Fruchtwasseruntersuchung
 
Banges Warten auf das Ergebnis der Amniozentese

Vor allem Müttern ab 35 Jahren rät der Arzt, das Ungeborene auf mögliche Fehlbildungen oder Krankheiten zu untersuchen. Eine Methode dazu ist die Fruchtwasseruntersuchung (auch Amniozentese genannt). Wo ihre Möglichkeiten und Grenzen liegen, erfahren Sie hier.

Amniozentese
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Das sollten Sie über die Fruchtwasseruntersuchung wissen:

Eine Fruchtwasseruntersuchung (auch Amniozentese genannt) ist ein Eingriff, mit dessen Hilfe Ärzte bereits im Mutterleib feststellen können, ob das Ungeborene gesund ist. Die Methode ist jedoch nicht ganz ohne Risiken - deshalb ist es für werdende Eltern wichtig, sich umfassend über alle Aspekte der Fruchtwasseruntersuchung zu informieren. Hier finden Sie alle wichtigen Fakten.

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Warum wird eine Fruchtwasseruntersuchung durchgeführt?

Das Ungeborene liegt in der Fruchtblase (medizinisch "Amnion"), umgeben vom Fruchtwasser. In diesem Fruchtwasser schwimmen kindliche Zellen: Hautzellen, die sich abgeschubbert haben, aber auch Zellen aus dem Darm und aus den Nieren, weil das Kind seine Ausscheidungen an das Fruchtwasser abgibt. Durch die Untersuchung der Zellen, die im Fruchtwasser schwimmen, kann man deshalb herausfinden, ob das Ungeborene eine Chromosomenstörung aufweist.
Auch die Frage, ob das Baby an einem Neuralrohrdeffekt leidet, auch "offener Rücken" genannt, kann durch eine Amniozentese geklärt werden. Hierfür wird die biochemische Zusammensetzung des Fruchtwassers untersucht.

Wann wird die Fruchtwasseruntersuchung durchgeführt?

Möglich ist die Fruchtwasseruntersuchung von der 14. bis 20. Schwangerschaftswoche. Eine Früh-Amniozentese ab der 14. Schwangerschaftswoche ist technisch häufig kompliziert, weil die Amnionmembran noch recht fest ist und nur wenig Fruchtwasser enthält. Außerdem ist die Zelldichte im Fruchtwasser geringer. Auch warnen manche Experten wie etwa Prof. Kurt Hecher, Direktor der Klinik für Geburtshilfe und Praenatalmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf vor einer zu frühen Fruchtwasseruntersuchung, weil das Risiko einer Fehlgeburt vor der 16. Woche noch höher sei. Empfohlen wird daher meist, eine Fruchtwasseruntersuchung oder Amniozentese zwischen der 16. und der 18. Schwangerschaftswoche vorzunehmen.

Für wen eignet sich eine Fruchtwasseruntersuchung?

Eine Fruchtwasseruntersuchung wird empfohlen, wenn sich bei einer Ultraschalluntersuchung, beim Nackentransparenz-Test, beim Ersttrimester- oder Triple-Test Auffälligkeiten ergeben haben. Auch, wenn ein Verdacht auf einen Neuralrohrdeffekt besteht oder auf eine Blutgruppen-Unverträglichkeit zwischen Mutter und Kind. Das kann geschehen, wenn die Mutter einen negativen Rhesus-Faktor hat, ihr Kind jedoch einen positiven.

Wie funktioniert die Fruchtwasseruntersuchung?

Bei einer Fruchtwasseruntersuchung sticht der Arzt mit einer langen Punktionsnadel durch die Bauchdecke der Mutter, die Gebärmutterwand und die Fruchtblase, um an das Fruchtwasser zu gelangen. Das wird mit Ultraschall kontrolliert, damit man das Kind nicht verletzt. Der Arzt saugt etwa 20 bis 25 Milliliter Fruchtwasser ab. Aus kindlichen Zellen, die im Fruchtwasser schwimmen, lassen sich die Chromosomen extrahieren und untersuchen.

Video: So sieht eine Fruchtwasseruntersuchung aus

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Was sagt das Ergebnis der Fruchtwasseruntersuchung aus?

Die Ergebnisse der Fruchtwasseruntersuchung helfen beim weiteren Vorgehen

Für die Auswertung gibt es bei einer Fruchtwasseruntersuchung verschiedene Möglichkeiten: Die Chromosomenanalyse zeigt, ob alle Chromosomen vorhanden und richtig ausgebildet sind. Da man die Zellen vor der Analyse vermehren muss, dauert es bis zu drei Wochen bis das Testergebnis da ist.

Ausnahme: Der FISH-Test. Er gilt als Schnelltest für Chromosomenabweichungen. Hier wird in der Regel nur geprüft, wie viele Chromosomen vorliegen. Der FisH-Test gibt deshalb Auskunft über Trisomie 21 (Down-Syndrom), Trisomie 13 und Trisomie 18. Auch die Geschlechtschromosomen X und Y werden untersucht. Auf diese Weise werden die häufigsten Chromosomenabweichungen entdeckt, aber bei weitem nicht alle. Der Test kann sofort mit den entnommenen Zellen gemacht werden. Das Ergebnis liegt deshalb schon nach ein bis zwei Tagen vor. Weist der FisH-Test auf eine Anomalie hin, wird man einige Wochen später durch die Chromosomenanalyse, die aus derselben Probe gemacht wird, endgültige Klarheit bekommen.

