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Schwangerschaft Schwanger und essgestört: Alles Wichtige zum Thema Pregorexie

Schwangerschaft: Schwanger und essgestört: Alles Wichtige zum Thema Pregorexie
© skynesher / iStock
Pregorexie ist eine ernstzunehmende Essstörung, die im Verauf einer Schwangerschaft auftritt. Was genau die Krankheit definiert, welche gesundheitlichen Folgen sie für Mutter und Kind haben kann und wie Betroffene Hilfe finden, lest ihr hier.

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Ein dicker Bauch als Symbol für eine glückliche Schwangerschaft? Das sehen längst nicht mehr alle Frauen so. Der gesellschaftliche Druck, jederzeit makellos und vor allem schlank auszusehen, verbreitet sich mittlerweile auch unter schwangeren Frauen. Ein Kind bekommen und dennoch dünn bleiben? – Ein Ideal, das sich besonders auf sozialen Medien wie Instagram ausbreitet. So gehört es nun zum guten Ton, dass eine Frau während ihrer Schwangerschaft Sport macht, fit bleibt, nicht viel zunimmt und direkt nach der Geburt so aussieht, als ob sie nie schwanger gewesen wäre. 

Schwangere mit einem gesunden Körpergefühl und genug Selbstbewusstsein schaffen es, diesen Druck abzuschütteln. Frauen, die schon einmal an einer Essstörung gelitten haben oder aktuell übersteigerten Wert auf ihr Aussehen legen, sind gefährdet, an Pregorexie zu erkranken.  

Doch was genau bedeutet der Begriff, wie kann man erkennen, ob jemand erkrankt ist und was können Betroffene tun, um sich Hilfe zu holen? All das und mehr beantworten wir mit unseren Fragen und Antworten zum Thema Pregorexie.

Was ist Pregorexie?

Pregorexie leitet sich aus den Begriffen „pregnant“ (Schwanger) und „anorexia“ (Magersucht) ab und ist demnach eine Form der Magersucht, die im Verlauf einer Schwangerschaft auftritt . Betroffen sind insbesondere Frauen, die bereits in der Vergangenheit eine Magersucht entwickelten und nun rückfällig werden. Seltener erkranken Frauen während ihrer Schwangerschaft zum ersten Mal an der Essstörung.

Welche Symptome hat die Krankheit?

Die Symptome einer Pregorexie decken sich größtenteils mit denen einer Magersucht. Typisch für diese Form der Essstörung ist, dass die Betroffenen das eigene Spiegelbild zunehmend verzerrter wahrnehmen, sprich: Sie sehen und fühlen sich viel dicker, als sie eigentlich sind. Das Abnehmen, obsessives Kalorienzählen und Verbrennen eben dieser rücken in den Lebensmittelpunkt. Ständig stellen sie sich die Frage: „Wie kann ich Kalorien einsparen und wie viel habe ich im Vergleich zu gestern ab- oder zugenommen?“ Die Zahl auf der Waage bestimmt immer mehr den Gemütszustand. Täglich wird geschaut, wo noch Kalorien eingespart werden können. Der Verzicht auf fettige und zuckerhaltige Lebensmittel wird zur Besessenheit und ebenfalls das euphorische Gefühl darüber, diesem Essen widerstehen zu können. Die Folge: Die Frauen sind auch noch im letzten Drittel der Schwangerschaft auffallend dünn.

Welche Warnsignale können auf eine Pregorexie hindeuten?

Gefahr besteht, wenn die Betroffene ...

  • bereits vor der Schwangerschaft an einer Magersucht litt.
  • wie besessen Kalorien zählt und dabei ihre Gesundheit in den Hintergrund rückt.
  • wenn immer möglich alleine isst.
  • öfter Mahlzeiten ausfallen lässt.
  • sich aus ihrem sozialen Umfeld zurückzieht, sich isoliert und Essenssituationen mit anderen meidet.
  • über die Schwangerschaft spricht, als sei das Ungeborene nicht real.

Was passiert bei Pregorexie im Körper?

Durch das Hungern fehlen dem schwangeren Körper Kalorien und Nährstoffe, also Kraft und Energie. Da er auch noch das Ungeborene versorgen muss, ist er doppelt belastet. Dadurch kommt es bei der Mutter zu einer Unterversorgung. Ihr Körper schaltet auf Sparflamme, um das Baby zu schützen und den Herzschlag und die Versorgung der Plazenta zu gewährleisten. Die Folge: Muskeln bauen sich ab, das Bluthochdruckrisiko steigt und infolge des Kalziummangels, auch das Risiko an Osteoporose zu erkranken.

