Pränataldiagnostik
 
Soll ich mein Baby untersuchen lassen?

Geht es unserem Baby gut? Diese Frage stellen sich wohl alle Paare in der Schwangerschaft. Darum gibt es heute zahlreiche Untersuchungsmöglichkeiten, mit deren Hilfe Ärzte feststellen können, ob das Ungeborene gesund ist. Doch bevor Paare diese Methoden in Anspruch nehmen, sollten sie sich ein paar Dinge bewusst machen. Einige Denkanstöße.

Gehört der Ultraschall schon zur Pränataldiagnostik?

Pränataldiagnostik: Soll ich mein Baby untersuchen lassen?

Ja! Im Normalfall prüft der Arzt zudem drei Mal per Ultraschall, ob sich das Baby altersgerecht entwickelt und der Geburtsweg frei ist. All diese Vorsorgeuntersuchungen werden von der Krankenkasse bezahlt. Viele künftige Eltern lieben dieses "Baby-TV" und buchen auf eigene Kosten sogar ein paar mehr Ultraschalltermine. Der Arzt hat allerdings bei jedem Ultraschall auch ein Augenmerk darauf, ob er irgendwelche Auffälligkeiten am Baby sieht, wie etwa ein offenes Neuralrohr ("offener Rücken").

Ab 35 automatisch das gesamte Pränataldiagnostik-Programm?

Immer mehr Schwangere sind heute 35 Jahre oder älter

Unabhängig von der regulären Vorsorge bietet die Pränataldiagnostik noch weitere Möglichkeiten, bereits während der Schwangerschaft festzustellen, ob mit dem Kind alles in Ordnung ist. Zu solchen Verfahren greifen die Mediziner etwa, wenn eine werdende Mutter als "Risikoschwangere" gilt. Nur: Das sind heute 70 Prozent aller Schwangeren! Die hohe Zahl kommt vor allem daher, dass immer mehr Frauen über 35 Jahre alt sind, wenn sie Kinder bekommen. Da bei älteren Schwangeren - rein statistisch gesehen - beim Kind häufiger Chromosomentstörungen auftreten als bei Jüngeren, fallen sie automatisch in diese Kategorie.

Doch sollte man solche Zahlen stets mit einer gewissen Vorsicht betrachten. Beispiel Down-Syndrom (auch Trisomie 21): Bei der häufigsten Beeinträchtigung aufgrund von genetischen Defekten ist das Chromosom 21 drei Mal statt zwei Mal vorhanden. Eines von rund 600 Kindern wird mit dieser genetischen Auffälligkeit geboren. Und tatsächlich steigt das Risiko mit dem Alter der Frau - sollte aber auch nicht überschätzt werden. 99,2 Prozent der Kinder von Müttern Anfang 40 kommen ohne Down-Syndrom zur Welt!

Was kann die Pränataldiagnostik wirklich?

Oft drängen die Ärzte die Frauen zur Untersuchung

Trotzdem kommen die Methoden der Pränataldiagnostik immer häufiger zum Einsatz. Für viele Schwangere entsteht der Eindruck, dass Nackenfaltentransparenzmessung und Co. beinahe ein "Muss" sind. Schließlich übernehmen in den meisten Fällen die Krankenkassen die Kosten. Oft sind es auch die Frauenärzte, die ihren Patientinnen zur pränatalen Diagnose raten.

Leicht entsteht so jedoch der Eindruck, dass man Behinderungen und erbliche Krankheiten irgendwie "verhindern" könnte, wenn man sie nur früh genug erkennt. Doch das stimmt so leider nicht. Auch wenn es Ausnahmen gibt, wie beispielsweise Blutarmut oder eine akute Infektionskrankheit beim Baby - in der Regel sind die Krankheiten, die die pränatale Diagnose feststellt, bislang nicht heilbar.

Die bekanntesten pränatalen Diagnosemethoden sind die Chorionzotten-Biospie, die Fruchtwasseruntersuchung und das Ersttrimester-Screening. Sie alle dienen in erster Linie dazu, festzustellen, ob das Baby eine Chromosomenstörung oder eine Stoffwechselkrankheit hat.

