Operationen am Ungeborenen
 
Rettung im Mutterleib

Pionierleistung: Chirurgen behandeln den offenen Rücken

Wir befinden uns noch in einem Pilotstadium

Thomas Kohl, Leiter des Deutschen Zentrums für Fetalchirurgie und minimal-invasive Therapie (DZFT) am Universitätsklinikum Bonn, gehört zu jenen Ärzten, die Babys mit offenem Rücken (Spina bifida) operieren. "Sieben bis neun von zehn Schwangeren entscheiden sich in Deutschland für eine Beendigung der Schwangerschaft, wenn ihr Baby einen offenen Rücken hat", sagt er. Gelinge es dagegen, den Rücken in der 19. bis 25. Schwangerschaftswoche in einer OP zu verschließen, seien die Kinder später deutlich weniger stark beeinträchtigt.

Kohl räumt jedoch ein: "Wir befinden uns in einem Pilotstadium. Wir haben von der Ethikkommission die Genehmigung, zunächst 30 Schwangere zu operieren." Bis heute hat er bei 15 Kindern mit offenem Rücken den Eingriff im Mutterleib gewagt. Bei zweien sei der Rücken nach der Geburt soweit zugewachsen gewesen, dass sie nicht noch einmal operiert werden mussten. Ihre Beine und Gehirne hätten von dem Eingriff profitiert.

Allerdings konnte er bei drei Kindern die Fehlbildung nicht korrigieren. Drei weitere Babys starben - entweder bei dem Eingriff oder an Komplikationen nach der Geburt. "Diese gemischte Bilanz macht es für betroffene Schwangere zu Recht sehr schwierig, sich für den Eingriff zu entscheiden", räumt Kohl ein.

Sein Mainzer Kollege Tchirikov beobachtet solche Eingriffe deshalb mit großer Skepsis: "Die Ergebnisse einer OP im Mutterleib sind richtig schlecht", rügt er. Im schlimmsten Fall schade der Eingriff dem Baby mehr als er nutze.

Erstmals gelungen: Lungenbehandlung bei vorzeitigem Blasensprung

Eine geplatze Fruchtblase mitten in der Schwangerschaft ist für das Baby eine sehr gefährliche Situation. Oftmals versuchen die Ärzte in solchen Fällen, die Geburt so weit wie möglich hinauszuzögern und gleichzeitig die Lungen-Reifung des Ungeborenen zu beschleunigen, in dem sie der Mutter Nebennierenrinden-Präparate verabreichen.

Erstmals gelang es jetzt Ärzten am Universitätsklinikum Bonn, bei einem solchen Fall das Kind bereits im Mutterleib zu behandeln. Weil die Mutter in der 20. Schwangerschaftswoche einen vorzeitigen Blasensprung erlitt, wuchsen die Lungen des Ungeborenen nicht mehr, so dass das Mädchen nach der Geburt zu ersticken drohte. Denn: Bei einem Blasensprung vor der 22. Schwangerschaftswoche wird das Kind ohne das schützende Flüssigkeitspolster stark eingeengt, und die Organe drücken auf die Lunge. Daher ist sie bei der Geburt viel zu klein oder kann das Blut nicht mit Sauerstoff anreichern. Außerdem besteht die Gefahr, dass das Kind an einer Infektion erkrankt.

Unterstützt durch Kamera und Ultraschall führten die Bonner Fetalchirurgen bei dem Eingriff das Fetoskop über eine kleine Öffnung im Bauch in die Fruchthöhle und von dort über die Mundöffnung bis zur Luftröhre des Ungeborenen ein. Ein dort aufgeblasener Mini-Ballon blockiert den Atemkanal, so dass die von der vorgeburtlichen Lunge ständig produzierte Flüssigkeit nicht mehr abfließen konnte. Der so aufgebaute Flüssigkeitsdruck regte die Lunge an, zu wachsen. Erstmals setzten die Mediziner außerdem das Eiweiß Albumin ein, das die Wasseransammlung in der Lunge erhöht und den Effekt des Latexballons verstärkt. Der Ballon blieb fünf Tage in der Lunge - in dieser Zeit wuchs das Lungenvolumen um fast das Doppelte. Der ganze Eingriff dauerte nicht mehr als zwei Stunden.

Das Mädchen erblickte in der 33. Schwangerschaftswoche das Licht der Welt. Heute ist sie ein Jahr alt - und kerngesund!