht länger aushalten und verriet meiner Mutter, was ich für ein Mädchen ausgesucht hatte. Schwerer Fehler. Sie sagte: "Serena? So hießen früher mal Damenbinden." Der Name war mir verdorben.

Junge oder Mädchen?

Luca gefiel mir von Anfang an. Dass sowohl Jungen als auch Mädchen so heißen können, fand ich nicht weiter schlimm. Dann telefonierte ich mit meiner Schwester. Sie erzählte verliebt, dass sie eine neue Beziehung hatte, mit Mary aus ihrem Semester. Mary? Mary hieß in Wirklichkeit Marian. Als ich erfuhr, dass sein Name auch in Bewerbungen öfter zu Irritationen führt, weil er als Abkürzung von Marianne verstanden wird, strich ich Luca von meiner Liste.

Passt's zum Nachnamen?

Dass man sein Kind nicht James nennt, wenn man Bond heißt, wissen wir. Klara Fall geht auch nicht, ebenso wie Axel Haar. Doch es gibt auch Blüten, die aus Unbedachtheit entstehen. So wie bei meinem Klassenkameraden, Nachname: Schmeier. Seine Eltern nannten ihn Knut. Wir fanden das witzig. Knut weniger.
Wichtig beim Nachnamen außerdem: Je länger der Familienname, desto kürzer sollte der Vorname sein und umgekehrt. Betonte und unbetonte Silben sollten sich abwechseln: Dirk Ammon ist besser als Rudolfo Ammon.
Übrigens: Eltern, die unterschiedliche Nachnamen haben, sollten den Vornamen mit beiden Namens-Variationen testen. Entscheiden sie sich später für einen gemeinsamen Familiennamen, gilt der automatisch auch für die Kinder.

Wie selten ist der Name wirklich?

Im 15. Jahrhundert hießen fast alle gleich. Da war beispielsweise in Köln jeder dritte Junge ein Hans, jedes dritte Mädchen eine Elisabeth. Im Berlin von 1903 zählten Forscher rund 800 Vornamen. Hundert Jahre später sind es in Großstädten mittlerweile bis zu 3.000.
Heute wollen Eltern einen seltenen Namen für ihr Kind. Schließlich soll es in der Schule nicht jahrelang Chrissie oder Bine heißen müssen, weil es schon drei weitere Christines und vier andere Sabines gibt.
Meine beste Quelle war eine Kindergärtnerin. Lisa? "Bloß nicht", meinte sie, "meine Gruppe quillt über von Lisas und Lauras." Wem es an Erzieherinnen im Bekanntenkreis mangelt, schaut in den Lokalteil der Tageszeitung, Abteilung Geburtsanzeigen.

Kennen Sie die Bedeutung?

Sind Katharinas intelligent und Heikos eher dumm?

Auch wenn Sie nichts von Vornamen-Lexika halten: Haben Sie sich für einen Namen entschieden, sehen Sie kurz hinein. Eine Freundin nannte ihre Tochter Lilith - ohne zu wissen, dass Lilith nicht nur die erste Frau Adams war, sondern auch als Mutter der Dämonen gilt, die den Plötzlichen Kindstod verursachen. Jetzt überlegt sie, den zweiten Vornamen der Kleinen zum Rufnamen zu machen.
Psychologen der TU-Chemnitz haben übrigens kürzlich untersucht, welche Assoziationen typische Vornamen hervorrufen. Anhand von 60 gängigen Namen wurden dabei von Personen verschiedenen Alters nach Kriterien wie Alter, Attraktivität und Intelligenz bewertete. Einige Ergebnisse gefällig? Katharinas erscheinen intelligent, Alexanders gut aussehend, Heikos dagegen eher dumm. Besonders gut schnitten in der Untersuchung moderne Vornamen wie Luca oder Lara ab. Doch die Forscher warnen: Gerade diese "Zeitgeistkinder" könnten unter der Schnelllebigkeit des Namensgeschmacks leiden, wenn diese Namen in einigen Jahren als altmodisch gelten.

Welche Namen sind verboten?

Lenin wurde auf deutschen Standesämtern nicht genehmigt, ebenso wenig wie Schnucki, Omo, Verleihnix oder Grammophon. Auch zwei Vorschläge meines Mannes hätten keine Chance gehabt: Eines Tages kam er mit "Che" an - und zu guter Letzt schlug er noch "Garda" für ein Mädchen vor. Weil unser Baby wahrscheinlich im Urlaub am Gardasee entstanden war. Ortsbezeichnungen als Namen sind in Deutschland aber nicht erlaubt.

Wo und wie wird der Name vergeben?

Zum Standesamt geht meist der junge Vater

Offiziell bei der Geburtsanzeige, die binnen einer Woche nach der Entbindung beim Standesamt erklärt werden muss. Das übernimmt normalerweise der junge Vater - der für diesen Gang bei klarem Verstand sein sollte.
Unsere Geschichte ging nämlich weiter: Nachdem wir die Listen in Schwangerschaftswoche 30 geschlossen hatten, dann Namen strichen, blieben am Ende vier übrig. Schließlich entschieden wir uns für Laurin.
Doch Laurins Vater war beim Gang zum Standesbeamten von der Geburt am Vortag und dem Kasten Bier, mit dem er seine Vaterschaft begossen hatte, so berauscht, dass er dem Kind einfach noch ein paar Namen mehr gab. "Da war noch so viel Platz in der Zeile", murmelte er kleinlaut, als er mir die Geburtsurkunde überreichte und etwas von Fußballkarriere faselte. Unser Sohn heißt jetzt nämlich Laurin Diego Gary Pele.

Welche Namen liegen momentan im Trend?

Ganz klar: Alte Vornamen. Beliebt sind Namen aus dem 19. Jahrhundert wie Mia und Pia. Auch bei Jungen sieht man diesen Effekt: Paul, Georg, Wilhelm oder Otto. "Viele Namen ruhen zwei Generationen lang und werden dann erneut vergeben", weiß Dr. Gerhard Müller, Leiter der Gesellschaft für deutsche Sprache in Frankfurt. Bei Mädchen lässt sich daneben eine Vorliebe für Namen beobachten, die mit einem "L" beginnen, etwa Lisa oder Lilly. Außerdem bekommen immer mehr Kinder Zweitnamen beziehungsweise Doppelnamen.
Die Ost-West-Unterschiede gleichen sich übrigens an, wie Dr. Müller feststellt: Zwar werden im Osten Deutschlands immer noch mehr englische Namen wie Jeremy oder Lindy vergeben, aber mittlerweile fallen die Nord-Süd-Unterschiede stärker ins Gewicht. So findet man im Norden Jette, Malte, Lasse und Ole - und in Bayern altkatholische Namen wie Kilian oder Korbinian.
Eine Bitte hat Sprachforscher Gerhard Müller noch an alle werdenden Eltern: "Nicht mit der Schreibweise experimentieren - die Kinder müssen sonst immer buchstabieren. Man muss auch an das Kind denken."