Gefährdet die Krankheit die Schwangerschaft?

Aufgrund der Unterernährung und des geringen Gewichtsaufbaus kann es zu einer Vielzahl an gesundheitlichen Folgeschäden für Mutter und Ungeborenes kommen, die die Schwangerschaft gefährden:

  • häufigere Ablösung und schlechtere Entwicklung der Plazenta.
  • durch Eisenmangel: erhöhtes Risiko einer Früh- oder Fehlgeburt und ein verringertes Geburtsgewicht.
  • bei Einnahme von Diuretika und Abführmitteln: Beeinträchtigung der körperlichen und geistigen Entwicklung bei dem Ungeborenen und erhöhtes Risiko einer Fehlgeburt.
  • erhöhtes Risiko einer Fruchtwasserinfektion und eines vorzeitigen Blasensprungs, was wiederum zu vorzeitigen Wehen und einer Fehlgeburt führen kann.

Kann das Kind Folgeschäden davontragen?

Eine Meta-Analyse von mehr als zwei Millionen Frauen, geleitet von Forschern des UCL-Instituts für Kindergesundheit (ICH), hat ergeben, dass Frauen mit einer Pregorexie Säuglinge mit einem Geburtsgewicht von weniger als 2500 Gramm zur Welt bringen. Zum Vergleich: Das Geburtsgewicht eines Säuglings mit einer gesunden Mutter liegt je nach Körpergröße zwischen 2.800 und 4.200 Gramm. Durch die Mangelversorgung im Mutterleib steigen beim Kind die Risiken für eine koronare Herzkrankheit, für Typ-2-Diabetes, Schlaganfall, Bluthochdruck, Fettleibigkeit, Glukoseintoleranz und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Sind Betroffene mit einer vorangegangenen Essstörung gefährdeter?

Ja, denn: Die starken körperlichen Veränderungen der Schwangerschaft innerhalb eines kurzen Zeitraums werden eher als Kontrollverlust über den eigenen Körper empfunden und können einen Rückfall auslösen.

Wie können Angehörige und Freunde helfen?

Angehörige und Freunde sollten die Warnsignale der betroffenen Person ernst nehmen und nicht wegschauen. Es kann sinnvoll sein, regelmäßig Hilfe anzubieten, sich gesprächsbereit zu zeigen und so immer wieder zu signalisieren, dass man für die Betroffene da ist. Auch wenn die Schwangere versucht sich zurückzuziehen, ist es gut, ihr das Gefühl zu geben, dass sie nicht alleine ist. Man kann sie beispielsweise zu Terminen mit Therapeuten, Ärzten oder einer Beratung für Essstörungen fahren, wenn sie das möchte, und mit ihr Lebensmittel einkaufen gehen, die besonders gut für sie und das ungeborene Kind sind. Es ist wichtig, die Gesundheit der Schwangeren zum Mittelpunkt zu machen und nicht ihr Gewicht. Wenn sich die Lage der Schwangeren dennoch eher verschlechtert, als verbessert, können sich auch die Angehörigen in den unten aufgeführten Beratungsstellen Rat holen.

Wie lässt sich Pregorexie heilen?

Wichtig ist zu verstehen, dass der Weg aus der Krankheit ein langer Prozess sein kann. Wichtig ist außerdem, sich bewusst zu machen, was genau die kranken Gedanken auslöst. Der Körper als Feind ist meist nur das oberflächliche Problem, der Deckel sozusagen, unter dem sich die eigentliche Ursache versteckt hält. Diesem gilt es auf den Grund zu gehen und folglich zu schauen, was einem hilft. Eine Therapie liefert das Werkzeug und hilft, besser mit der Situation umzugehen. Das bedeutet, dass mit dem Therapeuten zusammen Strategien entwickelt werden, um auf die besondere und aufregende Zeit der Schwangerschaft besser vorbereitet zu sein und gestärkt der Unsicherheit entgegenzutreten.