Das Vorkommen bestimmter Eiweißstoffe im Fruchtwasser (Alpha-Fetoprotein und Azetylcholinesterase) lässt außerdem Rückschlüsse darauf zu, ob das Kind an einem Neuralrohrdeffekt, einem so genannten offenen Rücken, leidet. Wenn es Hinweise darauf gibt, kann der Arzt im Ultraschall gezielt danach suchen – und wird die Stelle in der Regel auch finden. Diese Information ist wichtig, um das ungeschützte Rückenmark bei der Geburt zu schützen, falls nötig. In anderen Fällen kann sogar im Mutterleib ein Ablauf für das Hirnwasser beim Kind eingesetzt werden, damit die Hirnflüssigkeit nicht auf das gesunde Gehirn drückt und schädigt. Liegen die Eiweiß-Werte im Normbereich ist ein offener Rücken beim Kind unwahrscheinlich.

Anhand der DNA-Analyse können ferner vererbbare Stoffwechsel- und Muskelerkrankungen des Kindes diagnostiziert werden.

Welche Risiken gibt es bei der Fruchtwasseruntersuchung?

Das Risiko ist sehr gering (0,5 bis ein Prozent), aber im schlimmsten Fall kann es nach einer Fruchtwasserpunktion zur Fehlgeburt kommen. Bei einem Prozent der Fälle gelingt der Eingriff beim ersten Anlauf nicht und muss wiederholt werden.

Video: Wie hoch ist das Risiko für eine Fehlgeburt?

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Was kostet eine Fruchtwasseruntersuchung?

Zeigen Routine-Ultraschalluntersuchung Auffälligkeiten des Kindes, ist die Schwangere über 35 Jahre alt oder gilt sie aus anderen Gründen als "Risikoschwangere", dann übernehmen die Krankenkassen die Kosten. Wer die Fruchtwasseruntersuchung auf eigenen Wunsch durchführen lässt, muss dafür zwischen 15 und 36 Euro bezahlen. Dazu kommen weitere Kosten für die Beratung, einen eventuellen stationären Aufenthalt etc.

Der FISH-Test wird übrigens nicht von den Krankenkassen bezahlt - die Kosten von etwa 140 Euro müssen die werdenden Eltern selbst tragen.

Wie häufig wird die Fruchtwasseruntersuchung angewandt?

Noch vor einigen Jahren wurde von vielen Frauenärzten Schwangeren über 35 geraten, eine Fruchtwasseruntersuchung durchführen zu lassen. Heute entscheiden sich immer mehr Frauen für das Ersttrimester-Screening, das über eine Ultraschalluntersuchung und bestimmte Blutwerte der Mutter einen individuellen Risikofaktor für die Wahrscheinlichkeit einer Behinderung des Ungeborenen ausrechnet. Wenn das Ergebnis der Ersttrimester-Untersuchung zeigt, dass das Baby höchst wahrscheinlich gesund sein wird, verzichten viele Frauen heute auf eine Amniozentese. Deshalb geht die Zahl der Eingriffe kontinuierlich zurück - obwohl es immer mehr Schwangere über 35 gibt.

Was muss ich noch über die Fruchtwasseruntersuchung wissen?

Manchmal muss die Fruchtwasseruntersuchung wiederholt werden

Bei auffälligen Befunden aus der Fruchtwasseruntersuchung ist leider meist keine Therapie möglich. Auch geben die Untersuchungen nur bedingt Aufschluss über den Schweregrad und die Ausprägung der Befunde. Unter Umständen werden sehr seltene Chromosomenveränderungen festgestellt, bei denen überhaupt nicht bekannt ist, welche Auswirkungen sie haben können. Andere mögliche Behinderungen lassen sich dagegen auch durch diese Methode nicht vorab feststellen.

Darüber hinaus sind unter Umständen Fehldiagnosen möglich, eventuell muss die Untersuchung wiederholt werden. Die lange Wartezeit bis zum Ergebnis belastet viele werdenden Eltern sehr. Besonders, weil mit jeder Woche das Baby wächst - und ein Schwangerschaftsabbruch psychisch immer schwerer zu verkraften ist. Es kann vorkommen, dass Ergebnis der Untersuchung erst vorliegt, wenn das Baby schon so groß ist, dass ein Abbruch der Schwangerschaft, so die Eltern sich dafür entscheiden, nur noch durch den Einsatz von Wehenmitteln möglich ist.

Was rät die Expertin in Sachen Fruchtwasseruntersuchung?

"Es ist wichtig, sich vor einer Fruchtwasseruntersuchung Gedanken darüber zu machen, was man mit einem Ergebnis macht, das nahe legt, dass das Baby behindert sein wird. Das Bewusstsein über die Konsequenzen steigt. Das beobachte ich in meiner Praxis. Und nicht wenige entscheiden sich nach dieser Überlegung gegen die Chromosomenanalyse, weil sie ihr Baby so oder so bekommen möchten."

Maria J. Beckermann, Frauenärztin Köln und wissenschaftliche Gutachterin für Stiftung Warentest