Die einzelnen Methoden unterscheiden sich jedoch stark voneinander - und entsprechend können die Ergebnisse auch nicht alle auf die gleiche Art und Weise interpretiert werden: So erlaubt eine Fruchtwasseruntersuchung etwa tatsächlich einen Einblick in die Gene des Kindes - allerdings besteht hier ein geringes Risiko, dass das Kind bei der Untersuchung Schaden nimmt. Das Ersttrimester-Screening dagegen ist ein schonenderes Verfahren. Doch wird dabei anhand der Nackenfalten-Dicke des Babys und den Blutwerten der Mutter ein individueller Risikofaktor berechnet, der kein absolut sicheres Ergebnis darstellt.

Die Untersuchungsergebnisse liegen vor - und jetzt?

Was aber, wenn der schlimmste Fall eintritt? Wenn eine Untersuchung tatsächlich ergibt, dass das Baby mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gesund ist? Dann stehen fast alle Eltern vor der extrem schwierigen Entscheidung, ob sie ein möglicherweise behindertes Kind zur Welt bringen möchten oder ob sie sich für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden. Ein nervenaufreibender Prozess - vor allem, wenn man auf diese Frage überhaupt nicht vorbereitet ist.

Dazu kommt, dass ein besorgniserregender Befund meist durch weitere Untersuchungen abgeklärt werden muss. Im schlimmsten Fall kann das dazu führen, dass die entscheidenden Ergebnisse (etwa aus der Fruchtwasseruntersuchung) erst zur Verfügung stehen, wenn die Schwangerschaft schon relativ weit fortgeschritten ist, etwa die 20. Woche bereits erreicht wurde. Dann aber ist das Baby meist schon so groß, dass ein üblicher Schwangerschaftsabbruch nicht mehr möglich ist. Haben die Eltern sich dagegen entschieden, das Kind zur Welt zu bringen, ist in solchen Fällen oft der Einsatz von Wehenmitteln unumgänglich. Keine Frage, dass die Wochen quälender Ungewissheit, die qualvolle Entscheidungsfindung und der endgültige Abbruch der Schwangerschaft für die Eltern in einer solchen Situation extrem belastend sind.

Noch etwas sollten werdende Eltern bedenken: Die Gefahr, ein schwer geschädigtes Baby zu bekommen, ist nicht so groß, wie man aufgrund der großen Popularität von pränatalen Diagnosemethoden meinen könnte: Nur etwa 4,5 Prozent aller Behinderungen sind angeboren. Hinzu kommt: Wie schwer sich ein Chromosomen- oder ein Neuralrohrdefekt im Leben des Kindes auswirken wird, kann dabei keine Untersuchung vorhersagen.

Ein gutes Beispiel ist die zweithäufigste Chromosomenstörung, das Klinefelter-Syndrom: Eines von 650 männlichen Neugeborenen besitzt statt dem Chromosomensatz XY das Chromosomentrio XXY. Aber: Viele erwachsene Männer wissen gar nicht, dass sie das Klinefelter-Syndrom haben, da es sie überhaupt nicht beeinträchtigt. Selbst beim Down-Syndrom reicht die Spannbreite von einer schweren Behinderung bis zu hin zu Menschen, die ihr Leben sehr gut gestalten können. Viele Kinder, die mit einem Neuralrohrdeffekt geboren wurden, führen später ein selbst bestimmtes Leben, sind berufstätig und im Alltag kaum eingeschränkt.

Deshalb ist es wichtig, dass Sie sich als werdende Eltern mit den einzelnen Methoden vertraut - den Chancen, den Risiken, vor allem aber auch mit der Aussagekraft der Ergebnisse. Und, fast noch wichtiger: Überlegen Sie gemeinsam, wie viel Sie vor der Geburt über die Gesundheit Ihres Kindes wirklich wissen möchten - und wie Sie mit Nachricht umgehen würden, dass das Kind nicht gesund ist. Am besten sprechen sie darüber, noch bevor der erste Ultraschall ansteht.

Wer hilft mir bei der Entscheidung für oder gegen die Untersuchungen?

Sie sind unsicher, ob Sie Ihr Baby mithilfe der Pränataldiagnostik untersuchen lassen sollen? Vielleicht bietet Ihnen unser Argumente-Check eine erste Entscheidungshilfe. Sie wollen sich lieber mit anderen werdenden Müttern austauschen? Dazu ist unser Forum "Pränatale Diagnostik" eine gute Gelegenheit.

Auch der Bundesverband für körper- und mehrfachbehinderte Menschen e. V. (bvkm.) beschäftigt sich mit den Grenzen der Pränataldiagnostik und den langfristigen Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Umgang mit Behinderten. Die genauen Positionen dazu finden Sie hier