In der Schwangerschaft: Hilfreiche Schritte für Pregorexiegefährdete

„Essstörungen sind oft ein Zeichen dafür, dass im Leben der Betroffenen etwas passiert, was den inneren Boden zum Wackeln bringt“, erklärt Mareen Grether, systemische Therapeutin bei Waage e.V., einem Fachzentrum für Essstörungen in Hamburg. „Die Krankheit schafft Sicherheit in einer gefühlt unsicheren Zeit. Sie agiert als eine Art Rettungsseil, an dem sich die Betroffene festhalten kann, um wieder Halt zu gewinnen.“ Und wie können betroffene Frauen dieses vermeintlich rettende Seil loslassen? – In dem sie für sich gedankliche Alternativen finden, die ihnen seelischen Halt geben. Doch fest steht: Es gibt nicht die eine Lösung für das Problem, denn jede Betroffene und jedes Problem ist anders.

Erfahrungen einer Betroffenen

Eine gedankliche Alternative hat die 29-jährige Sarah Neumann* für sich entwickelt. Sie ist eine von Mareen Grethers Klientinnen und schildert im folgenden ihre ganz persönlichen vier Schritte, die ihr geholfen haben, mit ihrem Problem besser umzugehen.

  • Gespräche führen: So banal das klingt, so wichtig ist dieser erste Schritt. Denn über das Problem zu reden ist der Beginn, sich dem Problem zu stellen. Dadurch kann ich es analysieren und für mich greifbar und begreifbar machen. Dieser Schritt hilft mir, eine alternative Sicherheit herzustellen. Die Gespräche kann ich mit einer Gynäkologin, Therapeutin, aber auch bei einer professionellen Beratung für Essstörungen führen.
  • Fakten einholen: Diese Fakten können zum Beispiel die körperlichen Veränderungen während und nach der Schwangerschaft sein, also das Durchschnittsgewicht, die voraussichtliche Gewichtszunahme und die Zeit, die es ungefähr dauert, bis ich es wieder abgenommen habe. Die Fakten erhalte ich beispielsweise durch Gespräche mit einer Hebamme oder Gynäkologin. Dadurch habe ich mehr Kontrolle über die mir so unkontrollierbar erscheinende Situation meiner Schwangerschaft. 
  • Zu meinem Körper in Distanz treten: Eine Essstörung hat meistens ein verzerrtes Bild des eigenen Körpers zur Folge. Um dem trügerischen Blick in den Spiegel zu entgehen, können mir wöchentliche Fotos von meinem sich verändernden, schwangeren Körper helfen. Diese Bilder zeigen mir die Realität und helfen, zu meinem Körper in Distanz zu treten. Dadurch geben sie mir die Kontrolle über mein eigenes Körperbild zurück.
  • Meinen Körper als Wunder verstehen: Ich muss mir vor Augen führen, was mein Körper während der Schwangerschaft für eine Leistung vollbringt. Ich muss verstehen, dass er zu mir gehört, meins ist, wir eins sind und er nicht mein Feind ist. Mein Körper hält mich am Leben, Lieben und Lachen. Er ist mein Nutzgegenstand, der meine Seele und Gedanken aufbewahrt und mich Dinge erleben lässt. Dafür hat er verdient, dass ich ihn gut behandle. Mir würde es helfen, meinen Körper zu spüren, zum Beispiel durch Yoga, Massagen, Beautytage oder Meditation.

Anm. d. Red.: Name geändert

Wo können sich Betroffene Hilfe holen?

In den folgenden Beratungsstellen können Betroffene kostenlos einen Gesprächstermin vereinbaren – ein erster Schritt in Richtung stabiler und gesunder Schwangerschaft.

Hamburg
Waage e.V.
Eimsbüttelerstraße 53
22769 Hamburg
Tel.: 040 4914941
Web: www.waage-hh.de
E-Mail: info@waage.de

Köln
FrauenLeben e.V.
Venloer Straße 405-407
50825 Köln
Tel.: 0221 9541660
Fax.: 0221 9541662
Web: www.frauenleben.org
E-Mail: mail@frauenleben.org

Berlin  
Dick & Dünn e.V.
Innsbruckerstraße 37
10825 Berlin
Tel.: 030 8544994
Fax.: 030 8548442
Web: www.dick-und-duenn-berlin.de
E-Mail: info@dick-und-duenn-berlin.de

München
ANAD Versorgungszentrum Essstörungen
80336 München
Poccistraße 5
Tel.: 089 2199730
Fax.: 089 21997323
Web: www.anad.de
E-Mail: info@anad.de

Suchst du in einer anderen Stadt nach einer Beratungsstelle?
Dann hilft dir die Datenbank der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

ELTERN

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